In unserem aktu­ellen 11FREUNDE-Spe­zial beschäf­tigen wir uns mit Die Zehn – Magier und Denker des Spiels“. Die Aus­gabe ist online bestellbar und am Kiosk eures Ver­trauens erhält­lich. »>

Was ich in der Schule nie ver­stand, war Mathe­matik. Zahlen, die natür­lich und unna­tür­lich sein konnten, Glei­chungen, die viel zu selten mal auf­gingen und For­meln, die sich lasen wie die Schrift einer uns unbe­kannten (und sehr lang­wei­ligen) Ali­en­rasse – ich ver­stand mich stets als Mensch des Wortes, und die Mathe­matik, die ja mit­unter als Sprache des Uni­ver­sums bezeichnet wird, als anstren­gende Erb­sen­zäh­lerei. Zwei, drei, fünf­und­zwanzig, pi – machte das, wenn man nur einen aus­rei­chend gewei­teten Blick auf die Dinge hatte, denn über­haupt einen Unter­schied? Ja, meinte mein Vater und schickte mich zur Nach­hilfe.

Eine Aus­nahme in meinem all­ge­meinen Mathe­ma­tik­ver­druss stellte die Geo­me­trie dar, und ich glaube, das hat mit Uwe Bein zu tun. Denn nachdem mich mein Onkel anno 1992 mit ins Sta­dion genommen hatte und ich anschlie­ßend regel­mäßig Ein­tracht Frank­furt und Uwe Bein beim Fuß­ball­spielen bewun­derte, geschah etwas Eigen­ar­tiges. Die Seiten meines Mathe­buchs ver­wan­delten sich in Tak­tik­ta­feln, die Punkte zu Spie­lern, deren ver­bin­dende Geraden zu scharf gespielten Pässen mutierten, in Win­keln, die absolut Sinn ergaben. B ver­band A ver­band C, und das Ergebnis stimmte.

Glei­chungen, die sich wie von selbst auf­lösten

Denn ich hatte es ja live gesehen. Im Wald­sta­dion passte B(ein) auf A(nthony Yeboah), wäh­rend irgendein C(lown) aus der geg­ne­ri­schen Hin­ter­mann­schaft den Winkel des Zuspiels mal wieder kom­plett nicht ver­standen hatte und irgendwo abseits stand, völlig ratlos ob des Passes, der gerade seine Abwehr in ihre Ein­zel­teile zer­legte.

Ich weiß nicht, ob Uwe Bein ein guter Schüler war, aber ich würde wetten, dass er zumin­dest in Geo­me­trie eine Eins nach der anderen mit nach Hause brachte. Denn es ist ja nun einmal so, dass Genies ihr jewei­liges Fach mit intui­tiver Selbst­ver­ständ­lich­keit bespielen. Mozart am Flügel. Picasso an der Lein­wand. Bein auf dem Rasen, in der Nähe des Mit­tel­kreises, in etwas, das man heut­zu­tage als Umschalt­si­tua­tion bezeichnen würde, und in der er die glei­cher­maßen über­ra­schende wie logi­sche Ant­wort auf eine im wei­testen Sinne geo­me­tri­sche Frage hatte, für die die meisten anderen Spieler schlicht nicht gut genug waren, sie über­haupt zu stellen. Wenn Bein einen seiner Pässe spielte, war das, als würde sich das gesamte Spiel­feld plötz­lich drehen, als würde es in eine vorher nicht dage­we­sene Rich­tung kippen. Seine Pässe waren prak­ti­sche Geo­me­trie, Glei­chungen, die sich wie von selbst auf­lösten, in Wohl­ge­fallen.