Das Inter­view erschien erst­mals in 11FREUNDE #230. Das Heft findet ihr bei uns im Shop.

11 F 230 Cover 300dpi RGB

Vin­cenzo Grifo, neu­lich haben Sie auf Insta­gram ein Bild Ihrer Tri­kot­samm­lung gepostet. Haben Sie ein Lieb­lings­stück?
Das Ita­lien-Trikot vom Spiel gegen Est­land hängt an der Wand. Wir haben 4:0 gewonnen, und ich habe meine ersten zwei Tore für die Natio­nalelf geschossen. Ein extrem emo­tio­naler Abend. Nach dem Spiel kam ich in die Kabine und wollte meiner Frau und meinen Eltern schreiben. Als ich auf mein Handy schaute, waren da 629 Whatsapp-Nach­richten. Ich habe fünf Tage gebraucht, um die alle zu beant­worten.

Das ist ver­mut­lich nicht nach jedem Spiel so.
Es ist ja kein Geheimnis, dass Ita­liener gerade beim Fuß­ball stolze Men­schen sind. Schon meine erst­ma­lige Nomi­nie­rung im November 2018 hat meine Familie sehr bewegt.

Erzählen Sie.
Ich spielte damals in Hof­fen­heim. An einem Dienstag klin­gelte das Telefon, eine mir unbe­kannte ita­lie­ni­sche Nummer. Co-Trainer Alberico Evani war dran. Er sagte, dass ich even­tuell für das nächste Län­der­spiel nomi­niert werde. Die Ent­schei­dung dar­über fiel aber erst am Freitag. Ich konnte die nächsten drei Nächte kaum schlafen. Als ich dann erfuhr, dass ich dabei bin, war ich total über­wäl­tigt. Ich weiß noch, wie ich für ein paar Minuten wie para­ly­siert eine Wand in der Kabine ange­starrt habe. Krass, dachte ich, jetzt triffst du nächste Woche diese ganzen Mega­stars. Von Juve, von Inter, von Milan. Wie soll ich mich ver­halten? Was soll ich sagen?

Sie waren auf­ge­regt?
Total, aber die Natio­nal­spieler nahmen mir die Ner­vo­sität. Ich habe mich von der ersten Minute an gefühlt, als sei ich Teil einer Familie. Zum ersten Mal auf die Mann­schaft getroffen bin ich beim Mit­tag­essen im Hotel, ich kam aus meinem Zimmer in den Spei­se­raum, und da saßen sie schon alle. Giorgio Chiel­lini, der Kapitän, stand auf und begrüßte mich direkt, Küss­chen links, Küss­chen rechts, es war, als würden wir uns ewig kennen. Er sagte: Mensch Junge, du bist aus Deutsch­land, coole Kla­motten, so was eben. Danach gehörte ich dazu. Als ich vor dem Spiel in die Kabine kam, hing da mein Trikot am Spind. Mein eigenes, ori­gi­nales Ita­lien-Trikot! Wahn­sinn. Ich nahm es in die Hand, es fühlte sich phan­tas­tisch an, ganz anders als die gefälschten Bil­ligdinger, die ich von früher aus den Som­mer­ur­lauben von den Märkten in Sizi­lien kannte. Alles in allem waren es sehr emo­tio­nale Tage. Auch meine Familie hat diese Nomi­nie­rung gefeiert, als wäre ich Welt­meister geworden.

Wir drei Jungs auf der Rück­bank, immer Stress, weil irgend­je­mand das letzte Schin­ken­brot gegessen hat.“

Vincenzo Grifo über die Autofahrten nach Italien mit seiner Familie

Wie sah die Feier aus?
Am Tag meiner Nomi­nie­rung sagte meine Frau: Komm, Vince, wir gehen heute Abend nett essen und stoßen auf deine Nomi­nie­rung an.“ Ich dachte noch, ja okay, morgen ist zwar Spiel, aber das ist wirk­lich ein beson­derer Tag. Als ich mich oben fer­tig­ge­macht habe, hörte ich Lärm von draußen. Ich ging runter und sah alle Ver­wandten, Mama, Papa, Brüder, Onkel, Tanten, Schwager. Danach haben wir einen Auto­korso durch unsere Straße gemacht. An den Wagen hingen Fahnen und Schals, irgend­je­mand spielte die ita­lie­ni­sche Natio­nal­hymne ab. Klingt ver­rückt, ich weiß.

