Seite 2: Wolf hat keine Zeit

Titz selbst for­derte immer wieder Zeit ein. Eine Mann­schaft fuß­bal­le­risch wei­ter­zu­ent­wi­ckeln sei ein Pro­zess, der nicht nach zehn Spiel­tagen abge­schlossen sei. Die Ent­schei­dung der Ver­ant­wort­li­chen zeigt: Der HSV hat keine Zeit. Es ist auch ein Fin­ger­zeig, dass der Auf­stieg in diesem Jahr unbe­dingt geschafft werden soll.

Zumin­dest hat der HSV in Hannes Wolf einen Nach­folger ver­pflichtet, der bereits bewiesen hat, dass er die zweite Liga kennt. Mit dem VfB Stutt­gart stieg er vor zwei Spiel­zeiten auf. Wolf ist kein eif­riger Ver­fechter des Ball­be­sitz­fuß­balls wie Titz. In Stutt­gart ließen seine Ver­tei­diger den Ball zwar auch gerne länger laufen. Sie lösten das Spiel aber auch immer wieder mit langen Bällen aus.

Das dürfte die größte Ände­rung unter Wolf sein: Der ehe­ma­lige Dort­munder Jugend­coach defi­niert sich tak­tisch stärker über das Spiel gegen den Ball als sein Vor­gänger. Gerade das Gegen­pres­sing fokus­siert Wolf, auch der Kampf um zweite Bälle ist ihm wichtig. Es scheint durchaus mög­lich, dass die Spiel­an­lage des Ham­burger SV etwas kör­per­be­tonter sein wird in der Zukunft. Das könnte vor allem Pierre-Michel Lasogga zugu­te­kommen, der unter Titz zuletzt kaum zum Zuge kam.

Bald könnte das nächste Ham­burger Gesetz greifen

Ein Ass hat Wolf jedoch im Ärmel: die indi­vi­du­elle Klasse des Teams. Unter Titz riefen die wenigsten Spieler ihr Poten­tial ab. Rou­ti­niers wie Aaron Hunt, Lewis Holtby und Gotoku Sakai ließen ihre tech­ni­schen Fähig­keiten allen­falls ver­ein­zelt auf­blitzen. In der Abwehr hat sich die Feh­ler­quote seit den Ver­let­zungen von Kyriagos Papado­poulos und Gideon Jung expo­nen­tiell erhöht. Ihre Rück­kehr dürfte die Vie­rer­kette sta­bi­li­sieren.

Die Frage ist: Genügt das für den Auf­stieg? Das grund­sätz­liche Pro­blem lautet, dass jeder Zweit­li­gist ein 0:0 gegen den Bun­des­liga-Dinos feiert, als hätte man gerade Bayern Mün­chen einen Punkt abge­luchst. Zwei Vie­rer­ketten auf­bauen, kom­pakt im Mit­tel­feld stehen, auf Konter hoffen: So lautet aktuell die Anti-HSV-Taktik der gesamten Liga. Gerade in seinem zweiten Jahr in Stutt­gart fiel Wolf jedoch gerade auf durch offen­sive Ant­worten auf defen­sive Gegner. Er wurde in Stutt­gart auch des­halb ent­lassen, weil sein Team nur 16 Tore in 20 Sai­son­spielen erzielt hatte.

Ralf Becker und Vor­stands­chef Bernd Hoff­mann gehen mit der Per­so­nalie Wolf also ins Risiko. Mit der Ent­las­sung des popu­lären Titz haben sich die beiden Macher in die Schuss­bahn begeben. Geht der Trai­ner­wechsel schief, dürfte bald das nächste Ham­burger Gesetz greifen. Denn seine Sport­chefs und Vor­stands­vor­sit­zenden wech­selt der HSV schließ­lich nur unwe­sent­lich sel­tener als seine Trainer.