Joe Kin­near war Feuer und Flamme. Was war das nur für ein sen­sa­tio­neller Spieler, der dort als Links­außen von Bir­mingham die Sei­ten­linie rauf und runter rannte? Der bei allen gefähr­li­chen Aktionen seine Füße im Spiel hatte. Wie­sel­flink war der, gewitzt, zudem noch jung. Dieser Junge, Shane Fer­guson, der dort unten im Capital One Cup gegen Swansea eine so her­aus­ra­gende Leis­tung bot, der würde auch gut zu seinen Mag­pies“ passen, dachte sich New­castles Sport­di­rektor. Und viel­leicht gäbe es da ja tat­säch­lich eine Mög­lich­keit, das Talent aus dem klas­sen­nied­ri­geren Bir­mingham los­zu­eisen. Fragen könnte man ja mal. So ein kleiner Trans­fer­coup käme gerade recht, mit den stets nör­gelnden Fans zuhause und der ewig kri­ti­schen Presse, die ohnehin immer alles besser weiß und es ja eh auf ihn abge­sehen hat.

Joe Kin­near und New­castle, das ist wirk­lich keine ein­fache, ja eine unge­wöhn­liche Ver­bin­dung. Die Fans mögen ihn nicht, mit der Presse ver­bindet ihn sowieso eine ganz beson­dere Geschichte. Kin­nears Aus­setzer sind in Eng­land in etwa so legendär wie hier­zu­lande die Wut­rede Tra­pat­tonis.

So ist mein Trainerleben: Ich kaufe bei Wool­worth und ver­kaufe im Harrod’s!“

Dabei hatte alles völlig harmlos ange­fangen. Als Spieler war der Ire in den Sech­zi­gern und Sieb­zi­gern mit Tot­tenham überaus erfolg­reich, der Ver­tei­diger, immerhin iri­scher Natio­nal­spieler, gewann mit den Spurs den FA-Cup, zweimal den League-Cup und 1972 gar den UEFA-Cup. Es folgte eine Trai­ner­kar­riere, die jahr­zehn­te­lang eher eine Rand­notiz des eng­li­schen Fuß­balls war. Enga­ge­ments in Dubai, Malaysia, Indien und Nepal, anschlie­ßend Assis­tenz­trainer bei den Don­caster Rovers und der Reser­ve­mann­schaft Wim­ble­dons. Kin­near stellte Hüt­chen für Semi­profis auf. Der Nabel der Fuß­ball­welt war das bestimmt nicht. 

In den Neun­zi­gern nahm Kin­nears Kar­riere Fahrt auf. Als der Coach der Wim­bledon-Pro­fi­mann­schaft, Peter Withe, 1992 ent­lassen wurde, über­nahm Kin­near den Chef­trai­ner­posten. Wim­bledon, ansonsten ein kleines Licht in der Pre­mier League, wurde Sechster, Kin­near mehr­fach Trainer des Monats“. Auch die Fol­ge­saison meis­terte der Trainer mit Bra­vour: Die Dons“ wurden Neunter, ins­be­son­dere sein Geschick auf dem Trans­fer­markt fand Beach­tung. So ist mein Trainerleben“, sagte er. Ich kaufe bei Wool­worth und ver­kaufe im Harrod’s!“ Gerüchte machten die Runde, der Iri­sche Ver­band wolle ihn als Natio­nal­coach. Kin­near aber blieb in Wim­bledon und war auf dem besten Wege, einen soliden Mit­tel­feld­klub aus dem bie­deren Klub zu machen, als ihn ein Herz­in­farkt stoppte. Den Job musste er auf­geben. Im Fol­ge­jahr stieg Wim­bledon ab.

52 fucks“ und fuck­ings“

So können unschein­bare Trai­ner­lauf­bahnen in den Geschichts­bü­chern ver­si­ckern, nicht aber die des kau­zigen Iren. Kin­near wurde wieder gesund, kehrte in den Fuß­ball zurück und sorgte für eine erste Irri­ta­tion. Als Sport­di­rektor geholt, ent­ließ er in Luton kur­zer­hand den Trainer und instal­lierte sich selbst als dessen Nach­folger. Aller­dings ohne Erfolg. Es folgte ein glück­loses Enga­ge­ment bei Not­tingham For­rest, anschlie­ßend vier Jahre ohne Job, bevor er 2008 Inte­rims­coach in New­castle wurde. Zunächst für einen Monat, dann einen zweiten, die Besitz­ver­hält­nisse des Klubs waren unklar und nie­mand wusste so recht, wie lange die Ver­träge laufen würden. Als Jour­na­listen auf einer Pres­se­kon­fe­renz nach­fragten, maulte Kin­near: Das geht euch nichts an!“ und ließ anschlie­ßend eine fünf­mi­nü­tigen Hass­ti­rade vom Stapel, die stolze 52 fucks“ und fuck­ings“ beinhal­tete. Den Jour­na­listen Simon Bird vom Daily Mirror“ nannte er zu Beginn seiner Wut­rede cunt“, nicht eben die feine, eng­li­sche Art. Fucking print it“, blökte er weiter. Inter­es­siert mich nicht. Schreibt auch rein, dass ich mit euch nicht mehr reden werde.“ Die Öffent­lich­keit war fas­sungslos. Im Hand­um­drehen war Kin­near nicht mehr der unschein­bare Coach, son­dern ein Galle spei­ende Vulkan.