Klingt nach einer guten Zeit.
Zu Ita­lien habe ich schon immer eine sehr beson­dere Ver­bin­dung. Meine Eltern sind Ita­liener, bei uns zu Hause wurde nur Ita­lie­nisch gespro­chen, wir sind jeden Sommer zu fünft in einem Klein­wagen zwanzig Stunden run­ter­ge­fahren nach Lecce, wo meine Mutter her­kommt, und dann weiter nach Sizi­lien, in die Heimat meines Vaters. Es war eine unbe­schwerte und tolle Zeit, wir drei Jungs auf der Rück­bank, immer Stress, weil irgend­je­mand das letzte Schin­ken­brot gegessen hat. (Lacht.) Sowieso: In meiner Erin­ne­rung haben wir sehr viel gegessen in der Zeit und es uns sehr gut­gehen lassen. Mor­gens Crois­sants mit Vanil­le­pud­ding, danach zwei Minuten Fußweg runter zum Strand, dann wieder hoch, Pasta essen, so viel Pasta, dann Mit­tags­ruhe, dann wieder Strand, dann Kirmes in der Stadt, Man­deln, Auto­scooter, Tram­polin. Das war die schönste Zeit meines Lebens.

Vin­cenzo Grifo, 27

Geboren und auf­ge­wachsen in Pforz­heim als Sohn ita­lie­ni­scher Eltern. Spielte in der Bun­des­liga für Hof­fen­heim und Glad­bach, 2019 wech­selte er zum dritten Mal zum SC Frei­burg. Seine Bilanz: 132 Spiele, 40 Tore, 47 Tor­vor­lagen. Seit 2018 ist er ita­lie­ni­scher Natio­nal­spieler.

Bei Ita­liens WM-Sieg 2006 waren Sie 13 Jahre alt. Haben Sie das Tur­nier in Sizi­lien ver­folgt?
Nein, in Deutsch­land. Wir haben oft bei Ver­wandten geguckt, gerne mal mit 20, 25 Leuten. Nach dem Halb­fi­nal­sieg gegen Deutsch­land gingen zwei Mit­schüler und ich im Ita­lien-Trikot in die Schule. Wir waren sehr auf­ge­kratzt. Meine Leh­rerin fand das gar nicht lustig. Ganz ehr­lich: Wir haben auch ein wenig pro­vo­ziert, im Unter­richt haben wir ab und zu geflüs­tert: Ita­lien ist im Finale!“ Das End­spiel gegen Frank­reich haben wir dann bei meinem Onkel geschaut. Die Woh­nung ist, typisch sizi­lia­nisch, voller Por­zellan, Marmor und anderem Dekor. Ich weiß noch, wie meine Mutter ver­suchte, die Vasen zu retten, wäh­rend wir durch die Woh­nung getobt sind. Ist doch egal!“, jubelten wir. Wir sind Welt­meister!“ Danach raus auf die Straße. In Pforz­heim waren tau­sende Ita­liener unter­wegs.

Warum sind Ihre Eltern aus Ita­lien nach Pforz­heim gezogen?
Pforz­heim hat eine lange ita­lie­ni­sche Ein­wan­de­rungs­ge­schichte. Wenn man in Pforz­heim ist, denkt man manchmal, man sei in Sizi­lien. Und im Sommer in Sizi­lien fühlt es sich an, als sei man in Pforz­heim. Weil alle gleich­zeitig Urlaub machen und man jedes Gesicht auf der Piazza aus dem eigenen Viertel in Deutsch­land kennt. Jeden­falls hörten meine Eltern irgend­wann Anfang der Acht­zi­gern, dass es in Pforz­heim viel Arbeit gibt, also machten sie sich auf den Weg. Mein Papa sagt gerne: Wir hatten einen Stuhl und einen Tisch, sonst nichts.“ Er arbeitet seit 36 Jahren in einer Firma, die Auto­teile her­stellt. Meine Mama ist Steu­er­be­ra­terin. Es hat mich sehr beein­druckt und geprägt, wie sie sich alles erar­beitet und uns drei Brüder groß­ge­zogen haben,

Nach einem Tor gegen Hertha sind Sie zu einer Fern­seh­ka­mera gerannt und haben Pforz­heim 75177“ gegrüßt. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an diese Gegend?
Wir sind auf­ge­wachsen in einem Häu­ser­block in der Nord­stadt, meine zwei Brüder und ich teilten uns ein Zimmer. Mein älterer Bruder ist Juve-Fan, der jün­gere Milan-Anhänger. Ich aber habe meinem Opa ver­traut. Er hat mir mal einen Pull­over mit­ge­bracht, auf dem das Bild eines Fuß­bal­lers zu sehen war. Ich fragte ihn, wer das sei, und er ant­wor­tete, das ist Roberto Baggio von Inter Mai­land. Ab da war ich Inter- und Baggio-Fan. Es gab daher viel Streit im Kin­der­zimmer. (Lacht.) Und viel Fuß­ball auf Asphalt­plätzen.

