Was würde ich machen, wenn mir irgend jemand, in einem Café, im Bus, in der Bahn, befehlen würde: Stehen Sie auf!“ Ich würde wohl sit­zen­bleiben, es sei denn natür­lich, eine ältere Dame bräuchte einen Platz. Warum sollte ich sonst auf­stehen? Ich sitze doch gerade so schön! Außerdem lasse ich mich ungern von Unbe­kannten anherr­schen.

Stehen Sie auf!“, herrscht mich plötz­lich dieser Mann an, der aus­sieht aus wie Danny DeVito als Pin­guin in Bat­mans Rück­kehr“. Ich zucke zusammen. Na, los! Stehen Sie auf!“ Und wie an unsicht­baren Fäden gezogen, wie eine wil­len­lose Mario­nette, stehe ich auf. Ganz und gar gegen meine Prin­zi­pien. Und nun stehe ich da, in einem Tagungs­raum eines Hotels in Liver­pool, x‑beinig und lin­kisch, und bin Rafael Benitez voll­kommen aus­ge­lie­fert.

Trainer: Man folgt ihnen bedin­gungslos auf den Mount Magath

Ich habe schon oft gehört, dass pro­fes­sio­nellen Fuß­ball­trai­nern etwas gera­dezu gespens­tisch Macht­volles zu eigen ist. Ihr Wort ist Gesetz, man folgt ihnen, womög­lich bedin­gungslos, in die Schlacht, zum Wald­lauf, auf den Mount Magath, und wenn sie sagen Stehen Sie auf!“, steht man auf, obwohl man nicht will und nicht weiß, wozu das eigent­lich gut sein soll. Und ich werde dafür noch nicht mal bezahlt.

So“, sagt Rafael Benitez zufrieden, als er mich vor sich stehen sieht. Sie sind Jerome Boateng.“ Auch das akzep­tiere ich wider­spruchslos, es wird schon seinen Grund haben, meine ich. Irgendwo maunzt noch mein Stolz – Warum lässt du das mit dir machen, Junge? Nun wehr‘ dich halt mal!“ –, aber längst spüre ich, wie ich mich auf­gebe. Und das ist zunächst gar nicht mal so unan­ge­nehm. Wenn ich nur wüsste, was dieser Pin­guin mit mir vor hat!

Bin ich der rich­tige Mann am rich­tigen Ort?

Also“, hebt Benitez an. Stellen Sie sich vor, Lewan­dowski kommt auf Sie zu.“ Ich weiß nicht, ob ich der rich­tige Mann am rich­tigen Ort bin, und sage doch nur: Yes.“ Und Benitez fragt: Was müssen Sie jetzt tun?“ Obwohl der Zwei­kampf gegen den unsicht­baren BVB-Hünen noch nicht einmal begonnen hat, tritt mir der Schweiß auf die Stirn. Das hier ist ganz offenbar ein Test! Rafael Benitez, Wun­der­trainer des FC Liver­pool, Sieger im wohl denk­wür­digsten Cham­pions-League-Finale aller Zeiten, redet wohl nicht mit jedem. Es sei denn, er beherrscht die hohe Kunst des Ver­tei­di­gens.

Öh“, höre ich mich sagen. Hm.“ Benitez schiebt mich am Glas­tisch vorbei in den freien Raum. Sie brau­chen Infor­ma­tionen!“, bellt er. Was er nicht sagt! Natür­lich brauche ich Infor­ma­tionen. Gib sie mir, Mann!“, würde ich jetzt sagen. Nor­ma­ler­weise. Aber er ist ja mein Trainer, und da wird man nicht frech. Also ver­suche ich schwei­gend, diese Infor­ma­tionen aus seinem Gesicht abzu­lesen, irgendwie aus dem Raum zu saugen. Ver­zwei­felt linse ich auf seinen Tablet-Com­puter, auf dem die Auf­stel­lungen leuchten. Was erwartet er von mir? Was ist geboten?

Ich möchte alles richtig machen, und finde doch nur eines heraus: Das ist also die Aura der Erfolgs­trainer. Sie bringen erwach­sene Männer dazu, über glü­hende Kohlen zu laufen und in einem Hotel in Liver­pool dubiose Rol­len­spiele zu spielen. Aha! Was ich aber tun würde, wäre ich Jerome Boateng – keine Ahnung. Beim besten Willen nicht, Trainer!

Und ich so: Yes.“

In der anderen Ecke des Raumes lachen sich der Foto­graf Joe Miles und Rafael Benitez‘ Assis­tent, der sich locker mit Chris“ vor­ge­stellt hat, schlapp, der Groß­meister selbst bleibt gna­denlos. Noch einmal: Sie brau­chen Infor­ma­tionen!“ Hört das denn nie auf? Als könnte ich die 2:5‑Schmach der Bayern im Pokal­fi­nale gegen den BVB jetzt noch ver­hin­dern. Sie wollen wissen, was Lewan­dowski mit dem Ball vorhat“, unter­stellt mir Benitez. Und ich so: Yes.“ – Und des­halb gucken Sie auf den…“

„…Ball!“, rufe ich wie ein Zwei­jäh­riger, der auf der Straße einen Flummi ent­deckt hat. Richtig!“, jubelt Benitez. Richtig!“, jubeln der Foto­graf und Chris. Richtig?“, frage ich, kaum fas­send, dass es wirk­lich so ist. Natür­lich“, sagt Benitez plötz­lich ernüch­tert, als hätte ich mit meiner naiven Rück­frage den Lern­er­folg zer­stört. Nur dann können sie reagieren. Im direkten Zwei­kampf in Straf­raum­nähe guckt der Ver­tei­diger immer auf den Ball. Guckt er auf den Körper des Stür­mers oder ihm sogar in die Augen, ist er raus aus der Nummer.“

Ich würde mir gern ein­bilden, ich hätte diesen Test bestanden und dass genau das die Vor­aus­set­zung für ein Inter­view mit Rafael Benitez gewesen wäre – ein tolles Inter­view übri­gens, das fast zwei Stunden dauert, über die unfass­bare Auf­hol­jagd des FC Liver­pool gegen den AC Mai­land 2005, die dra­ma­ti­sche Nie­der­lage der Bayern gegen Chelsea, den Auf­stieg und Fall großer Mann­schaften, Spa­niens Vor­macht, Joa­chim Löw und den Milch­mann von Wirral. Doch dem ist nicht so. Benitez hat bloß mal eben klar gemacht, wer von uns beiden hier der Fach­mann ist. Wer den anderen dazu bringen könnte, über glü­hende Kohlen zu laufen. Und das bin nicht ich.

Setzen Sie sich“, sagt Rafael Benitez schließ­lich, als er bereit ist, das Gespräch fort­zu­führen. Nichts lieber als das.