Anti­held Pat Nevin über Kunst und Fuß­ball
Nacht­klubs? Ich ging lieber ins Theater!“

Pat Nevin, auf den Fotos hier von Ihnen aus den acht­ziger Jahren …
… sehe ich nicht wie die anderen Fuß­ball­spieler von damals aus.

Man würde eher denken, dass sie bei Echo & The Bun­nymen“ oder Joy Divison“ spielen als bei Chelsea auf Rechts­außen. Wollten Sie sich von Ihren Kol­legen abgrenzen?
Nein, ich habe so aus­ge­sehen, weil mir das ent­sprach. Ich mochte diese Bands damals sehr, und Musik war sowieso immer meine erste Liebe.

In den ganzen fast 20 Jahren Ihrer Kar­riere als Fuß­ball­profi?
Ja, bis heute. Für mich kam zuerst die Musik und dann Fuß­ball. Ich habe sogar mal bei einer Ver­trags­un­ter­zeich­nung noch einen Kon­zert­be­such aus­ge­han­delt. Der Manager von Chelsea hatte fal­len­ge­lassen, dass es ein paar Tage später ein Test­spiel geben sollte. Da habe ich gesagt, ich würde nur unter­schreiben, wenn ich nach der ersten Halb­zeit gehen könnte. Er hat gefragt, warum. Als ich ihm erklärt habe, dass ich unbe­dingt das Kon­zert der Coc­teau Twins“ sehen wollte, hat er gesagt: Du hast echt ne Macke, unter­schreib da!“ Beim Kon­zert hatte ich noch mein Trikot unterm Mantel an. Ich bin auch frei­tags­abends vor Spielen zu Kon­zerten gegangen, obwohl das nicht erlaubt war. Aber mir ging’s nicht ums Trinken, ich wollte die Bands sehen.

Ist das nie raus­ge­kommen?
Nein, weil ich ein Leben geführt habe, in dem es keine Über­schnei­dungen zum Fuß­ball gab. Wenn ich ins Theater, ins Kino oder zu Kon­zerten gegangen bin, hat mich kaum jemand erkannt. Man darf nicht ver­gessen, dass damals nur wenige Fuß­ball­spieler große Stars waren und viel Geld hatten.

Öffent­lich bekannt waren Ihre Vor­lieben für Indie­bands, Theater und Lite­ratur aber schon. Sie waren der Lieb­ling der Fan­zine-Kultur.
Aber das ist doch ganz ein­fach zu ver­stehen: Ich war einer von ihnen, nur, dass ich noch pro­fes­sio­nell Fuß­ball gespielt habe. Viele Fan­zine-Macher kamen wie ich von der Musik, und ich habe selbst für Musik-Fan­zines geschrieben und unter anderem Namen Kon­zert­be­richte für den New Musical Express“.

Woher kamen die für einen Fuß­ball­profi unge­wöhn­li­chen Inter­essen?
Ich bin in Eas­ter­house auf­ge­wachsen, der damals här­testen Gegend in Glasgow und ver­mut­lich in ganz Europa. Mein Vater war Arbeiter bei der Bahn, aber von uns sechs Geschwis­tern bin ich der ein­zige, der keinen ordent­li­chen Stu­di­en­ab­schluss hat. Meine Eltern haben auf unsere Aus­bil­dung sehr viel Wert gelegt. Des­halb wurde es auch unter­stützt, dass ich viel gelesen und mich für Musik und Filme inter­es­siert habe. Außerdem hatte ich einen unüb­li­chen Kar­rie­re­ver­lauf. Ich hatte zwar mit 13 ange­fangen, bei Celtic zu spielen, aber mit 16 wurde ich wieder weg­ge­schickt, weil ich ihnen zu klein war.

Was wahr­schein­lich ein Schock war.
Nein, das war schon in Ord­nung. Ich bin als Fan weiter ins Sta­dion gegangen, vor allem aber zum Col­lege. Fuß­ball habe ich nebenbei in einer Jugend­mann­schaft gespielt, wo etliche Spieler waren, die bei den großen Klubs aus­sor­tiert worden waren. Des­halb wurde oft bei uns ges­coutet. Irgend­wann wollte mich der FC Clyde, aber ich wollte nicht.

Warum?
Ich hatte nicht diesen ver­zwei­felten Drang, Profi zu werden, son­dern wollte meine Abschlüsse machen. Ich habe mich mit Kunst beschäf­tigt, viel gelesen, Musik gehört und sams­tags Celtic geschaut. Alles passte.