Haben Sie dort gelernt, so gut zu schießen?
Wir haben pau­senlos gespielt. Tags­über auf unserem Schul­sport­platz. Aller­dings gab es dort kein Flut­licht; wenn es dunkel wurde, war der Spaß also vorbei. Dann bin ich rüber zum Park­platz des Super­markts, der die ganze Nacht beleuchtet war. Außerdem konnte mich da meine Mutter sehen, der Park­platz lag direkt gegen­über unserer Woh­nung.

-

Waren Sie talen­tiert oder fleißig?
Beides. Auf dem Park­platz habe ich stun­den­lang gekickt. Den Ball gegen die Wand geschossen, Frei­stöße um ima­gi­näre Gegner gezir­kelt. Meinen Freunden hätte ich nicht sagen können: Stellt euch mal als Mauer hin, ich will jetzt 18 Frei­stöße schießen!“ Da hätten die mich für bescheuert erklärt.

Sie haben damals schon alleine trai­niert?
Ich sage es zwar ungern, aber als Jugend­li­cher war ich ein unglaub­li­cher Freak. Man hat mich im Viertel immer nur mit Ball gesehen, die Leute haben schon geredet: Guck mal, da ist wieder der Ver­rückte mit seinem Ball, der alleine auf den Bolz­platz geht. Was der da bloß macht, so allein?“ Ich war ein­fach extrem fleißig. Später, als ich in der Jugend des KSC spielte, bin ich abends nach dem Trai­ning noch mit Gewichten an den Füßen joggen gegangen.

Hat das den Unter­schied aus­ge­macht? Ihr Bruder Fran­cesco galt auch als sehr talen­tiert, hat es aber nur bis in die Ober­liga geschafft.
Ich glaube schon. Da ist er mir auch nicht böse, wenn ich das so sage. Man muss ein­fach besessen sein, wenn man es packen möchte. Und das war ich. Ich habe immer ver­spro­chen: Mama, Papa: Ich werde Fuß­ball­profi. Macht euch keine Sorgen, die Lehre zum Kfz-Mecha­tro­niker mache ich trotzdem, kein Pro­blem, aber glaubt mir: Ich werde Profi.“

Ich hatte die bil­ligsten Schuhe, die klo­bigsten Schien­bein­schoner, aber habe mit diesem Outfit alle auf­ge­fressen“

Was war ihr Antrieb?
Schwer zu sagen. Aber ich kann mich an eine Situa­tion erin­nern, die mir beson­ders im Gedächtnis geblieben ist. Kennen Sie noch die Vic­tory-Schuhe von Deich­mann? Das waren die güns­tigsten Fuß­ball­schuhe, die es damals gab, 29,90 D‑Mark. Die hatten keinen beson­ders guten Ruf, weil sie nur Kopien von den teuren Schuhen waren, die die Stars trugen. Einmal sind wir mit Pforz­heim zu einem Hal­len­tur­nier gefahren, ange­sagt waren damals diese Beckham-Schuhe, bei denen man die Lasche mit einem Gum­mi­band über den Schuh spannen konnte. Und genau die hatte ich in Rot, aber eben nur in der Bil­lig­va­ri­ante von Vic­tory. Die anderen Jungs hatten die echten von Adidas, oder sie trugen andere teure Schuhe von Nike. Vor dem Tur­nier habe ich dann mit­be­kommen, wie die geg­ne­ri­schen Spieler über mich geredet haben. Guckt euch den mal an mit seinen gefälschten Schuhen.“ Im Finale haben wir 6:0 gewonnen, ich habe vier Buden gemacht, wurde Tor­schüt­zen­könig und Spieler des Tur­niers.

