Seine Mei­nung ist gefragt – ob beim Pay-TV-Sender Sky, dem tür­ki­schen LigTV oder bei Semi­naren für Füh­rungs­kräfte. Doch was die wenigsten wissen: Der ehe­ma­lige Welt­schieds­richter Dr. Markus Merk (51) ist auch Experte in der Kunst des Bier­brauens. Seit wenigen Wochen ist er stolzer Besitzer der kleinsten Brauerei Deutsch­lands. In einem alten Fach­werk­haus in der pfäl­zi­schen Gemeinde Otter­berg, zehn Kilo­meter vom Fritz-Walter-Sta­dion in Kai­sers­lau­tern ent­fernt, treffen wir ihn zum Inter­view über Mai­sche, durs­tige Schalke-Fans und die Lebens­freude eines Hoch­leis­tungs­sport­lers.

Dr. Markus Merk, wir wissen ja, dass früher der ein oder andere Spieler und Schieds­richter mal einen über den Durst getrunken hat. Aber muss es denn gleich eine eigene Brauerei sein?
Das Kuriose ist, dass ich von dem selbst gebrauten Bier in der Regel gar nichts abbe­komme. Ich braue etwa 20 Liter in der Woche, immer don­ners­tags wird das Bier dann in meinem Gast­raum in der Alten Apo­theke“ aus­ge­schenkt. Glauben Sie mir: Nach 90 Minuten ist das Bier leer.

20 Liter? Das reicht nicht einmal für eine Hand­voll durs­tiger Schalke-Fans.
Das Bier­brauen ist für mich eine Pas­sion, kein Geschäft. Den halben Liter gibt es für 3,20 Euro. Das deckt die Kosten, mehr nicht. Nebenbei bemerkt: Mein Otter­berger Klos­ter­bräu ist kein Bier, dass man im Maß trinkt, son­dern in Maßen. Den Gästen schmeckt es. Und sie genießen die Exklu­si­vität. Allein der Brau­vor­gang, wenn die Mai­sche unter stän­digem Rühren erhitzt wird, nimmt sieben bis acht Stunden in Anspruch. Meis­tens in der Nacht, weil ich sonst kaum dazu komme. Vor dem Abfüllen gärt das Bier noch eine Woche lang. Bevor es aus­ge­schenkt wird, lagert es vier Wochen.

Wie kommt ein Welt­schieds­richter, der noch heute mühelos den Ultra-Trail im Mont­blanc-Gebirge oder den Wasa­lauf in Schweden bewäl­tigt, auf solch eine Schnaps-Idee?
Kai­sers­lau­tern hat eine uralte Tra­di­tion im Bier­brauen. Es gab in der Stadt mehr als 20 Betriebe, die Bier her­ge­stellt haben. Noch bevor in den 1980er Jahren mit der BBK die letzte Brauerei geschlossen hatte, phi­lo­so­phierte ich mit Freunden dar­über, ob man denn eine eigene kleine Wirt­schaft mit ange­schlos­sener Haus­brauerei eröffnen könnte. Dass ich heute mein eigenes Bier braue, hat also seinen Ursprung in der Jugend­zeit.

Durch einen Traum wird aus einem Abseits-Experten aber noch lange kein Bier-Experte.
Ich war mein ganzes Leben lang an den ver­schie­densten Dingen inter­es­siert. Und wenn ich an etwas ganz beson­ders stark inter­es­siert bin, ent­wickle ich einen unge­heuren Ehr­geiz. So war es auch beim Bier. Ich wollte alles über die Geschichte, die Her­stel­lung, die Geheim­nisse dieses uralten Kul­tur­guts erfahren. Im Allgäu habe ich einen Brau­kurs belegt. Bier­brauen ist unwahr­schein­lich kreativ. Man kann vieles aus­pro­bieren. Ganz so wie im echten Leben.

Wasser, Malz, Hopfen. Was soll an Bier kreativ sein?
Jedes Bier ist anders. Und jedes Bier schmeckt anders. Fragen Sie nur mal in Köln und Düs­sel­dorf nach. Ich habe selbst lange an meinem eigenen Bier expe­ri­men­tiert, getestet und nach unzäh­ligen Brau­gängen immer wieder ver­fei­nert. Her­aus­ge­kommen ist ein voll­mun­diges, natur­trübes Bier. Bern­stein­farben und malz­be­tont. Ver­wendet werden vier Malz- und zwei Hop­fen­sorten. Und es ist das ein­zige unter welt­schieds­rich­ter­li­cher Auf­sicht gebraute Bier. Übri­gens bin ich gerade dabei, ein Weih­nachts­bock­bier zu kre­ieren. Viel­leicht lassen mir die Gäste wenigs­tens davon etwas übrig.

Sie haben irgend­wann ihre Zahn­arzt­praxis geschlossen, ein Jahr früher als not­wendig ihre Schieds­rich­ter­kar­riere beendet. Jetzt haben Sie neben Ihren beruf­li­chen Ver­pflich­tungen inner­halb kür­zester Zeit ein Fach­werk­haus aus dem Jahr 1608 kom­plett reno­viert. Brau­chen Sie ständig diese neuen Her­aus­for­de­rungen, diesen Stress?
All diese Ent­schei­dungen habe ich bis heute nicht bereut. Sein Leben so zu gestalten, wie man es für richtig hält, ist die größte Frei­heit, die ein Mensch haben kann. Das Gefühl gibt den Weg vor und wenn jemand Inter­esse an etwas hat, sollte er es aus­pro­bieren. Schauen Sie sich um: Wir ser­vieren hier auch feinsten Sau­magen aus der Hof­metz­gerei unseres Alt­kanz­lers, zum selbst­ge­ba­ckenen Kuchen gibt es Kaffee aus der Stem­pel­kanne. Das ist kein Stress, auch wenn ich manchmal tage­lang mit dem Flug­zeug und dem Auto unter­wegs bin und dann nachts die Mai­sche rühre.

Zurück zum Bier. Haben Sie als Leis­tungs­sportler eigent­lich früher auch schon das ein oder andere Gläs­chen getrunken?
Der Umgang mit Alkohol war früher im Fuß­ball sicher etwas laxer als heute. In diversen Kneipen werden noch heute Getränke nach Spie­lern und Schieds­rich­tern benannt. Für mich galt immer der Grund­satz: Man sollte nicht gegen das eigene Ver­langen ankämpfen und sich kas­teien. Wenn ich nach einem Spiel Lust hatte, ein Bier zu trinken oder zum Abend­essen einen Wein zu bestellen, dann habe ich das auch gemacht. Lebens­freunde und Leich­tig­keit sollten selbst unter höchstem Druck nicht ins Abseits geraten.