Her­bert Laumen, Sie haben in 267 Bun­des­li­ga­spielen 121 Treffer erzielt. Das berühm­teste Tor, an dem Sie betei­ligt waren, ist jedoch am 3. April 1971 im Spiel zwi­schen Borussia Mön­chen­glad­bach und Werder Bremen zusam­men­ge­bro­chen.
Wenigs­tens habe ich Fuß­ball­ge­schichte geschrieben. Ich kann sagen: Wegen mir gibt es bis heute Alu­mi­ni­um­tore in den Sta­dien.

Der Legende nach sollen Sie sich minu­ten­lang kaputt­ge­lacht haben, als das Tor zusam­men­brach.
Über­haupt nicht. Ich hing im Netz und hörte, wie leise der Pfosten knarzte. Schließ­lich sah ich aus dem Augen­winkel, wie das mor­sche Holz in Zeit­lupe neben mir abbrach. Ich musste in Deckung gehen, damit ich nicht von der Latte erschlagen wurde. Das war im ersten Moment über­haupt nicht lustig.

Welche Tore sind Ihnen sonst noch in Erin­ne­rung geblieben?
Sehr viele. Spiel­ent­schei­dende Treffer gegen die Bayern oder ein Flug­kopf­ball gegen 1860 Mün­chen. Eins meiner schönsten Tore wurde übri­gens nicht gegeben. Gegen Schalke 04 habe ich Nor­bert Nigbur aus 35 Metern mal den Ball genau in den Knick geschossen. Erst als ich meinen Jubel­lauf beendet hatte, merkte ich, dass der Schieds­richter abge­pfiffen hatte, weil Horst Köppel im Abseits stand und dem Nigbur angeb­lich die Sicht ver­deckt hatte.

Jubel­lauf? Gab es auch zu Ihrer Zeit schon solche Rituale?
Natür­lich. Heute wiegen die Jungs ihre unsicht­baren Babys, in meiner Zeit sprang ein Stürmer in die Luft und ballte die Hand zur Faust. Das hatte Lothar Emma“ Emme­rich vom BVB geprägt, und viele ori­en­tierten sich damals daran.

Können Sie beschreiben, was für ein Typ Spieler Sie zur aktiven Zeit waren?
Ich brauchte den Druck, um Höchst­leis­tungen ablie­fern zu können. Hennes Weis­weiler war per­fekt als Trainer für einen wie mich. Der wusste genau, wann er mich zur Ord­nung rufen musste und wann er mich an der langen Leine lassen konnte. Ich habe unter ihm nicht von unge­fähr 124 Spiele in Folge gemacht –
und das als Angreifer. Ohne Weis­wei­lers Füh­rung tat ich mich schwerer. Erich Rib­beck, der später mein Trainer in Kai­sers­lau­tern war, hat sogar mal meine Frau ange­spro­chen, sie solle darauf achten, dass ich mehr trai­niere.

Sie sind Borussia Mön­chen­glad­bach bereits im Jahr 1953 bei­getreten.
Damals war Borussia noch ein klas­si­scher Fahr­stuhl­verein, der nie lange in der Ober­liga mit­spielte. Mit unseren Jugend­mann­schaften aber sind wir immer Meister geworden. Als Fritz Langner 1962 Trainer wurde, holte er sechs A‑Jugendliche zu den Herren. Damit legte er den Grund­stein dafür, dass Glad­bach in erfolg­rei­chere Bahnen kam. Das Pro­blem aber war: Langner war Pro­fi­trainer, der nicht berück­sich­tigte, dass wir Spieler noch im Berufs­leben standen.

Sie waren als Buch­dru­cker tätig.
Ich fuhr jeden Morgen um 6 Uhr zur Arbeit nach Düs­sel­dorf. Am späten Nach­mittag kam ich nach Hause und schleppte mich zum Trai­ning. Und dann zwei Stunden mit Langner … Manchmal ließ er kom­plett ohne Ball trai­nieren, davon eine Stunde nur traben, sprinten, traben, sprinten.

