Das Tor für Deutsch­land ist dun­kel­gold, schaumig und kommt in einem 0,33-Liter-Plastikbierbecher. Und, wie schmeckt’s?“, fragt der Mann.

Er steht in einer zur Brauerei umfunk­tio­nierten Lager­halle am Stadt­rand von Belo Hori­zonte. Inmitten eines Dut­zends gluck­sender Bier­silos, die auf ihn her­un­ter­glotzen wie sil­ber­glän­zende Orks. Ein Mann Mitte 40, Zehn-Tage-Bart, die dun­kel­braune Schie­ber­mütze ins Gesicht gezogen, den Kopf zur Seite gelegt, der, unge­duldig auf eine Ant­wort war­tend, mit den Füßen tip­pelt. Bitter“, sagt der Reporter schließ­lich. Bitter! So soll es sein!“, ruft der Mann, der Renato heißt. Grinst zufrieden, ein matt­gelbes Ket­ten­rau­cher­g­rinsen. Bitter, genau wie die Nie­der­lage!

Zwanzig Minuten sind es von hier mit dem Auto bis nach Mineirao, dem größten Fuß­ball­sta­dion im Bun­des­staat Minas Gerais. Drei­ein­halb Jahre bis Minei­raco. Der Schande von Belo Hori­zonte. Deutsch­land gegen Bra­si­lien. Sieben zu eins. Renato hat sie zu einem Bier ver­ar­beitet und es Gol da Alemanha genannt: 7,1 Pro­zent Alkohol, 71 IBU Bit­ter­keit, sieben Zutaten aus Deutsch­land – das Wasser kommt aus Bra­si­lien.

Ja, mein Freund, du hast recht: Es ist ein Trauma!“

In einem Café in Rio de Janeiros Nobel­stadt­teil Leblon sitzt ein Manns­bild von Kerl vor einem Teller Curry-Tofu und ringt mit den Tränen. Die graue Dau­er­welle klebt nass an den Schläfen, das elfen­bein­weiße Tom-Cruise-Grinsen ist ver­wischt wie das einer Wachs­figur unterm Bun­sen­brenner. Das Dis­play am Stra­ßen­stand zeigt: 16.07 Uhr. 37 Grad.

Nie­mand wird jemals ver­gessen. Wir sind für immer gebrand­markt.“ Sagt Rodrigo Paiva. Der muss es wissen, 13 Jahre war er Pres­se­spre­cher der bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­mann­schaft. Romario hat er gebrieft für die Jour­na­listen, Rivaldo, Ronald­inho, Kaka. Bei Ronaldo, dem echten, hat er auf der Couch gewohnt. Felipe Sco­lari ist ein guter Freund. 2002 sind sie zusammen Welt­meister geworden. Und doch wird mein Sohn in 40 Jahren seinen Söhnen nicht erzählen: Euer Opa ist einst in Japan Welt­meister geworden. Nein, er wird sagen: Euer Opa war dabei, als das sete a um pas­siert ist.“

Männer und Frauen mit Marvel-Comic-Kör­pern und fast nichts an rennen am Café vorbei zum Strand. Irgendwo bellt eine Töle gegen die Heiß­luft an. Paivas Augen sind rot geworden vom ganzen Erin­nern. Ja, mein Freund, du hast recht: Es ist ein Trauma!“

Renato und Rodrigo Paiva, das kann man so sagen, stehen mit ihren Gefühlen stell­ver­tre­tend für eine ganze Nation: Renato, der Zyniker, der das sete a um, das Sieben zu Eins, eine Schande nennt. Rodrigo Paiva, der Trau­ma­ti­sierte, der am liebsten ver­gessen würde. Sinn­bilder einer Fuß­ball­na­tion, die am 8. Juli 2014 durch den Häcksler gejagt wurde. Der Deut­sche möchte sich an den Kopf fassen. War doch nur ein Spiel, macht aus der Mücke keinen Ele­fanten!“, will er hin­über­rufen über den großen Ozean. Der Bana­lität des Sieges wegen. Und weil er nach seinem Schlaaand-patrio­ti­schen Voll­rausch am nächsten Morgen ein­fach eine Aspirin in den Zahn­putz­be­cher gebrö­selt und sich auf dem Weg zur Arbeit am Bahn­hofs­auf­steller noch schnell die his­to­ri­sche Ohne Worte“-Bildzeitung gekauft hat, um danach ein­fach wei­ter­zu­leben, als wäre nix gewesen. 

Bra­si­lien ist nicht Deutsch­land. Sete a um ist nicht Sieben zu Eins. Letz­teres sind zwei Zahlen, die nüch­tern hin­ter­ein­an­der­ge­reiht ein für ein WM-Halb­fi­nale absurd hohes End­ergebnis ergeben. Sete a um ist, ja, was eigent­lich? Eine Schande? Ein Trauma? Das sport­liche 9/11 einer Nation, die sich dem Ball­spiel ver­schrieben hat? Keiner, der keine Ant­wort auf die Wo warst du, als es passierte?“-Frage parat hätte. Keiner, der nicht wüsste, wo er guckte, was er trank, an wem er sich fest­krallte, als Müller, Klose, Kroos, Khe­dira, Schürrle die Seleçao zer­legten wie Jäger einen geschos­senen Hir­schen.

Wir haben uns auf die Suche gemacht, nach Narben, nach Zeugen, nach Über­le­benden eines Anschlags ohne Tote. Es ist ein Ver­such zu ver­stehen, was am 8. Juli 2014 wirk­lich pas­siert ist, was dieser Tag mit Bra­si­lien gemacht hat und was sete a um für seine Bewohner bedeutet. Ein Road­trip durch drei Städte, durch Cafés, Arzt­praxen und Braue­reien. Eine Reise durch die Zeit, hinein in die Seele des bra­si­lia­ni­schen Fuß­balls. 

Der Anruf

Alles beginnt mit einem Anruf, der erklärt, wie ernst die Sache wirk­lich ist. Estavao ist dran, der Berater von Fred. Jenes Nummer-9-Stür­mers, den sie in den bra­si­lia­ni­schen Medien nur spöt­tisch o cone nannten, den Kegel. Und dem sie am liebsten das sete a um und die ganze ver­kackte WM in die Fuß­ball­schlappen geschoben hätten. Jenen Fred hatten wir für ein Inter­view ange­fragt. Und jetzt ist also der Berater am Telefon mit der Stimme eines Tat­ort­kom­mis­sars, der an der Tür­schwelle die Bot­schaft vom Tod des Ehe­mannes über­bringt. 

Sorry, mein Freund, ich habe schlechte Nach­richten.“ – Er will nicht reden?“ – Es ist noch zu früh. Das war wahr­schein­lich der größte Schock seiner Kar­riere. Viel­leicht ver­suchst du es nach Kar­rie­re­ende noch mal, ja?“ 

Eine Ant­wort, die einen als Reporter gefühls­ver­wirrt zurück­lässt: der Frust über das geplatzte Inter­view, gleich­zeitig das unbe­dingte Bedürfnis, tiefes Mit­ge­fühl aus­zu­drü­cken. Können Sie Fred einmal fest drü­cken von mir?“ – Geht klar.“

Der Text ist ein Auszug aus unserer zehn­sei­tigen Repor­tage Nach dem Beben“, die im neuen 11FREUNDE SPE­ZIAL Die andere Geschichte der WM“ erschienen ist. Jetzt am Kiosk oder bei uns im Shop. Digital könnt ihr sie hier (iOS) oder hier (Android) lesen.