In Dort­mund liefen bereits die Schluss­mi­nuten im 132. Derby gegen Schalke 04. Die Gelben hatten soeben aus­ge­gli­chen, gleich drei Tore auf­holen können, und wit­terten nun sogar die Chance auf den späten Sieg­treffer gegen die neun ver­blie­benen Blauen. Irgendwie musste doch noch einer rein­gehen, dachten sie auf der Tri­büne. Die Blicke der Gelb­ge­schminkten pen­delten zwi­schen Spiel­feld und Sta­di­onuhr. Hin und her. Im Kopf spulten sich bereits die Szenen ab, die eine laaange Nach­spiel­zeit garan­tieren würden. Es mussten min­des­tens drei Minuten sein, wenn nicht sogar fünf. Das würde rei­chen für den Sieg gegen Schalke, da waren sich die Gelben sicher.



Die Sta­di­onuhr sprang schließ­lich auf die 90. Minute, und Schieds­richter Lutz Wagner been­dete die Partie. Schluss. Aus. Vorbei. Die Geschminkten konnten es nicht glauben. Die gelben Köpfe schwollen rot an, Rufe nach Gerech­tig­keit wurden laut, Becher flogen durch die Luft. Ihr augen­blick­li­ches Feind­bild Lutz Wagner suchte unter­dessen das Weite, ver­schwand schnell in seiner Kabine und wollte von alledem nichts wissen.

Es war nicht der Tag des Lutz Wag­ners gewesen. Er hätte dieses Spiel wohl gar nicht erst ange­pfiffen, hätte er gewusst, dass zwei Fehl­ent­schei­dungen zu Dort­munder Toren führen würden. Vor dem Anschluss­treffer zum 2:3 übersah Wagner die Abseits­stel­lung von Frei, vor dem Aus­gleichs­treffer sah er dann ein elf­me­ter­wür­diges Hand­spiel von Krstajic, das keines war. Es war also nicht die feh­lende Nach­spiel­zeit, die ihm Bauch­schmerzen bereiten würde. Nein. Im Gegen­teil. Der pünkt­liche Abpfiff war wohl seine ein­zige Mög­lich­keit gewesen, das Übel noch in Grenzen zu halten. Denn zu diesem Zeit­punkt wusste Wagner natür­lich genau, dass er es war, der den Dort­munder einen Punkt bescherte. Was wäre also erst pas­siert, wenn es in einer mög­li­chen Nach­spiel­zeit gar eine Nie­der­lage für die Schalker gegeben hätte?

Glück und Pech in einer Person

Der Schluss­pfiff, der das ganze Ruhr­ge­biet in ein Auf­ruhr­ge­biet ver­setzte, lag allein im Ermes­sens­spiel­raum des Schieds­rich­ters Lutz Wagner – und war an diesem Nach­mittag des­wegen noch sein bester Pfiff gewesen. Auch Eugen Strigel, stell­ver­tre­tender Vor­sit­zender des DFB-Schieds­richter-Aus­schuss, sieht in diesem Punkt keinen wei­teren Dis­kus­si­ons­be­darf: »Wir werden dieses Spiel bei dem nächsten Stütz­punkt in epi­scher Breite auf­ar­beiten, aber über die Nach­spiel­zeit werde ich nicht viele Worte ver­lieren.« Nur die »ver­lo­rene Zeit«, etwa bei einer län­geren Spiel­un­ter­bre­chung wegen einer schweren Ver­let­zung oder wegen eines Gewit­ters, muss ein Schieds­richter nach­spielen lassen, »ver­geu­dete Zeit« hin­gegen kann er nach eigenem Emp­finden nach­spielen lassen. »Ange­nommen, Mann­schaft A ver­geudet lau­fend Zeit und Mann­schaft B gelingt in der 90. Minute trotzdem noch das 1:0, dann wäre der Schieds­richter der Dümmste, wenn er nach­spielen lassen würde, so dass Mann­schaft A, die vorher lau­fend Zeit ver­zö­gert hat, noch den Aus­gleich schießen könnte. Die hätten dann eben Pech gehabt«, zeigt Lehr­wart Strigel den Ermes­sens­spiel­raum eines Schieds­rich­ters auf.

Die Schreie der Gelb­ge­schminkten sind mitt­ler­weile ver­stummt. Sie haben das Glück erkannt, dass ihnen in Person von Lutz Wagner tat­säch­lich begeg­nete. Es sind nun die Blau­ge­schminkten, die böse sind. Denn viel­mehr ihnen ist an diesem Nach­mittag das Pech begegnet. In Person von Lutz Wagner.