Ein klas­si­scher Schleifer.
Bei ihm gab es nie Lob, nur Druck. Er hat auch in der Saison am Freitag vor dem Spiel noch so hart wie in der Vor­be­rei­tung trai­nieren lassen. In seiner Zeit bin ich oft sehr ungern zum Trai­ning gegangen, weil ich wusste: Wenn ich nach Hause komme, bin ich voll­kommen fertig. Und mor­gens um fünf Uhr musste ich ja wieder raus.

Vom Pro­fi­leben waren Sie also noch weit ent­fernt.
Ich habe noch bis 1967 in Düs­sel­dorf gear­beitet, bis 1964 jeden Tag volle acht Stunden. Unter Langner machten wir auch zweimal die Woche nach der Ein­heit noch Mann­schafts­sit­zungen, die teil­weise bis Mit­ter­nacht gingen. Und zum Abschluss sagte er frech: Jungs, geht früh schlafen.“

Als Fritz Langner im April 1964 zu Schalke 04 wech­selte, sagte er miss­bil­li­gend über Ihr Team: Ich kann aus Acker­gäulen keine Renn­pferde machen.“
Den Spruch hat er zwei Jahre später bereut. Da haben wir Schalke mit 11:0 geschlagen. Mein Gegen­spieler Friedel Rausch sagte: Um Gottes Willen, hört doch auf.“ Dabei wollten wir die gar nicht vor­führen.

Son­dern?
Ein­fach nur Tore machen. Wir waren nicht zu bremsen, Hennes Weis­weiler hatte uns tor­hungrig gemacht. Das Spiel fand auf Schnee statt. Einige von den Schal­kern hatten irr­tüm­li­cher­weise Nop­pen­schuhe ange­zogen und rutschten ständig aus.

Sie waren nach Lang­ners Weg­gang zur legen­dären Foh­lenelf gereift und in die Bun­des­liga auf­ge­stiegen.
Mit Hennes Weis­weiler begann in Mön­chen­glad­bach eine neue Zeit­rech­nung. Er stellte kom­plett auf junge Leute um und ließ offensiv spielen: Bernd Rupp kam aus Wies­baden, er passte per­fekt zu unseren schnellen Angrei­fern, zu Jupp Heynckes und zu meiner Wenig­keit. Wir hauten alles weg, was an den Bökel­berg kam.

Was machte Weis­weiler besser als Langner?
Fritz Langner war ein Feld­webel, er gab ständig nur Feuer. Weis­weiler hat gemerkt, dass es auch Spieler gibt, die eine andere Ansprache brau­chen. Wer bei Langner schlecht spielte, saß am nächsten Samstag auf der Tri­büne. Weis­weiler sagte: Ihr könnt auch mal schlechter spielen, Haupt­sache, ihr arbeitet daran.“

Er führte bei Borussia ein, dass Sie vor jedem Spiel ins Trai­nings­lager ins benach­barte Süch­teln fuhren.
Es war immer das­selbe Ritual: Frei­tags um 11 Uhr war Trai­ning, anschlie­ßend fuhren wir in Fahr­ge­mein­schaften rüber zum Park­hotel. Dort wurde gegessen. Mit­tags­ruhe. Anschlie­ßend gingen wir Kaffee trinken, danach über Jahre immer der­selbe Spa­zier­gang durch den Süch­telner Wald. Und abends fuhren wir nach Mön­chen­glad­bach ins Kino. Wir waren mit fünf Autos unter­wegs, aber beim Trai­nings­platz in Süch­teln gab es nur zwei Park­ga­ragen. Im Kino fing vor der Rück­fahrt oft schon das Rennen um einen dieser Plätze an. Die ersten scharrten bereits beim Abspann mit den Füßen.

