Neu­lich spielte die Band Sojuz ein Kon­zert. Die Leute saßen auf Bar­ho­ckern und schnippten mit den Fin­gern, sie klatschten und jubelten. Manchmal schaute der Key­boarder, Typ Allen Gins­berg, zu seinem Posau­nisten, einem Schwarzen, um einen Akkord- oder Ton­art­wechsel ein­zu­leiten. Die Dre­ad­locks fielen diesem ins Gesicht, dem Sänger hing die Ziga­rette im Mund­winkel. Eine Jam­ses­sion, Free-Jazz. Eine Sze­nerie wie aus einem Bea­t­roman der fünf­ziger Jahre, die Kulisse: San Fran­cisco, New York oder Paris. Pul­sie­rende west­liche Groß­stadt, urbane Boheme. Doch das Kon­zert fand in Kiew statt, in einem kleinen ver­rauchten Club, auf einem Hin­terhof. Nach der EM-Vor­be­richt­erstat­tung hätte man nicht annehmen können, dass es solche Loka­li­täten und solch bunte Zusam­men­künfte im ach so wilden Osten über­haupt gibt.

Die Mel­dungen waren so negativ wie vor keinem anderen Fuß­ball-Event. Erst ging es um Sta­dien, die angeb­lich nicht fertig wurden, dann um Hun­de­tö­tungen, Hotel­wu­cher, schlechte Infra­struktur, schließ­lich um Julia Timo­schenko, einen mög­li­chen EM-Boy­kott und auch um eine Tröte namens Zozu­lica. Wer trotzdem den Über­le­benstrip Ukraine auf sich nehmen wollte, der über­legte es sich spä­tes­tens nach der BBC-Doku­men­ta­tion Sta­diums Of Hate“ noch ein zweites Mal. Dort warnte der ehe­ma­lige eng­li­sche Natio­nal­spieler Sol Camp­bell inständig vor einer Reise in die Ukraine.

Ukrai­ni­sche No-Go-Areas?

Die Jagd nach der besten Schre­ckens­nach­richt ist ein typi­sches Prä-WM oder Prä-EM-Phä­nomen. Man weiß jetzt schon, dass im Vor­feld zur WM in Bra­si­lien über Favelas und Mara-Gangs berichtet wird. Wie 2010, als von bren­nenden Town­ships und maro­die­renden Jugend­banden berichtet wurde. Selbst bei der WM in Deutsch­land gab es unzäh­lige Berichte über die soge­nannten No-Go-Areas des Landes. Flan­kiert wurde die Hys­terie von Sätzen wie diesem: Es gibt kleine und mitt­lere Städte in Bran­den­burg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Haut­farbe hat, raten würde, hin­zu­gehen. Er würde sie mög­li­cher­weise lebend nicht mehr ver­lassen.“ Regie­rungs­spre­cher Uwe-Karsten Heye sprach ihn einen Monat vor Beginn des Tur­niers.

Auch wenn man manche Kri­tik­be­kun­dung – etwa die der deut­schen Poli­tiker im Fall Timo­schenko wenige Wochen vor Tur­nier­be­ginn – schein­heilig finden kann, ist es richtig, vor einem solch großen Tur­nier die Pro­bleme des Aus­rich­ter­landes anzu­spre­chen und eine öffent­li­chen Dis­kurs her­zu­stellen. Die Zeiten einer Duck­mäuser-Hal­tung wie 1978 in Argen­ti­nien sind vorbei. Gefähr­lich indes ist es, bei bestimmten Themen Kon­texte aus­zu­blenden, einzig, um ein vor­ge­fer­tigtes oder inten­diertes Bild zu zeichnen. So wie bei etli­chen Mel­dungen, die vor allem die Ukraine betrafen.

Hoo­li­gans und Fans treffen sich nicht

Das Land hat ein großes Pro­blem mit Hoo­li­gans und Neo­nazis. In den Städten sieht man ras­sis­ti­sche Slo­gans oder Sym­bole in Form von Graf­fiti an den Wänden prangen und nahezu jede Ultra-Szene ist durch­setzt von rechts­ex­tremem Gedan­kengut. Das wurde aus­führ­lich beschrieben. Doch wusste man vorher, dass dieses Pro­blem die EM nicht mal streifen würde? Dass von diesen Leuten weder für die geschminkten Tou­risten auf der Fan­meile noch auf die Anhänger in den genormten Sta­dien eine Gefahr aus­geht. Ähn­lich war es schon 2006 und 2010: Die Tur­niere fanden in den großen Städten statt und nicht in der ost­deut­schen Pro­vinz oder in bren­nenden Town­ships.

