Fast hätte er den Sieg der Spa­nier ver­passt. Doch der ICE, der den jungen Coach vom Trai­ner­lehr­gang in Köln nach Nürn­berg brachte, hatte diesmal keine Ver­spä­tung – pünkt­lich zum Anpfiff saß Michael Wie­singer vor dem hei­mi­schen Fern­seher. Am Tag nach dem deut­schen Aus­scheiden lei­tete Ex-Profi Wie­singer dann das Vor­mit­tags­trai­ning seiner Mann­schaft, zwei schweiß­trei­bende Stunden bei 33 Grad Cel­sius. Wir wollen jetzt den ersten Schritt machen und uns in der Zweiten Liga eta­blieren.“ Den ersten Schritt? Wie­singer wird nun ein wenig ein­silbig. Dabei ist so viel Zurück­hal­tung gar nicht nötig: Es ist kein Geheimnis, dass der Welt­kon­zern Audi nichts dagegen hätte, in abseh­barer Zeit einen Erst­li­gisten zu spon­sern.



Fünf Mil­lionen Euro, rund ein Fünftel des Gesamt­vo­lu­mens, hat der Auto­bauer zum Bau der neuen Heimat bei­gesteuert, das kon­se­quen­ter­weise Audi-Sport­park“ heißt. Ein reines Fuß­ball­sta­dion ist da aus dem Boden gewachsen, keine Arena. Ohne Lauf­bahn und mit immerhin 6000 Steh­plätzen – über ein Drittel der Gesamt­ka­pa­zität. Der Club will sich volks­tüm­lich prä­sen­tieren. Wichtig ist es jetzt, dass die Region den FC Ingol­stadt wahr­nimmt. Dafür muss man ihr aber Zeit geben“, sagt Audi-Auf­sichts­rats­chef Frank Dreves.

Manche glauben, wir schwimmen im Geld“

Zeit wird in der Tat von­nöten sein, schließ­lich hat der FCI ein gehö­riges Image­pro­blem: Man­cher Fan und viele meiner Trai­ner­kol­legen denken, dass wir im Geld schwimmen“, weiß Wie­singer und lacht ein wenig bitter: Klar können wir uns nicht beklagen. Aber wir haben vor dieser Saison mit man­chem Spieler ver­han­delt, der dann zu einem Liga­kon­kur­renten gegangen ist.“ Man wun­dere sich manchmal schon, welche Gehälter gerade die Ver­eine bezahlten, die sich öffent­lich als finanz­schwach dar­stellten.

Tat­säch­lich sind die bis­lang getä­tigten Zugänge keine teuren Stars. Ein 14-facher öster­rei­chi­scher Natio­nal­spieler (Ronald Ger­caliu vom SC Magna Wiener Neu­stadt) ist immerhin dabei. Und Keeper Sascha Kirsch­stein, den sein Coach für einen der Besten der Liga“ hält. Ansonsten ein paar Jung­spunde wie Sebas­tian Hof­mann (VfB Stutt­gart II) oder Sebas­tian Zielinsky (1. FC Köln). Alle­samt Spieler, die par­allel nicht vom FC Bayern umworben gewesen sein dürften. Viel­leicht aber solche, so hofft man beim FCI, die sich beweisen wollen. Und die mit­helfen, dass die Dar­bie­tungen der jungen Mann­schaft dem­nächst nicht mehr vor einer bes­seren Viert­liga-Kulisse statt­finden. Zur Begeg­nung gegen Mit-Auf­steiger Osna­brück kamen im Früh­jahr nur 2.800 Zuschauer. Zum wich­tigsten Spiel der jün­geren Ver­eins­ge­schichte fuhr ein ein­ziger Fanbus nach Ros­tock. Und die Sai­son­er­öff­nung Anfang Juli wollten statt der erhofften 1000 wieder nur 400 Leute sehen.

Ingol­stadt soll sich selbst ver­söhnen

Mit Akzep­tanz­pro­blemen hat der Club seit seiner pro­ble­ma­ti­schen Geburt zu kämpfen. 2004 war der FCI als Fusi­ons­pro­dukt aus den Tra­di­ti­ons­ver­einen ESV und MTV her­vor­ge­gangen. Mit den Folgen der Ver­nunftehe hat man noch heute zu kämpfen. In Ingol­stadt, wo jahr­zehn­te­lang die raren Lokal­derbys der Höhe­punkt in der ansonsten sport­lich tristen Gegen­wart waren, wei­gerte sich manch alter ESV-Fan zu den Regio­nal­li­ga­spielen des neu gegrün­deten Ver­eins ins MTV-Sta­dion zu kommen. Nach dem ersten Auf­stieg in die Zweite Liga anno 2008 blieben dann viele ehe­ma­lige MTV-Fans weg – der Club war ins grö­ßere Sta­dion der Eisen­bahner umge­zogen. Auf neu­tralem Boden – so die Hoff­nung der Ver­ant­wort­li­chen – soll Ingol­stadt nun mit sich selbst ver­söhnt werden – und damit mit seinem Zweit­li­gisten, der in den ver­gan­genen sechs Jahren vieles richtig gemacht hat – was im Mai end­lich auch einmal ein grö­ßeres Publikum mit­bekam.

Nach dem 1:0 zu Hause gewann der unbe­küm­merte Dritt­li­gist auch das zweite Rele­ga­ti­ons­spiel gegen Hansa Ros­tock – der bun­des­li­ga­er­fah­rene Fabian Gerber (Frei­burg, Mainz) schoss beide Tore und hatte Recht, als er das Resultat („So ein­fach hatten wir uns das nicht vor­ge­stellt“) auch auf den deso­laten Gegner schob. Und den­noch: Vor allem beim Rück­spiel agierte der Dritte der Dritten Liga mit einer Ball­si­cher­heit und einer tak­ti­schen Dis­zi­plin, die man auch eine Spiel­klasse höher nur selten antrifft. Eine gedie­gene Spiel­kultur soll auch eine Etage höher Mar­ken­zei­chen der Ingol­städter sein: Ich bin ein Freund offen­siver und attrak­tiver Spiel­weise“, sagt Michael Wie­singer, aller­dings aus einer guten defen­siven Grund­ord­nung heraus, anders kann man in der Zweiten Liga nicht bestehen.“

Der Minis­ter­prä­si­dent ist sprung­haft

Beim FCI hoffen sie inständig, dass attrak­tiver Fuß­ball und die neu errich­tete Heim­spiel-Stätte künftig ein paar mehr Ingol­städter zu ihrem fuß­bal­le­ri­schen Reprä­sen­tanten locken. Der pro­mi­nen­teste Ingol­städter Bürger, Horst See­hofer, hat in der Saison 2008/2009 immerhin auch schon seine Liebe zum FCI bekannt. Die Spieler tun gut daran, die nicht zu ent­täu­schen, schließ­lich ist der Minis­ter­prä­si­dent ein wenig sprung­haft bei seinen fuß­bal­le­ri­schen Vor­lieben. See­hofer war in unter­schied­li­chen Epo­chen seines Lebens auch schon Fan des 1. FC Nürn­berg sowie der beiden Münchner Clubs.