Sport­lich lief es mit­tel­mäßig. Im Winter rüs­tete Kin­near nach, ver­pflich­tete Peter Löven­krands, Kevin Nolan und Ryan Taylor und gab im Gegenzug Shay Given sowie Charles N’Zogbia ab, der nicht mehr unter dem Coach spielen wollte, seit dieser ihn in einem Inter­view aus Ver­sehen Insomnia“ nennt. Namen, das wird in dieser Geschichte noch deut­lich werden, waren offenbar noch nie Kin­nears Stärke. Die Früchte seiner umge­bauten Mann­schaft konnte der Trainer aller­dings nicht mehr ein­fahren. Wieder machte das Herz Pro­bleme, er Kin­near sich einer Bypass-Oera­tion unter­ziehen. Sein Ver­trag lief aus. Ein wei­terer Punkt, an dem Kin­nears Kar­riere hätte ver­si­ckern können. Und wieder tat sie es nicht.

Ben Afri“ und Kebab“

Der Ire hielt sich weiter im Dunst­kreis des Fuß­balls auf, im Sommer 2013 war die Zeit reif für ein Come­back. Und was für eines. In einem Tele­fon­in­ter­view mit Talk­sport“, dem offi­zi­ellen Radio­partner der Pre­mier League, bestä­tigte Kin­near die kur­sie­renden Gerüchte. Er kehre als Sport­di­rektor zu den Mag­pies“ zurück. In den fol­genden Minuten ließ Kin­near live on air eine der­ar­tige Anzahl an Fehl­in­for­ma­tionen, Unwahr­heiten und Ver­spre­chern los, dass es eine wahre Freude war. Seinen Vor­gänger Derek Llam­bias nennt er Llam­bezee“, die Spieler Hatem Ben Arfa und Yohan Cabaye Ben Afri“ und Kebab“. Er behaup­tete, in seiner Zeit als Trainer der Mag­pies“ Spieler geholt zu haben, die lange vor ihm in New­castle waren. John Hartson habe er einst sogar umsonst nach Wim­bledon gelotst, in Wirk­lich­keit war der Waliser mit 7,5 Mil­lionen Pfund der teu­erste Transfer der Ver­eins­ge­schichte. Gefeuert worden sei er über­dies noch nie, zudem drei­ma­liger Trainer des Jahres“. Beides stimmte nicht. Und über die Fans, die ihm kri­tisch gegen­über­stand, sagte er, quasi als Schleif­chen um den bizarren Auf­tritt: Sie reden Schwach­sinn. Ich werde das nicht hin­nehmen. Ich bin intel­li­genter als die, soviel ist klar!“

Womit wir wieder beim Beginn dieser Geschichte ange­langt wären. Nach dem Fehl­tritt im Radio hatte Kin­near einen schweren Stand. Das ganze Land lachte über ihn und die Fans – soviel war klar – mochten ihn nicht.

Das ganze Land lachte über ihn

Aber so ein Talent, ein viel­ver­spre­chendes Schnäpp­chen aus der zweiten Liga, das wäre doch was, damit ließen sich die Wogen doch glätten! Direkt nach dem Spiel ging Kin­near also zu den Ver­ant­wort­li­chen von Bir­mingham, um sich nach dem Jungen zu erkun­digen. Dieser Shane Fer­guson, das sei ein inter­es­santer Spieler, New­castle würde ihn gerne ver­pflichten, ver­briefte Kin­near sein Inter­esse. Zur Ver­wun­de­rung der Bir­mingham-Offi­zi­ellen, die zunächst an einen Scherz des Iren glaubten. Der aber meinte es ernst. Die Presse erfuhr davon, bald darauf lachte das ganze Land noch lauter über Kin­near als es das ohnehin schon tat.

Denn dieser Shane Fer­guson, dieser talen­tierte Links­außen, flink, gewitzt, zudem noch jung, dieser Shane Fer­guson steht bereits seit 2007 in New­castle unter Ver­trag, seit 2009 bei den Profis, und ist bis Sai­son­ende an Bir­mingham aus­ge­liehen. Ob die kri­ti­schen Fans, die ja offenbar weitaus dümmer sind als ihr Sport­di­rektor, auch auf die Idee gekommen wären, einen Spieler zu ver­pflichten, den man schon seit sechs Jahren unter Ver­trag hat?