In der Ukraine ist es bisher ver­hält­nis­mäßig ruhig geblieben. Es gab in Kiew Ran­ge­leien vor dem Spiel Schweden gegen Eng­land. Es gab sogar Wald- und Wie­sen­schlachten, ukrai­ni­sche Ultras sollen sich dort mehr­mals mit Hoo­li­gans von Tor­pedo Moskau getroffen haben. Das alles pas­sierte weit weg vom eigent­li­chen Geschehen.

Die Zei­tung Die Welt“ sti­li­sierte die EM jüngst den­noch zu einer Messe der Hoo­li­gans“. Grund dafür waren die Ran­dale in War­schau, die Kämpfe zwi­schen rus­si­schen und pol­ni­schen Hoo­li­gans, Unschöne Szenen, zwei­fels­ohne. Doch eine Begleit­erschei­nung eines jeden Fuß­ball­tur­niers. Auch in Deutsch­land hatte es 2006 schwere Aus­schrei­tungen gegeben, in der Stutt­garter Innen­stadt wurden vor dem Ach­tel­fi­nale Eng­land gegen Ecuador über 400 Ran­da­lierer fest­ge­nommen. Das Ereignis wurde vom Som­mer­mär­chen-Schland-Hype ein­fach platt­ge­walzt, es fand medial nicht statt. Dieses Mal indes hätte die Euphorie noch so groß sein können – und sie ist es in den ukrai­ni­schen Spiel­orten mit­unter auch –, nach der hys­te­ri­schen Vor­be­richt­erstat­tung war­tete man ein­fach zu sehn­lich auf eine Bestä­ti­gung der wagen Thesen. Der Osten sollte bit­te­schön wild bleiben. Des­wegen also: Die Messe der Hoo­li­gans.

Heile, moderne Fuß­ball­welt

Auch viele andere War­nungen haben sich als über­trieben ent­puppt. So sind zum Bei­spiel die Sta­dien alle fertig geworden, einzig der Arena in Lwiw fehlt noch eine gute Ver­bin­dung in die Stadt, manche Busse halten einen Kilo­meter vom Sta­dion ent­fernt. Im modernen Fuß­ball, in der Uefa-Denke, ein Unding. Doch für Fuß­ball-Fans? Die sagen: Drauf geschissen!“ Weg­bier in den Ruck­sack und los. Und wenn man erst mal im Inneren sitzt, ist alles wie in Deutsch­land, Spa­nien oder Eng­land. Heile moderne Fuß­ball­welt – selbst dann, wenn mal die Ein­lass­kon­trollen nicht so rei­bungslos laufen oder das Essen schon wenige Minuten nach Anpfiff alle ist wie etwa beim ersten Deutsch­land-Spiel in Lwiw.

Aus­giebig wurde auch über die Hotel­preise berichtet. Men­schen, die für gewöhn­lich in Fünf-Sterne-Hotels über­nachten, werden es tat­schlich schwer gehabt haben, eine Unter­kunft gemäß ihrem Preis­ni­veau zu finden. Der Fan mit klei­neren Ansprü­chen indes hat die volle Aus­wahl: Billig-Hotels, Hos­tels, Cam­ping­plätze, Stu­den­ten­wohn­heime. Man muss nur die Augen auf­ma­chen. Denn wer durch die Städte fla­niert, wird immer wieder von Ein­hei­mi­schen ange­spro­chen, die ihre Woh­nungen, oft zen­tral gelegen, an Tou­risten ver­mieten. Die kosten zwi­schen 40 und 100 Euro pro Nacht – egal wie groß die Gruppe ist.

Ja, es gibt Straßen! Und Asphalt!

Schließ­lich die Straßen: Im Vor­feld bekam man das Gefühl, dass man auf Feld­wegen zwi­schen den Orten hin- und her­reisen müsste. Die Strecke zwi­schen Kiew und Charkiw (600 km) ist zwar kaum unter acht Stunden zu schaffen. Die Straßen sind manchmal ein­spurig, das schon, doch sie sind asphal­tiert, manchmal sogar frisch pla­niert. Das sind Moment­auf­nahmen, Schnapp­schüsse, und ja, das ist vor­nehm­lich ein fik­tiver Raum, der nur wäh­rend so eines Fuß­ball­tur­niers ent­steht. Das ist einer­seits schade, ande­rer­seits ging es eben genau darum: Um die Zeit wäh­rend dieses Fuß­ball­tur­niers.

Ach, und was geschah eigent­lich mit der Zozu­lica? Die wurde vor dem Tur­nier als neue Vuvu­zela ange­kün­digt, der Focus“ nannte sie Terror-Tröte“ und empörte sich: Wieder einmal wird das deut­sche Gehör miss­han­delt, und die Welt sieht zu.“ Die Tröte ent­puppte sich als kleine Flöte, ein Sou­venir für Tou­risten, das auf der Fan­meile ver­kauft wird. Man kann sie um den Hals tragen. Sicher, man kann auch Töne mit ihr machen. Im Sta­dion hat man sie aller­dings noch nicht gehört.