In der ver­gan­genen Woche hat Miroslav Klose zusammen mit Shko­dran Mus­tafi einen offi­zi­ellen Termin für die Natio­nal­mann­schaft wahr­ge­nommen und bei der gemein­samen Anfahrt hat Klose inter­es­sante Neu­ig­keiten über seinen jungen Kol­legen erfahren. Er stand ihm als Gegen­spieler schon einmal gegen­über.

Nun hat Klose in seiner langen Kar­riere schon so viele Spiele bestritten, dass er wohl eins ver­gessen kann; seine Begeg­nung mit Mus­tafi liegt jedoch erst ein Jahr zurück. Am vor­letzten Spieltag der Saison 2012/13 trafen beide in der Serie A auf­ein­ander. 2:0 hieß es am Ende für Lazio, auch weil Klose kurz vor Schluss noch einen Elf­meter her­aus­holte.

Das hat mir die letzte Kraft geraubt“, sagt Shko­dran Mus­tafi. Weniger scheint den jungen Mann zu plagen, dass ihn die Leute noch nicht so richtig auf dem Schirm haben.

Klose glaubt an Mus­tafis Talent

Shko­dran Mus­tafi, 22 Jahre alt und Innen­ver­tei­diger von Sam­pdoria Genua, ist der große Unbe­kannte unter den deut­schen Natio­nal­spie­lern. Er steht zwar im vor­läu­figen Auf­gebot für die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft in Bra­si­lien, doch ver­mut­lich kann Mus­tafi sich noch immer weit­ge­hend anonym in jeder deut­schen Fuß­gän­ger­zone bewegen. In Ita­lien bin ich ein biss­chen zum Fan­lieb­ling gereift“, sagt er, in Deutsch­land bin ich Mr. Unbe­kannt.“ Auch des­halb war der Fuß­ball­spieler über­rascht, als er im März von Bun­des­trainer Joa­chim Löw erst­mals zur Natio­nal­mann­schaft berufen worden war und im Kader für das Test­spiel gegen Chile stand: Ich hatte gedacht, dass ich in Deutsch­land ein biss­chen von der Bild­fläche ver­schwunden bin.“

Der Sohn alba­ni­scher Eltern, der in Bad Hers­feld zur Welt kam, ist auf dem Auf­merk­sam­keits­radar der hie­sigen Öffent­lich­keit bis­lang nicht groß­artig auf­ge­taucht. Ver­mut­lich liegt das in seiner Bio­grafie begründet. An seinem Weg, der eher ein Umweg war. Mit 17 ist Mus­tafi aus der Jugend des Ham­burger SV in den Nach­wuchs des FC Everton gewech­selt. Seitdem hat er nur noch mit den Junio­ren­teams des DFB in Deutsch­land gespielt. Von der U 16 bis zur U 21 hat er alle Natio­nal­mann­schaften durch­laufen. Mit der U 17 gewann er 2009 den EM-Titel – an der Seite von Mario Götze und Marc-André ter Stegen, die sich in Deutsch­land längst einen Namen gemacht haben.

Shko­dran Mus­tafi ist in dieser Hin­sicht eben­falls auf einem guten Weg, wenn auch wei­terhin fernab der Heimat. Nachdem er für Ever­tons Profis nur in einem bedeu­tungs­losen Europa-League-Spiel zum Ein­satz gekommen war, wech­selte der Innen­ver­tei­diger vor zwei­ein­halb Jahren zu Sam­pdoria Genua. Seitdem hat er 50 Spiele in der Serie A bestritten. Ich habe Musti oft gesehen, und ich muss sagen: Er ist zu Recht hier“, sagt Miroslav Klose im Trai­nings­lager in Süd­tirol. Für mich macht er in der Defen­sive bei Sam­pdoria den Unter­schied, er ist der Eck­punkt in der Abwehr.“ Auch Joa­chim Löws Ein­druck aus den Ein­heiten im Pas­sei­ertal ist über­ra­gend gut“.

Trotzdem werden Mus­tafis WM-Chancen als nicht beson­ders groß erachtet. Viel­leicht, weil ihn in Deutsch­land noch kaum jemand richtig ein­schätzen kann. Immerhin fehlt der großen Masse – abge­sehen von seinem Län­der­spiel­debüt gegen Polen vor zwei Wochen – die eigene Anschauung. Zudem hat Löw noch drei Spieler zu viel in seinem vor­läu­figen Auf­gebot, Mus­tafi gilt den meisten als erster Streich­kan­didat.

Ich habe es ganz gut hin­be­kommen, mich immer anzu­passen

Ich bin in den letzten Monaten sehr erfolg­reich damit gewesen, gar nicht zu rechnen“, sagt der Innen­ver­tei­diger. Seinen Antrieb bezieht er auch nicht daraus, es irgend­je­mandem zu beweisen. Meine Moti­va­tion ist ein­fach, wei­terhin meinen Traum zu leben. Aber ich weiß, dass es schneller bergab geht als bergauf.“ Der junge Mann macht einen sehr über­legten Ein­druck. Ich bin der Mei­nung, dass ich als 22-Jäh­riger früher gereift bin als manch anderer in meinem Alter“, sagt Mus­tafi. Er spricht vier Spra­chen (Deutsch, Alba­nisch, Eng­lisch, Ita­lie­nisch) flie­ßend, wirkt auf­ge­weckt – und ver­fügt über einen Vorzug, der ange­sichts der gesam­melten Unwäg­bar­keiten in Löws Kader nicht zu unter­schätzen ist. Mus­tafi kann nicht nur Innen­ver­tei­diger.

In dieser Saison habe ich so ein biss­chen alles gespielt“, sagt er. Drei­er­kette, Vie­rer­kette, in der Innen­ver­tei­di­gung auf beiden Seiten, linker Außen­ver­tei­diger, rechter Außen­ver­tei­diger. Ich habe es ganz gut hin­be­kommen, mich immer anzu­passen.“ Mus­tafi will kein wilder Zer­störer sein, er begreift die Rolle des Ver­tei­di­gers eher als die des ersten Auf­bau­spie­lers. Wenn ich den Ball habe, spiele ich gerne Fuß­ball“, sagt er.

Shko­dran Mus­tafi kommt inzwi­schen deut­lich wind­schnit­tiger daher als noch zu Jugend­zeiten. Als er nach Eng­land ging, wog Mus­tafi 82 Kilo­gramm, jetzt sind es nur noch 73. In Eng­land habe ich mich kör­per­lich weiter ent­wi­ckelt“, sagt er, und in Ita­lien ist die tak­ti­sche Schule hin­zu­ge­kommen.“ Eng­li­sche Ath­letik gepaart mit ita­lie­ni­scher Dis­zi­plin – für einen Innen­ver­tei­diger ist das ganz sicher nicht die schlech­teste Kom­bi­na­tion.