Bei wem saßen Sie im Auto?
Ich bin oft selbst gefahren. Aber gegen Günter Netzers Karren, die Jaguars und Fer­raris, hatte ich mit meinem Mer­cedes 200 Diesel natür­lich keine Chance. Es ging über eine Land­straße zurück nach Süch­teln. Die sind gefahren wie die Ver­rückten, dass da nichts pas­siert ist …

Und wer bekam die Park­ga­rage?
Der Netzer immer.

Wer war in Süch­teln Ihr Zim­mer­nachbar?
Es gab vier Ein­zel­zimmer, eins davon hatte ich.

Ging Weis­weiler mit seinen Spie­lern nach den Spielen auch mal einen trinken?
Nein, das machten wir schon ohne ihn – und er ohne uns. Er schlief im Trai­nings­lager im Zimmer neben mir. Manchmal hörte ich nachts, wenn etwas umfiel, weil er das Bett nicht mehr richtig fand und sein Co-Trainer rief: Hennes, du weckst die Jungs…“

Und wie reagierte Weis­weiler, wenn ein Spieler zu tief ins Glas schaute?
Wer sams­tags seine Leis­tung brachte, hatte mit Hennes kein Pro­blem. Fritz Langner war da ganz anders. Der ist Streife gefahren und hat in den Diskos geschaut, ob einer von uns da ist. Der machte sogar Kon­troll­an­rufe zu Hause.

Sie sagten Hennes“ zum Trainer?
Nein, wir sagten Chef“. Er duzte uns, nur wenn es hieß Her­bert, Sie wissen doch …“ wusste ich, dass es brenzlig für mich wird.

Den­noch hatten Sie auch mit Weis­weiler Ihre Pro­bleme.
Es war am Ende der Saison 1965/66. Ich war mit der Posi­tion des Rechts­außen nicht zufrieden und wollte lieber hinter den Spitzen spielen. Er war dagegen, des­halb standen wir eine Zeit­lang auf Kriegsfuß. Dann fragte Weis­weiler, ob Berti Vogts mit ihm und seiner Frau zur WM nach Eng­land fahren wolle. Er war ja so was wie Weis­wei­lers Zieh­sohn. Aber Berti und ich hatten schon einen Urlaub im Schwarz­wald geplant. Das Ende vom Lied war, dass Berti und ich mit dem Ehe­paar Weis­weiler für 14 Tage zur WM nach Eng­land fuhren.

Wie war der Urlaub mit den Weis­wei­lers?
Wir fuhren nach Ash­bourne, in die Nähe des Trai­nings­zen­trums der deut­schen Mann­schaft. Unser Tag begann um 9 Uhr auf diesem Platz, wo wir zu dritt unsere Ein­heiten machten. Um elf Uhr kam dann die Natio­nalelf, und wir gingen früh­stü­cken.

Konnte man gut mit ihm reden?
Er ließ Mei­nungen zu. Ein Bei­spiel: Hennes Weis­weiler war ein Trainer, der lieber 5:4 als 1:0 gewann, aber als wir 1965 in die Bun­des­liga auf­stiegen, wurde das zum Pro­blem. Wir brauchten Ver­stär­kung in der Abwehr, also sprach Günter Netzer mit ihm. Dar­aufhin han­delte Weis­weiler: Am letzten Spieltag der Saison 1968/69 fuhren wir ohne ihn zum Spiel bei Werder Bremen – und ver­loren 5:6. Der Chef aber blieb in Köln, wo an diesem Tag der FC gegen Nürn­berg gegen den Abstieg spielte. Wolf­gang Weber spielte in Köln, Ludwig Müller beim FCN. Weis­weiler war­tete, bis klar war, dass Nürn­berg abge­stiegen war. Dann ging er in die Kata­komben und über­re­dete Luggi Müller, in der nächsten Saison zu uns zu kommen. Wäre Köln abge­stiegen, hätte er Weber geholt.

