Die 11FREUNDE-Diens­tags­ko­lumne: Jede Woche machen sich Lucas Vogel­sang, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fuß­ball, die Bun­des­liga und was sonst noch so pas­siert. Wenn unser heu­tiger Kolum­nist Lucas Vogel­sang nicht gerade für uns unter­wegs ist, schreibt er für den Tages­spiegel, textet für Thea­ter­stücke oder fla­niert beseelt durch Berlin.

Erst einmal muss ich mich ganz genau umschauen. Ja, tat­säch­lich, das hier ist immer noch Berlin. Und doch hat es mit Berlin nicht viel zu tun. Es ist kurz nach Elf. In Mitte wird gebruncht, in Fried­richs­hain stehen die Kaputten vor dem Berg­hain, 500 Meter Schlange, bis sie von einem täto­wierten Unge­heuer wieder nach­hause geschickt werden. Und ich stehe am Stadt­rand, fünf Minuten von meinem Eltern­haus ent­fernt und schaue mir ein Spiel der Dritten Männer meines Hei­mat­ver­eins an, gemeinsam mit zwei unent­wegten Zaun­gas­trent­nern, die mit dem Wort Brunch ebenso wenig anfangen können wie mit dem Berg­hain. Der Nie­sel­regen unter einem schalen Himmel tropft ins Gemüt. Nur die Kom­mandos, hin­ge­rotzte Ver­suche einer defen­siven Ord­nung, peit­schen durch die Mor­gen­luft. Ab und an klat­schen Körper auf den Rasen. Dann wird der Kampf hörbar.

Fuß­ball wird woan­ders gespielt. Aber darum geht es nicht. Ich bin hierher gefahren, am Olym­pia­sta­dion vorbei, über die Havel, weil ich einen Sonntag ver­bringen wollte wie früher. Im Sta­dion des Vier­tels, wo sich die Fas­zi­na­tion des Spiels vor allem daraus ergibt, dass dort auf dem Platz die eigenen Freunde, Brüder, Arbeits­kol­legen durch den Grind der Nie­de­rungen grät­schen. Und ich wollte die Jungs sehen, mit denen ich meine Wochen­enden ver­bracht habe. An Tagen wie diesen, im Vor­stadtasphalt, umgeben von einem Früh­nebel aus Rest­al­kohol. Wir kennen uns seit wir Kinder sind, waren, damals, ein Rudel Halb­starker.

Eine Infan­terie-Ein­heit kurz nach dem Not­ab­itur

Auf dem alten Mann­schafts­foto, es liegt noch immer bei mir in einer Schub­lade, sehen wir aus wie eine zu allem ent­schlos­sene Infan­terie-Ein­heit kurz nach dem Not­ab­itur. Junge Männer, halbe Kinder, den ersten Flaum als Ahnung der kom­menden Jahre bereits in den Gesich­tern, Arm in Arm. Ver­schworen würden die sagen, die damals nicht dabei waren. Und es wäre doch nur eine unzu­läng­liche Beschrei­bung. Nun habe ich die Jungs mehr als fünf Jahre nicht gesehen. Doch sie haben sich kaum ver­än­dert. Viel­leicht etwas mehr Bauch, dafür bei einigen etwas weniger Haare. Einer von ihnen trägt eine Clooney-Hom­mage in der Frisur, sie schim­mert fast silbrig im Regen, dar­unter aber ist das Gesicht das­selbe geblieben, als hätte er sich ent­schieden, von den Haar­spitzen abwärts zu altern. Auch die Gesten haben die Jahre über­standen, ihre Kör­per­sprache ist zeitlos.

Die Hälfte der Mann­schaft von damals steht auch heute noch auf dem Platz. Der Lange, der Kapitän, eigent­lich Tor­hüter, der auch im Feld noch immer die Eins als Rücken­nummer trägt. Der Fran­zose, ein fili­graner Har­lekin, der früher, auch außer­halb des Kunst­ra­sen­recht­ecks sein Mar­seille-Trikot durch das Viertel trug. Droit au but. Stolz darauf, die­selbe Sprache zu spre­chen wie Zidane. Und, als dau­er­pö­belnde Attrak­tion, der mitt­ler­weile grau­haa­rige Ver­tei­diger, dessen ewiger Spitz­name, ange­lehnt an Ste­phen Kings Geschichte eines toll­wü­tigen Bern­har­di­ners, seine Qua­li­täten als Fuß­baller ziem­lich tref­fend zusam­men­fasst. Sein Spiel ist auch heute wieder der Ver­such, Löcher in die Luft zu beißen, bis er sich, kurz vor Schluss, tob­suchts­an­fall­be­dingt, aus­wech­seln lässt. Sein Team führt da längst unein­holbar. Doch, natür­lich, ist auch damit nie­mand zufrieden. Feh­lende Ein­stel­lung wird bemän­gelt. Und das geht nicht, weil es auch hier, Kreis­klasse A, immer gleich um alles geht. Oder zumin­dest darum, nachher sagen zu können, dass heute die Ein­stel­lung gestimmt hat.

