Nach dem Tritt von Federico Valverde

Notbremsengesellschaft

Für seine Grätsche von hinten in die Beine in der Verlängerung des spanischen Supercups wird Real-Spieler Valverde überschwänglich gefeiert. Was eigentlich nur zeigt, wie schlecht es um den Fußball derzeit bestellt ist.

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Zum Verständnis nur das vorweg: Ich liebe Zweikämpfe. Bodychecks, gewonnene Luftduelle, eingesprungene Grätschen, alles. Tore sind beim Fußball das Salz in der Suppe, Zweikämpfe die ausgekochten Knochen, ohne die jede noch so salzige Suppe einfach geschmacklos ist.

In der 115. Minute des Endspiels um den spanischen Supercup ist nun folgendes passiert: Beim Stand von 0:0 tappte Real Madrid ziemlich plump in einen Konter und als Atletico-Stürmer Alvaro Morata diesen gerade im Eins-gegen-Eins-Duell mit Torwart Thibaut Courtois vergolden wollte, grätschte ihm der Uruguayer Federico Valverde kurz vor der Strafraumgrenze von hinten in die Beine. Valverde, genannt »das Vögelchen«, flog vom Platz, Atletico vermasselte den Freistoß und verlor das Finale schließlich mit 1:4 nach Elfmeterschießen.

Keine Heldentat. Lediglich eine Sauerei

Grätschen können, wie gesagt, eine großartige Sache sein. Wenn sie dafür eingesetzt werden, den Ball zu erobern, ohne den Ballführenden dabei ernsthaft zu gefährden. Wenn der Gegenspieler eine Chance hat, zu erkennen, was da auf ihn zufliegt. Wenn er selbst reagieren kann. Dann ist ein Zweikampf ein Zweikampf. Was Valverde in dieser 115. Minute tat, war keine großartige Sache, war kein Zweikampf. Sondern lediglich eine zynische und verachtenswerte Sauerei. Nicht, weil er Atletico damit die Chance auf das vielleicht entscheidende Tore verbaute. Sondern weil er seinem Gegenspieler überhaupt keine Möglichkeit gab, auf seine Attacke zu reagieren. Deshalb werden Grätschen von hinten mit einer Roten Karte bestraft. Deshalb sollte sich jeder, der eine schwere Verletzung seines Gegenspielers nicht nur in Kauf nimmt, sondern provoziert, schämen. Ganz besonders dann, wenn er dies als Fußballprofi auf der ganz großen Bühne tut.

Das ist das wirklich Ekelerregende an der ganzen Geschichte: Dass das tretende Vögelchen nicht etwa mit Verachtung gestraft wurde oder öffentlich um Verzeihung für seinen Aussetzer bat, sondern jetzt als großer Held des Endspiels gefeiert wird. Die spanischen Kollegen der »Marca« schrieben allen Ernstes davon, dass dieser Tritt »in die Geschichte eingehe«. Nicht etwa als verachtenswerte Sauerei, sondern als siegbringende Heldentat. In der Kabine soll der 21-jährige Treter von seinen Kollegen ausgiebig gefeiert worden sein. Einige Fans fordern bereits ein Denkmal für die Notbremse in der Verlängerung. Und selbst Real-Trainer Zinedine Zidane, der große Zidane, der seine Karriere zwar mit einem Kopfstoß beendete, der aber zu aktiven Zeiten mehr als jeder andere für das Schöne und Faszinierende dieser Sportart stand, murmelte auf der Pressekonferenz, dass sein Mann zwar ein raues Foul begangen habe, aber letztlich das getan habe, »was getan werden musste«.

Was offenbar getan werden musste

Wenigstens machte sich sein Kollege Diego Simeone nicht lächerlich, in dem er, der zynische Klopper von einst und zynische Trainer von heute, nicht als Einziger Valverdes Grätsche verurteilte: »Ich habe ihm gesagt: Mach dir keinen Kopf. Jeder hätte an deiner Stelle dasselbe getan.« Ach ja: Bei der Siegerehrung wurde Federico Valverde übrigens als »Spieler des Turniers« ausgezeichnet. »Es war nicht gut, was ich getan habe«, sagte der Prämierte anschließend, »aber ich musste es tun.«