Ange­nommen haben Sie dann aber doch.
Aber nur, weil ich weiter zum Col­lege gehen dufte. Des­halb habe ich nach einem Jahr auch das erste Angebot von Chelsea abge­lehnt. Ein Jahr später kamen sie noch mal, und dann habe ich zuge­sagt. Ich habe mir quasi ein Sab­ba­tical vom Stu­dium gegeben und wollte das Pro­fi­leben ein­fach aus­pro­bieren.

Sie waren damals 19, welche Rolle haben Sie bei Chelsea gespielt?
Ich war immer totaler Außen­seiter. Meine Mit­spieler waren nur am Fuß­ball inter­es­siert und haben keine meiner Inter­essen geteilt. Ich habe mir im Theater Tsche­chow ange­schaut, meine Kol­legen sind in Nacht­klubs gegangen.

Klingt wie die Begeg­nung fremder Welten.
Absolut, ich bin zwi­schen der Fuß­ball­welt und der rich­tigen gepen­delt. Ich wollte Fuß­ball spielen, weil ich das wirk­lich aus ganzem Herzen liebte, und danach das machen, wofür ich mich sonst inter­es­sierte.

Und Ihre Kol­legen haben Sie Weirdo genannt, Spinner.
Das war nett gemeint. Geholfen hat mir wahr­schein­lich, dass es sport­lich gut lief. Ich war gleich Stamm­spieler und im zweiten Jahr Spieler des Jahres“. Außerdem hatte ich kein Pro­blem damit, Außen­seiter zu sein. Mein Vater war auch anders als alle anderen Väter in Eas­ter­house. Von ihm habe ich gelernt, dass man seine Über­zeu­gungen ver­tei­digen muss.

War das nötig?
Wir hatten in meiner ersten Saison, im Früh­jahr 1984, ein Spiel bei Crystal Palace, bei dem mein Mit­spieler Paul Cano­ville von unseren Fans aus­ge­buht wurde, weil er schwarz war. Ich hatte damals das ein­zige Tor geschossen, und als die Jour­na­listen zu mir kamen, habe ich gesagt: Ich habe keine Lust, etwas zum Spiel zu sagen, weil ich das Ver­halten unserer Fans so wider­lich finde.“ Damals hatte im Fuß­ball noch nie­mand das Pro­blem öffent­lich ange­spro­chen. Daher wusste ich, dass meine Äuße­rungen in den Schlag­zeilen sein würden.

Waren Sie mutig?
Das war nicht die Frage. Ich war über­zeugter Sozia­list, ich war auf Pro­test­mär­schen gegen die Apart­heid in Süd­afrika gewesen. Ich konnte gar nicht anders.

Wie fielen die Reak­tionen aus?
Unser Trainer John Neal war besorgt, weil er mich schützen wollte. Unser Vor­sit­zender Ken Bates war wütend, weil so ein kleiner Schnösel in der Presse für Wirbel sorgte.

Und die Fans?
Im nächsten Heim­spiel sind Kerry Dixon, der andere Publi­kums­lieb­ling, und ich zusammen mit Paul auf den Platz gelaufen. Ich bin kein son­der­lich emo­tio­naler Typ, aber als die Zuschauer dann Pauls Namen gerufen haben, standen mir Tränen in den Augen. Ich hatte das Gefühl: Man kann doch etwas ändern!

War es für einen Außen­seiter wie Sie schwer, Freunde im Fuß­ball zu finden?
Damit wir uns nicht miss­ver­stehen: Ich habe viele meiner ehe­ma­ligen Mann­schafts­ka­me­raden gemocht und freue mich heute noch, wenn ich sie treffe. Aber es ver­bindet mich mit wenigen wirk­lich etwas. Einer ist Brian McC­lair, der lange bei Man­chester United war. Als wir uns das erste Mal beim schot­ti­schen Junio­ren­team trafen, steckte uns der Trainer ins gleiche Zimmer. Anfangs haben wir nicht mit­ein­ander gespro­chen. Ich dachte, dass er halt einer dieser Fuß­baller ist, und er hat ver­mut­lich das­selbe gedacht. Dann habe ich den New Musical Express“ aus­ge­packt und er den Melody Maker“, da war das Eis gebro­chen.

