Die Sonne scheint durch die Straßen von Münster, durch die Fenster dieses Hauses, durch das Wohn­zimmer von Claudia Banach. Es ist ein guter Tag zum Fuß­ball­spielen, ein guter Tag um mit den Kin­dern nach draußen zu gehen. Ein Tag im Herbst. Es ist der 17. November 1991 und Claudia Banach steht am Telefon. Zum zweiten Mal inner­halb weniger Minuten hat sie nun den Tele­fon­hörer abge­nommen. Wieder meldet sich ein Bekannter, und wieder endet das Gespräch in einem Small­talk. Sonst nichts. Ein wenig unwirk­lich. Sie legt den Tele­fon­hörer auf die Gabel.

Prompt klin­gelt es erneut. Der Anrufer will ihren Vater spre­chen. Er ist der erste, der sich traut, von dem Unglück zu berichten. Mau­rice Banach ist bei einem Auto­un­fall auf der A1 bei Rem­scheid in Höhe der Auto­bahn­rast­stätte Rem­scheid ums Leben gekommen. Er war gegen 8:27 Uhr mit seinem Opel Omega frontal gegen einen Brü­cken­pfeiler gerast und im bren­nenden Auto­wrack gestorben. Die Uhr steht auf kurz nach 11. Die Zeit steht still. Vier Stunden zuvor hatte sich Mau­rice Banach, den alle nur Mucki“ nennen, bei seiner Frau mit den Worten ver­ab­schiedet: Ich fahre allein zum Trai­ning, bleibt ihr ruhig hier. Ich bin gegen Mittag wieder hier.“

Jörg Berger scheucht seine Mann­schaft an jenem Sonn­tag­morgen über den Platz. Der 1. FC Köln war am Vortag 0:3 gegen den FC Schalke unter die Räde gekommen. Banach sagte nach dem Spiel, dass er nicht mit der Mann­schaft nach Köln fahren werde, son­dern einen Abste­cher in seine alte Heimat Münster machen wollte. Berger erlaubte es ihm.

Minuten wie ein ganzes Leben

Das Trai­ning ist fast vorbei, als ein Poli­zist den Rasen betritt. Hat Mau­rice Banach heute mit­trai­niert?“, fragt er Kölns Trainer. Als Berger ver­neint, eröffnet ihm der Poli­zist, dass der Stürmer ver­mut­lich bei einem Auto­un­fall gestorben sei. Berger dreht sich um. Dann geht er in die Kabine. Die Mann­schaft folgt ihm. Minuten der Stille, die sich anfühlen wie Stunden, wie Tage, wie ein ganzes Leben.

Wenn man dieses fürch­ter­liche Unglück sieht, erkennt man, dass es andere Dimen­sionen als den Sport gibt“, sagt Pierre Litt­barski in der Presse. Andere Spieler sagen auch etwas. Doch die Worte sagen eigent­lich nichts. Nichts kann das Gesche­hene beschreiben. Das Spiel am kom­menden Wochen­ende gegen Dynamo Dresden sagt der Klub ab. Zwei Wochen später geht es gegen den VfL Bochum. Köln gewinnt durch ein Tor von Ralf Sturm. 13.000 Zuschauer sind im Sta­dion. Es jubelt kaum einer. 

Mau­rice Banach war im Sommer 1990 für 1,2 Mil­lionen Mark zum 1. FC Köln gewech­selt. Zuvor hatte er für Wat­ten­scheid 09 Tore am Fließ­band geschossen, in der Saison 1989/90 war er 21 Mal erfolg­reich und damit nicht nur Tor­schüt­zen­könig geworden, son­dern auch eine der hei­ßesten Per­so­na­lien auf dem Bun­des­liga-Trans­fer­markt. Die halbe Bun­des­liga soll hinter ihm her gewesen sein, und Berti Vogts, damals Co-Trainer der deut­schen Natio­nal­mann­schaft, sagte: Im Straf­raum gehört er zu den aller­besten.“ In Köln setzten sie ein Sie­ger­lä­cheln auf, als sie den Zuschlag erhielten. Nicht Pierre Litt­barski oder Frank Orde­ne­witz würden ihnen eine gol­dene Zukunft bescheren, son­dern Mau­rice Banach. Sie waren sich sehr sicher.

Dieser unbe­dingte Wille, ein Tor erzielen zu wollen

Wenn der schlak­sige Stürmer den Ball in den kom­menden Wochen und Monaten für den FC ins Tor bug­siert, beschleicht den Zuschauer nicht das Gefühl vom großen Rasen­zauber oder voll­endeter Bril­lianz. Die Tore erin­nern ihn viel­mehr wieder daran, dass Fuß­ball ein sehr ein­fa­ches Spiel ist. Im Pokal­fi­nale 1991 gegen Werder Bremen erzielt Banach etwa ein Tor, das im ersten Moment spek­ta­kulär aus­sieht – er trifft in der 62. Minute per Seit­fall­zieher –, in Wahr­heit schlichtweg einen Stürmer zeigt, der das immer kom­plexer wer­dende Spiel auf seine eigent­liche Idee run­ter­bricht: Ball, Schuss, Tor. In diesem Pokal­fi­nale segelt eine Flanke in der 62. Minute über Freund und Feind hinweg in den Straf­raum, Pierre Lit­barski legt mit dem Kopf ab, Mau­rice Banace dreht sich und trifft, halb im Fallen, halb im Flug. Es ist sein acht­zehntes Pflicht­spieltor, das er in seiner ersten Saison für den FC erzielt.