Abpfiff. Großes Hallo. Harte Umar­mungen, wie sie nur unter alten Freunden mög­lich sind. Vor der Kabine, es riecht, auch das selbst­ver­ständ­lich, nach Schweiß und Ziga­retten, werden die ersten Mollen geöffnet. Ber­liner Kinder, Stadt­rand­früh­stück. Mit­tags um Zwölf. Zeit, um sich noch einmal genau umzu­sehen, in die Gesichter zu schauen. Und es setzt eine Zufrie­den­heit ein, die nur ent­steht, wenn sie von Nost­algie begleitet wird. Arm in Arm. Hier, auf diesem Platz, ist die Zeit ein­fach stehen geblieben.

Es ist ein groß­ar­tiges Gefühl. Es ist ein Sonntag wie schon zehn Jahre zuvor, und zehn Jahre davor. Natür­lich kommen die Trinker auf Krü­cken, die Mäd­chen mit den Kin­der­wagen, Spie­ler­frauen, die nie­mals in der Gala abge­bildet werden, zahn­lose Cheer­leader ihrer Männer. In einem Bezirk, in dem Vater­sein ein Berufs­bild ist. Da hat sich tat­säch­lich nichts ver­än­dert. Nur die Trinker haben die Plätze ihrer Väter ein­ge­nommen. Das könnten hier des­halb, gut und gerne, auch die Acht­ziger sein, würde die Musik aus dem Ghet­to­blaster in der Kabine nicht die Gegen­wart ver­raten. Alors on Danse.

Zuhause wartet die Frau – oder das Bett

Schön, dass Du da bist“, sagt der Fran­zose. Lacht, wie er schon in den Neun­zi­gern gelacht hat. Nächstes Bier. Erste Witze. Auch die gehören hier zur dritten Halb­zeit. Die ersten müssen los. Zuhause wartet die Frau, oder das Bett, weil ihr Auf­wärm­pro­gramm eine Nacht­schicht in Bereit­schaft war. Die Jungs von damals aber bleiben, auf dem Rasen­platz spielen nun die Zweiten Herren, erstaun­li­cher­weise kenne ich keinen von ihnen. Was aber auch egal ist. Denn die Gäste aus Lich­ten­berg tragen Tri­kots in Quän­gel­rosa, die Stürmer farb­lich abge­stimmte Stirn­bänder. Eine Steil­vor­lage für das ganz große Sei­ten­li­nien-Theater. Raulo Pink“, schreit einer. Eric Prydz“, ein anderer. Und der Fran­zose, dem es erstaun­li­cher­weise noch immer gelingt, sich selbst mit dem Bier­be­cher in der Hand und anstren­gungs­roten Augen die Würde eines Wein­ken­ners zu bewahren, stimmt, keine Frage, das kommt, weil es unwei­ger­lich kommen muss, Call on me“ an. Mit einer Inbrunst, als müsste er Sar­kozy seine Text­si­cher­heit in Sachen Mar­seil­laise beweisen.

So ver­geht dieser Sonn­tag­vor­mittag am Stadt­rand, andere Jungs kommen dazu, auch sie bekannte Gesichter, ein­ge­kleidet mit der Aggro-Berlin Herbst­kol­lek­tion. Aha, denke ich, die Basecap wird immer noch falsch­herum getragen, die Jog­ging­hosen weit. Klare Mes­sage: Die Gangs­terrap-Folk­lore wird vor allem außer­halb des S‑Bahnrings kon­ser­viert. Und natür­lich fallen dann auch diese ras­pel­kurzen, lie­bens­würdig aggres­siven Stadt­rand­sätze. Da gibt einer dem anderen Feuer für die soeben erschnorrte Ziga­rette und als das Ding nicht brennen will, sagt er nur: Das heißt Zieh­ja­rette, nicht Pus­te­rette.“ Dann holt er noch ein Bier. Drei­zehn Uhr. Am Stadt­rand. In Mitte gibt es jetzt Pro­secco zum Brunch.