Günter Netzer, von Jorge Valdano gibt es ein schönes Zitat: Das Estadio San­tiago Ber­nabéu hat auf mich die­selbe Wir­kung wie das Meer – mir kommt es nie klein vor, immer monu­mental. Beide Orte atmen Größe.“ Stimmen Sie ihm zu?
Für mich war das Ber­nabéu immer der sicht­bare Aus­druck der Macht von Real Madrid. Kein Verein auf diesem Pla­neten ver­sprüht einen ähn­li­chen Mythos der Größe wie Real, und dieses Sta­dion ist die ein­drucks­volle Visi­ten­karte. Nach dem Azte­ken­sta­dion in Mexiko-Stadt ist es für mich das beein­dru­ckendste Sta­dion der Welt.

Sie wech­selten 1973 von Borussia Mön­chen­glad­bach nach Madrid. Eine große Umstel­lung?

Auf jeden Fall. Mein Arbeits­platz in den all den Jahren zuvor war der kusche­lige Bökel­berg, und nun durfte ich vor 125 000 Zuschauern in diesem gigan­ti­schen Gebilde spielen. Das waren neue Maß­stäbe der Auf­merk­sam­keit, an die ich mich erst gewöhnen musste.

Die Super­stars der Gegen­wart werden bei ihrer Begrü­ßung in Madrid ver­läss­lich von meh­reren zehn­tau­send Zuschauern erwartet. Wie war das bei Ihnen?

Vicente del Bosque, der ehe­ma­lige Real-Trainer, hat mir mal erzählt, was ihm durch den Kopf ging, als 2001 Neu­zu­gang Zine­dine Zidane von vielen tau­send Fans begrüßt wurde: Genau wie bei Netzer!“ Als ich kurz vor der Saison 1973/74 gemeinsam mit meinen neuen Mit­spie­lern ins Sta­dion spa­zierte, standen auf den Tri­bünen 25 000 Men­schen und applau­dierten. Nie­mand hatte mit diesem Ansturm gerechnet.

Das muss Ihnen doch Angst gemacht haben.

Von wegen! Ich nahm das ganz cool zur Kenntnis und winkte so lässig wie mög­lich ins weite Rund. Ich dachte, das sei hier so üblich. Dabei hätte ich nur Ver­eins­le­gende Ferenc Puskas ins Gesicht schauen müssen. Der stand neben mir und bekam den Mund nicht mehr zu.

Von Puskas stammt der Satz: Wenn die Zuschauer nicht pfeifen, haben sie den Mund voll.“

Gepfiffen wurde im Ber­nabéu nicht. Dafür aber geschwiegen. Wenn den Zuschauern etwas nicht gepasst hat, dann war es toten­still in diesem rie­sigen Sta­dion. Das war fast noch schlimmer.

Wie erging es Ihnen in Ihrer ersten Saison, als Real Madrid alles andere als könig­lich spielte?

Ach, eine furcht­bare Saison! Wir waren zeit­weise sogar in Abstiegs­ge­fahr und ich spielte die meiste Zeit ganz gräss­li­chen Fuß­ball. Ich kann mich noch gut an mein erstes Spiel erin­nern. Ich ver­schoss einen Elf­meter.

Und das Sta­dion machte Sie fertig?

Im Gegen­teil. Sie applau­dierten und mun­terten mich auf. Am Bökel­berg hätten sie sich wahr­schein­lich die Finger wund gepfiffen.

Was ist Ihnen noch im Gedächtnis geblieben?

Der Rasen. Ein unglaub­lich schöner Tep­pich, solch eine Qua­lität kannte ich nur von Golf­plätzen. Für einen Tech­niker wie mich war das natür­lich die ideale Arbeits­fläche. Aus­wärts setzten sie dagegen über Nacht ihr eigenes Spiel­feld unter Wasser, damit ihre min­der­be­mit­telten Fuß­baller auch mal eine Chance hatten. Nicht so bei uns. Da war das Grün kurz geschnitten, immer feucht und schön weich. Per­fekt!

Hatten Sie eigent­lich einen Spitz­namen wäh­rend Ihrer Zeit in Spa­nien?

Viele. Sie nannten mich abwech­selnd el Rubio“, den Blonden, und Nibe­lungo“, ein Name, der mir natür­lich prächtig gefiel. Und für all die deut­schen Spieler hatten die Spa­nier sowieso einen uni­ver­salen Begriff: los Vikingos“, die Wikinger.

Stimmt es eigent­lich, dass Ihnen Publi­kums­lieb­ling Pirri nach schönen Pässen regel­mäßig Kuss­händ­chen zuge­worfen hat?

(lacht) Der Pirri? Kuss­händ­chen? Wir waren zwar gut befreundet und ver­standen uns auf dem Platz blind. Aber zu sol­chen Zärt­lich­keiten ist es dann doch nie gekommen.

1998 erlangte Ber­nabéu noch einmal Welt­ruhm, als beim Cham­pions-League-Spiel zwi­schen Real und Borussia Dort­mund der Pfosten brach.

Und auf dem Rasen lief mein armer Freund José Luis Ser­rano (damals Geschäfts­führer von Real Madrid, d. Red.) auf und ab und wusste nicht weiter. Ich wusste ja, dass die Ersatz­tore ganz weit ent­fernt standen, auf der Ciudad Depor­tivo, Reals Trai­nings­ge­lände! Wie die Madri­lenen es dann schafften, die rie­sigen Tore durch diesen klit­ze­kleinen Spie­ler­tunnel zu bug­sieren, ist mir bis heute ein Rätsel. Eine gigan­ti­sche Leis­tung! Viel­leicht sollten sie dem Platz­wart mal ein Denkmal setzen.