Die neun­ziger Jahre waren eine wun­der­bare Zeit, um als Fuß­ballfan sozia­li­siert zu werden. Auf jedem Fuß­ball­platz von der Kreis­liga auf­wärts tum­melten sich bunte Trai­nings­an­züge aus Plastik mit herr­lich gemus­terten Farb­über­gängen und schil­lernde (Torwart-)Trikots von bis heute uner­reichter Schön­heit. Die gesamte Umwelt befeu­erte grell meine kind­li­chen Instinkte mit viel­far­bigen Reizen.

Meine ersten Erin­ne­rungen ranken sich in pani­ni­bild­stück­haften Aus­schnitten um Spieler wie Uwe Bein, Rudi Völler, Sou­leyman Sané, Jay-Jay Okocha, den Adams­apfel von Steffen Freund oder den Leber­fleck von Chris­tian Wörns. Diese wahl­losen Frag­mente aus meinem Lang­zeit­ge­dächtnis bringen auch nach langer Zeit noch mein Zen­tral­ner­ven­system zum Tanzen. Doch beson­ders begehrt waren für mich natür­lich die Sti­cker meiner Lieb­lings­spieler von Werder Bremen: Rune Brathseth, Wynton Rufer, Dieter Eilts, Mario Basler, Mirko Votava oder Marco Bode.

Viele Lieb­lings­spieler, ein Trauma

Zu jung für Bre­mens Meis­ter­schaft von 1993 ver­hin­derten die trau­ma­ti­schen Ereig­nisse des 17. Juni 1995 jedoch, dass sich für mich ein ein­ziger Lieb­lings­spieler dieser Zeit aus den Reihen der eigent­lich glor­rei­chen Werder-Elf her­aus­kris­tal­li­sieren konnte: Bremen ver­siebte am letzten Spieltag gegen den FC Bayern Mün­chen die eigent­lich schon sicher geglaubte Meis­ter­schaft und verlor Otto Reh­hagel sowie Andi Herzog an die Bayern. Ein Jahr später folgte auch mein Frei­stoß­gott Mario Basler (Ventil immer nach oben!). Es fühlte sich alles an wie eine feind­liche Über­nahme.

Wir ver­loren an jenem Tag nicht nur ein Spiel gegen die Bayern, son­dern auch ich die Aus­sicht auf einen Lieb­lings­spieler, der mir als Ori­en­tie­rung und Fix­punkt in ver­wir­renden, jungen Jahren hätte dienen können. Ich musste noch etwas warten, bevor mein Leben mit dem Erscheinen eines kleinen Bra­si­lia­ners an der Weser end­lich Sinn ergeben würde. Nach Unheil klin­gende Namen wie Aad de Mos, Dixie Dörner und Wolf­gang Sidka sagen mir heute kaum noch etwas. Nicht zuletzt half meine vor­an­schrei­tende Pubertät sehr dabei, mich anti­pro­por­tional zu den Bremer Leis­tungen für Alkohol, Mäd­chen und Skate­boards zu inter­es­sieren. Was ich ver­passte: Ailton Gon­calves da Silva wech­selte im Oktober 1998 vom mexi­ka­ni­schen Verein Tigres de la UANL an die Weser und mit Thomas Schaaf wenig später ein alter Bekannter auf die Trai­ner­bank.

Ailton Tor – alles gut.“

Als sich end­lich die Wogen der Ado­les­zenz glät­teten und ich in das rich­tige Leben zurück­kehrte, erwar­tete mich meine alte Liebe Werder Bremen im neuen Gewand. Thomas Schaafs Phi­lo­so­phie war Offen­siv­fuß­ball und er konnte im Sturm­zen­trum auf einen wasch­echten Mit­tel­stürmer zurück­greifen. Zunächst fiel mir dieser vor allem durch seine für den Pro­fi­fuß­ball unge­wöhn­liche Statur auf. Wider­sprüch­lich dabei: Der dick wir­kende Mit­tel­stürmer war unglaub­lich schnell. Für mich ein unbe­greif­li­ches Fas­zi­nosum wie dieser rein äußer­lich etwas an die Stand­fuß­baller der C‑Klasse erin­nernde Stürmer ein­fach den Natur­ge­setzen trotzte und aus­trai­nierten Bun­des­li­ga­ver­tei­di­gern auf zehn Metern fünf abnahm. Oben­drein schoss das drol­lige Sprint­wunder erstaun­lich viele Tore. Seine legen­dären Inter­views nach dem Spiel machten ihn in Rekord­zeit zum Publi­kums­lieb­ling. Amü­sant waren seine kryp­ti­schen Thesen allemal („Musse mache Feuer!“).