Was haben die anderen Kinder danach gesagt?
Damals haben wir uns immer die Umklei­de­ka­bine mit anderen Mann­schaften geteilt, und da waren die anderen Kinder plötz­lich ganz leise. Und wenn sie doch was gesagt haben, dann nur: Boah, wie gut war der Kerl denn?“ Sie können sich gar nicht vor­stellen, was das in mir aus­ge­löst hat. Diese Bestä­ti­gung, diese Befrie­di­gung – Momente wie bei diesem Tur­nier zählen zu den besten in meiner Kind­heit. Ich hatte die bil­ligsten Schuhe, die klo­bigsten Schien­bein­schoner, aber mit diesem Outfit habe ich dann alle auf­ge­fressen. Das hat mich inner­lich mit wahn­sinnig viel Stolz erfüllt. Ich kam nach Hause und habe kein Wort über den gewon­nenen Pokal ver­loren, son­dern meinen Eltern nur erzählt, wie die anderen Kids in der Kabine über mich gespro­chen haben. Von wegen wie gut ich war, trotz der gefälschten Schuhe! Danach hat meine Mutter gesagt: Siehst du, Vin­cenzo: Nicht die Schuhe spielen, son­dern deine Füße!“

Grifo Grifo 8232 WEB
Lena Gio­va­nazzi

Dann erklären Sie uns bitte: Wie schießen diese Füße den per­fekten Frei­stoß?
In der Jugend habe ich natür­lich auf andere geschaut. Beim KSC habe ich zum Bei­spiel mit Hakan gespielt (Hakan Calha­noglu, d. Red.), der hat schon damals eher mit dem Spann geschossen, so dass der Ball eine ganz komi­sche Flug­kurve bekam. Pirlo war eher einer für Flat­ter­bälle. Ronald­inho dagegen hat mit der Innen­seite geschnib­belt. Ich habe irgend­wann gemerkt, dass diese Vari­ante auch für mich am besten funk­tio­niert, also mit der Innen­seite und viel Schnitt. Über die Jahre habe ich meine eigene Technik ent­wi­ckelt. Ich brauche nicht viel Anlauf, weil ich mitt­ler­weile sehr viel Kraft in den Adduk­toren ent­wi­ckeln kann.

Trai­nieren Sie das noch täg­lich?
Ich nehme mir nach dem Trai­ning noch eine Vier­tel­stunde Zeit und schieße. Ich muss im Rhythmus bleiben, ein- bis zweimal die Woche trai­niere ich mit diesen gelben Män­ne­kens.

Wie laufen die Sekunden vor dem Frei­stoß ab?
Ich zähle die Schritte nicht. Ein Ritual wie Cris­tiano Ronaldo, der immer genau gleich anläuft und dann breit­beinig dasteht, habe ich auch nicht. Klar ist nur: Ich brauche wenig Anlauf, zwei­ein­halb Schritte viel­leicht, und der Ball muss gut auf­ge­pumpt sein, damit ich genug Druck drauf bekomme. Ansonsten ist das Gefühls­sache. Platz, Wetter, Tor­wart – das ist mir alles egal.

Wie ist es mit der Rücken­nummer? Auch egal?
Ich mag die 32, die ich seit Beginn meiner Pro­fi­zeit trage. Trotzdem, die Zehn ist meine Lieb­lings­nummer. Ich durfte sie sogar im ersten Län­der­spiel tragen.

Was macht die Zehn mit Ihnen?
Vor wenigen Wochen ist mit Diego Mara­dona ein Mann von uns gegangen, der diese Nummer geprägt hat wie kein anderer. Spä­tes­tens seit Mara­dona war klar: Wer die Zehn trägt, ist in der Regel der beste Spieler in seiner Mann­schaft. Die Nummer Zehn geht voran, die Nummer Zehn ist der Kopf der Mann­schaft, sie ist ver­ant­wort­lich für die beson­deren Dinge. Mit diesem Gefühl bin ich auf­ge­wachsen.

-

Darf sich die Nummer Zehn auch über tak­ti­sche Vor­gaben hin­weg­setzen?
Im modernen Fuß­ball? Nein, gar nicht. Die Zehn sollte mit Ball zwar den Unter­schied aus­ma­chen. Aber die Zehn darf sich defensiv nicht aus­ruhen. Im modernen Fuß­ball funk­tio­niert das ein­fach nicht, da kann auch der beste Fuß­baller nicht ein­fach nur hin­ter­her­traben. Du brauchst alle elf Spieler, auch die Zehn muss ackern und malo­chen.

Sagt Ihnen der Name Panenka etwas?
Natür­lich. Obwohl diese Art, Elf­meter zu schießen, in Ita­lien nicht nach Panenka heißt, son­dern ein­fach Cuc­chiaio, also Löf­fel­chen“ genannt wird. Aber wenn Sie Panenka anspre­chen, geht es wahr­schein­lich um meinen Elf­meter gegen Schalke, richtig?