Sie sind auch mit dem ehe­ma­ligen eng­li­schen Natio­nal­spieler Graeme Le Saux befreundet, der sich eben­falls für Kunst und Lite­ratur inter­es­siert, aber dafür von Fans und Gegen­spie­lern oft als Schwuchtel beschimpft worden ist. Warum er und Sie nicht?
Graeme und ich haben viel dar­über geredet. Einer der Gründe ist wohl, dass er auf diese Pro­vo­ka­tionen allzu oft reagiert hat. Wenn mich Fans von West Ham als Zwerg beschimpft haben oder wegen meiner großen Nase als Juden, habe ich hin­gegen nur gelä­chelt. Viel­leicht hatte ich den Vor­teil, in einer ziem­lich harten Gegend auf­ge­wachsen zu sein, wäh­rend Graeme einen behü­teten Mit­tel­klas­seh­in­ter­grund hat.

Gibt es heute Spieler, von denen Sie glauben, dass sie Ihre Inter­essen teilen?
Ich halte immer danach Aus­schau, auch weil ich gerade an einer Doku­men­ta­tion über Musiker arbeite, die Fuß­ball­fans sind, und Fuß­baller mit einem beson­deren Musik­ge­schmack. Juan Mata von Chelsea gehört dazu, und der eng­li­sche Natio­nals­pier Leighton Baines vom FC Everton ist ein großer Fan von Velvet Under­ground“ und Mer­cury Rev“.

Und wenn man von Musik absieht?
Natür­lich finde ich inter­es­sant, wenn Spieler offen­sicht­lich anders sind.
 
Wie Mario Balo­telli?
Inter­es­sante Frage. Ich habe eine Radio-Doku­men­ta­tion über ihn gemacht. Was dabei her­auskam, passt nicht zum Medi­en­bild des ver­wöhnten Kindes, das sich schlecht benimmt. Seine ehe­ma­lige Leh­rerin in Mai­land hat mir erzählt, dass er mit 14 zum ersten Mal in den Schul­fe­rien nach Bra­si­lien gefahren ist, um benach­tei­ligten Kin­dern zu helfen. Wel­cher 14-Jäh­rige kommt auf so eine Idee? Für mich ist Balo­telli auf eine Weise ganz anders, die ich nicht kenne. Es geht ihm bestimmt nicht allein um Geld und Ruhm.

Sind viele Spieler, die wir als Rebellen“ bezeichnen, eher radi­kale Hedo­nisten?
Ja, des­halb konnte ich auch nie Can­tona lieben.

Aber teilt er nicht Ihre kul­tu­rellen Vor­lieben?
Mag sein, aber ich weiß nicht, wie tief seine Inter­essen wirk­lich sind.

Viel­leicht ist er ein­fach ein Exzen­triker.
Ich glaube, das trifft es.

War es nicht auch exzen­trisch von Ihnen, dass Sie als Fan von Celtic Glasgow zu Hiber­nian Edin­burgh kon­ver­tiert sind?
Über­haupt nicht, das hatte poli­ti­sche Gründe. Ich konnte diese wider­li­chen Sprech­chöre gegen Pro­tes­tanten nicht mehr hören. Weil das bei Celtic vor zehn, elf Jahren nicht richtig ange­gangen wurde, habe ich mich abge­wandt.

Und dann haben Sie sich die Hibs aus­ge­sucht?
Mein Sohn wollte damals zum Fuß­ball, der Klub ist bei uns in der Nähe, sie haben auch grün-weiße Tri­kots und der erste Besuch war toll. Als die ersten Fans kamen, führten sie sofort eine auf­ge­regte Debatte über die Stärken und Schwä­chen von David Bowie, Lou Reed und Iggy Pop. Da dachte ich: Hier bin ich zu Hause. Seitdem habe ich eine Jah­res­karte.

Hört sich ein­fach an.
Es ist tat­säch­lich ein­fach. Ich habe auch eine viel­leicht etwas unge­wöhn­liche Mei­nung zur Kom­mer­zia­li­sie­rung des Fuß­balls. Wenn du die Nase von deinem Klub voll hast, weil es nur noch ums Geschäft geht, wenn du die Liebe nicht mehr spürst und auch nicht glaubst, dass sie jemals zurück­kommen wird, musst du deinen Verein nicht dafür hassen. Such dir eine neue Liebe, es gibt bestimmt einen netten Fuß­ball­klub in deiner Nähe! Bei mir hat es auch geklappt.