AAAAAAAAAAiiiiill­tonnn!“

Der Bra­si­lianer, bos­haft auch kleines, dickes Ailton“ und, viel tref­fender, Kugel­blitz“ (beim MSV Duis­burg später auch Kugel­zebra“) genannt, galt zunächst als teu­erster Fehl­ein­kauf der Ver­eins­ge­schichte. Unter Trainer Wolf­gang Sidka war er im Abstiegs­kampf in der Saison 1998/1999 zu Werder gewech­selt und hatte in seinem ersten Bun­des­li­ga­ein­satz gegen Frei­burg gleich ein Tor erzielt. Sein Start an der Weser gestal­tete sich trotzdem schwierig, denn Sidka wurde sofort nach Tonis“ Ankunft ent­lassen, Felix Magath dafür ver­pflichtet. Dis­zi­plin- und Fit­ness­fa­na­tiker Magath setzte den Bra­si­lianer – nicht gerade für knall­hartes Kon­di­ti­ons­trai­ning geschaffen – eine Woche nach seinem ersten Bun­des­li­gator auf die Tri­büne (Stich­wort: Defen­siv­ver­halten). Dort durfte Ailton abge­sehen von einigen Kurz­ein­sätze bis zu Magaths Ent­las­sung schmoren.

Unter lie­be­voller Bemut­te­rung von Thomas Schaaf bekam er dann in der Saison 1999/00 doch noch die Kurve. Zwölf Tore und zehn Tor­vor­lagen als kon­ge­nialer Sturm­partner von Claudio Pizarro („Pizza-Toni lie­fert wieder“) waren der Dank für das Ver­trauen. Ail­tons zahl­reiche Treffer waren Balsam für meine Seele und ich konnte mich ganz auf den aktu­ellen, in Teilen sogar sehr attrak­tiven Fuß­ball kon­zen­trieren. In Wer­ders über­ra­schender Meis­ter­saison 2004 avan­cierte Ailton end­gültig zu meinem Lieb­lings­spieler – er traf wie er wollte und schoss mit 28 teils traum­haften Tref­fern die meisten Tore seit Karl-Heinz Rum­me­nigge 1980/81.

Happy End mit Wer­muts­tropfen

Unge­achtet der zum Tages­ge­schäft gehö­renden Undis­zi­pli­niert­heiten eines exzen­tri­schen Bra­si­lia­ners (Schaaf 2002/03: Das, was Toni macht, könnte man als bezahlten Urlaub bezeichnen. Er macht Urlaub und bezahlt dafür.“) wäre es im Oktober 2003 bei­nahe noch zum Bruch zwi­schen mir und dem Kugel­blitz gekommen: Nachdem Werder am 8. Spieltag die Tabel­len­spitze erklommen hatte, ver­kün­dete Rudi Assauer die Ver­pflich­tung von Mladen Kris­tajic und auch Ailton zur nächsten Saison. Tonis Ver­trags­ver­län­ge­rung bei Werder schien zwar greifbar, doch ließ sich der affek­tive Bra­si­lianer inner­halb einer halb­stün­digen Ver­hand­lung dazu hin­reißen, für das Dop­pelte des von Bremen ange­bo­tenen Gehalts im fol­genden Jahr die Fuß­ball­schuhe für Schalke zu schnüren. Ich fühlte mich zurück­ver­setzt in das Jahr meines großen Traumas, in dem die Bayern Reh­hagel und Herzog ver­pflich­teten und Werder in die Mit­tel­mä­ßig­keit kauften.

Den­noch blieb das erwar­tete Zer­würfnis zwi­schen den Fans und Ailton aus. Kri­tiker ver­stummten schon beim nächsten Aus­wärts­spiel, als der Kugel­blitz“ – treff­si­cher wie eh und je – Werder inner­halb kür­zester Zeit mit zwei Toren zur Füh­rung gegen Frei­burg schoss und so eine Sie­ges­serie ihren Anfang nahm, die Werder schließ­lich zum Herbst­meister machte. Tonis offen­sicht­lich kurz­fris­tige Ent­schei­dung für den Ver­eins­wechsel bereute er spä­tes­tens am Sai­son­ende als sein 3:1 gegen die Bayern im Olym­pia­sta­dion den end­gül­tigen Gewinn der Meis­ter­schaft klar­machte. Nach Abpfiff bra­chen beim emo­tio­nalen Bra­si­lianer alle Dämme: über­glück­lich über die Meis­ter­schaft, jedoch untröst­lich über den bevor­ste­henden Abschied, heulte Toni Rotz und Wasser. Trost konnten dem hem­mungslos wei­nenden Ailton nur die Arme Schaafs und Allofs spenden.

Diese Bilder sind es, die mir den Weg­gang Ail­tons nach dieser Saison erträg­lich machten und letzt­lich auch die Wunden meiner Kind­heit heilten. Dass Ailton in dem zunächst als Papa­geien-Trikot“ geschmähten Wer­der­dress die Meis­ter­schaft holte, machte es umso schöner – erin­nerten mich die orange-grünen Tri­kots mit ihrer unge­wöhn­li­chen Farb­ge­bung doch stark an die Mode­ver­wir­rungen der neun­ziger Jahre. Meine bösen Erin­ne­rungen an dieses Jahr­zehnt fanden im Sommer 2004 einen ver­söhn­li­chen Abschluss.