Viele dama­lige Spieler beschreiben Weis­weiler als Vater­figur.
Das war er. Mit mir fuhr er bei­spiels­weise 1964 in die Firma und sorgte dafür, dass ich nur noch bis 14 Uhr arbeiten musste. Als Berti Vogts ver­pflichtet wurde, adop­tierte er ihn fast, weil Berti ja Voll­waise war. Und mir gab er den Auf­trag, mich ein biss­chen um Berti zu küm­mern.

Wie lief das ab?
Berti lebte noch in Büttgen, was auf halber Strecke zwi­schen Düs­sel­dorf und Mön­chen­glad­bach liegt. Auf dem Rückweg von der Arbeit holte ich ihn fortan jeden Tag zum Trai­ning ab. Daraus ent­wi­ckelte sich eine gute Freund­schaft. Wir sind vier Jahre gemeinsam um die Häuser gezogen.

In Günter Netzers legen­därer Dis­ko­thek Lovers Lane?
Später waren wir dort auch mal, aber höchs­tens auf einen Absa­cker. In der Lovers Lane wurde man meist blöd ange­quatscht. Dort gingen viele hin, um mit den Spie­lern in Kon­takt zu kommen. Nach einem schlechten Spiel ließ man es also gleich bleiben. Berti und ich waren eher in Düs­sel­dorf und Neuss in Dis­ko­theken unter­wegs. Übri­gens auch an dem Tag, an dem ich meine spä­tere Frau ken­nen­lernte.

Erzählen Sie!
Es war der 3. Sep­tember 1967. Wir hatten am Samstag zuvor in Bremen ein Rie­sen­spiel gemacht und 4:0 gewonnen. Sonn­tags abends sind wir beide dann in Glad­bach auf die Rolle gegangen, und ich lernte sie in einer Disko kennen. Berti hat mir später am Abend sogar noch sein Auto geliehen, damit ich sie nach Hause fahren kann.

Günter Netzer gilt bis heute als Sti­li­kone unter den Fuß­bal­lern. Wie cool war er damals wirk­lich?
Er war der King, obwohl er von Haus aus eher zurück­hal­tend war. Günter han­delte für uns die Prä­mien aus oder fuhr nach Her­zo­gen­au­rach, um einen Puma-Deal für uns an Land zu ziehen. Er schmiss schon mit 21, 22 Jahren den ganzen Laden.

Und jeder in der Mann­schaft hat dem Jung­spund voll ver­traut?

Von ihm hätte man das letzte Hemd bekommen. Es gab damals diese Sam­mel­bilder vom Berg­mann-Verlag. Auch da schickten wir Günter in unserem Auf­trag hin, weil alle wussten: Netzer holt für uns das Opti­male raus.

Im Spiel gegen Han­nover 96 erzielten Sie im Sep­tember 1967 inner­halb von sieben Minuten denn schnellsten Hat­trick der Bun­des­li­ga­ge­schichte.
Kurz zuvor war Jupp Heynckes an die Leine gewech­selt. Weis­weiler war des­wegen ziem­lich sauer auf ihn. Darauf hat er vorher in der Kabine natür­lich hin­ge­wiesen, dass wir dem Jupp mal zeigen sollten, was für einen tollen Verein er ver­lassen hat. Aber das war kein Grund für meinen Hat­trick zwi­schen der dritten und neunten Spiel­mi­nute.

Obwohl Weis­weiler es nicht gerne sah, wech­selten Sie 1971 zu Werder Bremen.
Ich war belei­digt. Denn obwohl ich das fünfte Mal in Folge ver­eins­in­terner Tor­schüt­zen­könig geworden war und mich auf dem Höhe­punkt meiner Kar­riere befand, wollte mir unser Manager Helmut Gras­hoff keinen Vier-Jahres-Ver­trag geben. Er sagte: Dafür bist du zu alt.“ Dabei war ich erst 27.