Vor knapp einem Jahr haben Sie den Ball frech in die Mitte gelupft.
In dem Spiel hatte Nils (Nils Petersen, d. Red.) schon einen Elf­meter ver­wan­delt, als wir den zweiten bekamen, sagte er zu mir, dass ich diesmal schießen solle. Schalkes Tor­wart in dem Spiel war der ganz junge Markus Schu­bert. Ich war mir sicher, dass er nicht ein­fach in der Mitte ste­hen­bleiben würde. Das brachte mich auf die Idee, den Ball zu chippen. Nicht aus Arro­ganz, es schien mir ein­fach erfolg­ver­spre­chend.

Keine Angst vor der Bla­mage?
Bei erfah­renen Tor­hü­tern wäre die Gefahr größer gewesen, dass die mich besser kennen und sich womög­lich gedacht hätten: Ein biss­chen crazy ist er ja, der Grifo.“ Aber Schu­bert hatte noch nicht viele Spiele gemacht, der musste sich für eine Ecke ent­scheiden. Und so war es zum Glück auch. Im Inter­view danach habe ich gesagt, man bräuchte Eier aus Stahl. Das war viel­leicht etwas über­trieben. Aber man braucht einen gewissen Mut. Zumal vor einer Kurve wie der auf Schalke. Da guckst du als Schütze in 10 000 wütende Gesichter, die schmeißen mit Bier nach dir.

Bleiben wir bei Stan­dards: Warum sieht man in der Bun­des­liga oft Eck­bälle, die halb­hoch auf den ersten Pfosten kommen? Diese iso­lierte Aktion müsste doch jeder Profi drauf­haben.
Ich kann ver­stehen, wenn Fans denken: Die trai­nieren das jeden Tag, das müssen die auf die Reihe bekommen! Und ich bin auch der Mei­nung, dass du als Eck­ball­schütze die meisten Bälle gefähr­lich in den Straf­raum bekommen musst. Aber es stimmt eben nicht, dass wir Profis jeden Tag Stan­dard­si­tua­tionen trai­nieren würden. Zumin­dest ist das nicht in allen Mann­schaften die Regel. Wir in Frei­burg legen aller­dings viel Wert darauf, Stan­dards sind ein wich­tiges Ele­ment in unserem Spiel, zum Ende der Woche widmen wir uns eigent­lich immer in einer Ein­heit den ruhenden Bällen. Wir wissen ganz genau: Ein Tor nach einer Ecke kann der Dosen­öffner sein.

Grifo Grifo 7412 WEB
Lena Gio­va­nazzi

Sie haben mal gesagt: Ohne Chris­tian Streich wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.“ Was hat er Ihnen mit­ge­geben?
Er ist ein außer­ge­wöhn­li­cher Trainer, viel­leicht sogar eine Art Vater­figur. Er spricht mit einem Spieler auch über Sachen, die nichts mit Fuß­ball zu tun haben, er fragt, wie es der Familie geht, ob zu Hause alles in Ord­nung ist. Er bekommt es ein­fach hin, dass man glück­lich ist. Oft denkt man sich nach diesen Gesprä­chen: Das war jetzt aber schön, dass er mich dies oder jenes gefragt hat. Gleich­zeitig hat mich jeder Trainer geprägt, nicht nur Chris­tian Streich, auch Julian Nagels­mann in Hof­fen­heim oder Dieter Hecking in Glad­bach. Aber Streich ist der Trainer, unter dem ich am längsten gespielt habe. Also habe ich von ihm auch am meisten gelernt.

Als Chris­tian Streich an der Sei­ten­linie von David Abraham umge­rannt wurde, sind Sie wie von der Tarantel gesto­chen auf den Frank­furter zuge­stürmt. Es wirkte so, als hätte Abraham nicht ihren Trainer umge­nietet, son­dern ein Fami­li­en­mit­glied.
Weil die eigene Mann­schaft in Momenten wie diesen wie die eigene Familie ist. In dem spe­zi­ellen Fall hatte meine Reak­tion aber nichts mit meinem per­sön­li­chen Ver­hältnis zu Herrn Streich zu tun, denn hätte Abraham einen Mit­spieler, einen Ath­le­tik­trainer, einen Physio oder den Sta­di­on­spre­cher so umge­rem­pelt, dann wäre ich genauso durch­ge­dreht. Weil die genau wie Herr Streich zur Familie gehören. Wenn die jemand anfasst, dann gehen die Lampen an. Ich würde es immer wieder tun.