War Mau­rice Banach betrunken? Blen­dete ihn die Sonne?

Und so geht es weiter. Bis zu jenem Spiel auf Schalke am 16. November 1991 führt er die Tor­jä­ger­liste der Bun­des­liga an. Banach tän­zelt immer noch nicht, er spielt nicht Hacke, er macht keine Über­steiger. Er schießt ein­fach. Immer wieder. Ball, Schuss, Tor. Im Sep­tember 1991 geht es gegen seinen Ex-Klub Wat­ten­scheid 09. Wieder ein Anspiel an die Straf­raum­grenze, wieder stehen mehr Gegen- als Mit­spieler um ihn herum. In Sekun­den­bruch­teilen erkennt Banach die Situa­tion, eine Dre­hung, und dann zim­mert er den Ball mit links ein­fach unter die Latte. Am 12. Oktober 1991 gegen den MSV Duis­burg bekommt er ein Anspiel über 25 Meter, dieses Mal lauern zwei Gegen­spieler. Banach nimmt den Ball mit rechts an und schießt den Ball mit links in den Winkel. Sucht man nach gegen­wär­tigen Ver­glei­chen, fallen einem Spieler wie Ruud van Nistel­rooy oder Thomas Müller ein, die beiden diesen Drang zum Tor und diese Sim­pli­zität des Spiels ver­einen.

Seine letzten Tore schießt Mau­rice Banach am 9. November beim 4:1‑Heimspielsieg gegen For­tuna Düs­sel­dorf. Der große Tri­umph gegen den Rivalen vom anderen Rhein­ufer.

Doch ist Banach auch einer, dem das Licht der Bun­des­liga manchmal ein wenig zu grell scheint. Das zeigt sich schon im Jubel. Er zele­briert seine Tore nicht. Er reißt für gewöhn­lich ein­fach die Arme hoch oder ballt die Faust. Auch für diese Boden­stän­dig­keit schätzt man ihn. Abseits des Platzes gilt er als ruhig, manchmal schüch­tern. Später steht in der Todes­an­zeige, die sein Klub im Kölner Stadt­an­zeiger ver­öf­fent­licht: Mau­rice genoss durch seine ruhige, beson­nene, zurück­hal­tende, aber zugleich fröh­liche Art all­ge­meine Wert­schät­zung.“

War Mau­rice Banach betrunken? Blen­dete ihn die Sonne?

Es gibt ein Video, das ihn drei Monate vor dem Unfall nach einer Trai­nings­ein­heit zeigt. Er schlen­dert vom Platz, die Kinder recken ihm Stifte und Zettel ent­gegen, er unter­schreibt artig, doch irgendwie abwe­send. Er heu­chelt kein über­stei­gertes Inter­esse, aber wirkt auch nicht arro­gant. Er scheint schlicht wie der Junge von nebenan, der Fuß­ball spielt und der es gar nicht so richtig ver­steht, dass Leute seinen Namen rufen. Wenige Tage vor dem Unfall ver­län­gert der 1. FC Köln seinen Ver­trag für drei wei­tere Jahre. Und wenige Tage vor seinem Unfall sagt er in einem seiner letzten Inter­views: Eines Tages möchte ich nach Irland, das muss wun­derbar sein, die Natur, die Luft. Da fahre ich dann nur Fahrrad.“ Danach legt sich die blei­erne Schwere über den Fuß­ball und das Leben.

Die genauen Umstände des Todes sind bis heute nicht geklärt. Die Presse ver­mel­dete im November 1991, Banach sei mit Rest­al­kohol im Blut von Münster aus los­ge­fahren. Am Abend zuvor sollen er und seine Frau eine Kar­ne­vals­party besucht haben. Banachs Frau zwei­felte die Blut­werte aller­dings erfolg­reich vor Gericht an. Andere Theo­rien besagen, dass der Spieler an jenem Morgen von der auf­ge­henden Sonne geblendet wurde und die Kon­trolle über das Auto verlor.

Ich müsste mir ja keinen neuen Mann kaufen“

Vor zwei Jahren ging Claudia Banach noch einmal an die Öffent­lich­keit. Über diverse Kölner Zei­tungen monierte sie, dass sich der Klub nach dem Unglück nie um die Hin­ter­blie­benen geküm­mert habe. Sie waren sich damals schon zu fein auf die Trau­er­feier in einer Gast­stätte zu kommen. Die FC-Dele­ga­tion ging in ein Fünf-Sterne-Hotel“, sagte sie bei einem Treffen im FC-Stamm­tisch, später wurde sie so in der Bild“-Zeitung zitiert. Auch wurden Details über eine Ver­si­che­rung öffent­lich, die der Klub für die Familie abge­schlossen hatte. Der Geschäfts­führer Wolf­gang Schänzler zahlte mir nur einen kleinen Teil. Die Begrün­dung: Ich müsste mir ja keinen neuen Mann kaufen, der FC aber einen neuen Stürmer“, sagte Claudia Banach.

Heute lebt sie mit ihren Kin­dern in Münster. Sie ist wieder ver­hei­ratet. An der Unfall­stelle ist sie nie wieder vor­bei­ge­fahren. Wenn sie von Münster aus Rich­tung Köln unter­wegs sind, nimmt sie immer die A 43 statt die A1.