Hat Chris­tian Streich Sie schon mal richtig lang­ge­macht?
Klar. Wenn ich falsch stehe, wenn ich nicht richtig umschalte, wenn ich auf dem Platz penne.

Wenn man ihn fragen würde, was Ihre Schwä­chen sind, was würde er sagen?
Mein Defen­siv­ver­halten. Und mein Kopf­ball­spiel.

Ich bin nicht der Typ, der mit sil­bernem Fer­rari durch die Innen­stadt bret­tert“

Vin­cenzo Grifo, Sie sind 27 Jahre alt, haben vier Län­der­spiele gemacht und einmal Cham­pions League gespielt: mit Hof­fen­heim fünf Minuten gegen Donezk.
Ist das nicht zu wenig für einen Spieler wie Sie?
So denke ich nicht, um Gottes willen. Ich bin ein lebens­froher Mensch und sehr dankbar dafür, dass ich in der Bun­des­liga und in der Squadra Azzurra spielen darf. Ich genieße das alles. Außerdem habe ich mich in Frei­burg fuß­bal­le­risch wei­ter­ent­wi­ckelt. Zu den ver­gan­genen Jahren und meinen Wech­seln kann ich nur sagen: Im Leben läuft es mal besser und mal schlechter. Nach Glad­bach bin ich 2017 mit rie­sigen Erwar­tungen gewech­selt, und was ist pas­siert? Ich habe mir beim Abschluss­trai­ning vor dem Derby gegen Köln das Innen­band kaputt­ge­macht. Ich war fast zwei Monate kom­plett raus, danach bin ich nicht mehr in die Mann­schaft gekommen, denn die war sehr erfolg­reich, für den Trainer gab es keinen Grund, etwas zu ändern. Ich aber habe mir mehr Spiel­zeit gewünscht, das hat nicht funk­tio­niert. Ins­ge­samt war es nicht mein Jahr.

Der SC Frei­burg gilt als boden­stän­diger Klub. Warum passt das zu Ihnen?
Ich komme, glaube ich zumin­dest, gut bei den Fans an. Die sind stolz darauf, dass in der ita­lie­ni­schen Natio­nal­mann­schaft einer mit der Zehn rum­läuft, der in Frei­burg spielt. Ich reprä­sen­tiere den Verein, den SC Frei­burg. Gleich­zeitig bin ich kein Aub­ameyang. Nichts gegen ihn, ich per­sön­lich mag ihn, ich habe mich auch mal länger mit ihm unter­halten, der spricht ja Ita­lie­nisch und ist ein ganz feiner Junge. Aber ich bin nicht der Typ, der mit sil­bernem Fer­rari durch die Innen­stadt bret­tert.

Son­dern lieber mit einem Fiat Punto wie am Tag ihrer Füh­rer­schein­prü­fung?
Mein Bruder hatte damals Nacht­schicht, kam früh mor­gens um sieben Uhr nach Hause und hat geschlafen. Meine Prü­fung war um acht Uhr mor­gens. Danach habe ich mir seine Schlüssel sti­bitzt, seinen Fiat Punto geschnappt und bin durch die Straßen gecruist. Da war zwar kein Mensch unter­wegs, aber ich habe trotzdem Still D.R.E“ von Dr. Dre und Snoop Dogg voll auf­ge­dreht, das Fenster run­ter­ge­kur­belt, obwohl es draußen kalt war, und mich gefühlt wie der Aller­größte. Zur Wahr­heit gehört aller­dings auch, dass mir die Kiste zweimal abge­soffen ist. Ich hatte das Fahren mit einem Diesel gelernt, der Punto war aber Ben­ziner.

Und war Ihr Bruder sauer?
Ach was. Ich habe ihm das Auto sogar geputzt. Bin durch die Wasch­an­lage gefahren und habe den Innen­raum gesaugt.

Trauen Sie sich als gelernter Kfz-Mecha­tro­niker eigent­lich noch an die modernen Modelle ran?
Ganz ehr­lich: nein. Ich könnte Ihre Reifen wech­seln, ich würde Ihr Auto auch irgendwie zum Laufen bringen, aber an die moderne Elek­tronik würde ich lieber nicht ran­gehen. Meine Aus­bil­dung ist erst zehn Jahre her, aber in der Zeit ist ein­fach zu viel pas­siert.

-