Es war im Vor­feld der WM 1974, dass sich Zaires des­po­ti­scher Prä­si­dent Mobutu mehr und mehr für das Schicksal seiner Natio­nalelf zu inter­es­sieren begann. Zum ersten Mal hatte sich eine schwarz­afri­ka­ni­sche Mann­schaft für ein Welt­tur­nier qua­li­fi­ziert, und Mobutu wit­terte die Chance, die Erfolge des Teams öffent­lich­keits­wirksam aus­zu­schlachten. 1965 hatte er durch einen von der CIA unter­stützten Putsch die Macht an sich gerissen.

Seit Zaire 1960 unab­hängig von Bel­gien geworden war, hatten im Land eth­ni­sche und regio­nale Kon­flikte geherrscht. Mit Hilfe des Fuß­balls wollte Mobutu nun die unter­schied­li­chen Bevöl­ke­rungs­gruppen einen, und er ließ keine Gele­gen­heit aus, das Team mit Lob und Geschenken zu über­schütten. Dem dama­ligen Ver­tei­diger Mwepu Ilunga zufolge schwante einigen Spie­lern bereits Böses für den Fall, dass es in Deutsch­land nicht so laufen sollte, wie Mobutu sich das vor­stellte. Doch es kam alles noch schlimmer. Die WM-Auf­tritte der Leo­parden“ waren so unter­ir­disch und Mobutus Zorn derart heftig, dass die Spieler eine Zeit­lang sogar um ihr Leben fürchten mussten.

Die Über­le­benden aus dem Kader aus­findig zu machen, ist ein schwie­riges Unter­fangen. Viele haben dem Sport den Rücken gekehrt und die meisten wei­gern sich schlicht, über die Gescheh­nisse von damals zu reden. In der Bot­schaft des Landes, das inzwi­schen Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kongo heißt, kann und will man bei der Suche nicht helfen. Die Sache scheint bereits hoff­nungslos, als sich ein Kon­takt zu einem in der Haupt­stadt Kin­shasa sta­tio­nierten fran­zö­si­schen Jour­na­listen namens Claude Fevre auftut, der vor kurzem einige Mit­glieder des Teams auf­spüren konnte.

Der Kongo ist ein rie­siges Land, in dem Men­schen ein­fach ver­schwinden

Über die Mann­schaft wird soviel Unsinn erzählt“, meint Fevre, das kann man sich nicht vor­stellen.“ Das kann man sehr wohl, wenn man in den Monaten zuvor selbst auf zahl­lose mehr oder weniger unglaub­liche Geschichten gestoßen ist. Es hieß, Ver­tei­diger Lobilo sei nach seinen schwa­chen Leis­tungen in Deutsch­land vom Regime umge­bracht worden“, sagt Fevre, was aber nicht stimmt.“ Angeb­lich flüch­teten zwei wei­tere Spieler nach Uganda und wurden später von Idi Amin getötet. Beweise dafür gibt es nicht, doch sobald in einem Land wie Zaire jemand ver­schwindet, wird auto­ma­tisch ange­nommen, dass er umge­bracht wurde. Fest steht, dass drei Spieler ver­storben sind, dar­unter Mit­tel­feld­spieler Kilasu und Tor­wart Kazadi. Der Kongo ist ein rie­siges Land, in dem Men­schen ein­fach ver­schwinden, was zu den wil­desten Spe­ku­la­tionen führt.

Der ein­zige Akteur der Mann­schaft, der ins Aus­land ging, war Etepe Kakoko. Er stürmte später in Deutsch­land für den VfB Stutt­gart, den 1. FC Saar­brü­cken und Borussia Neun­kir­chen. Der bekann­teste der Leo­parden ist aber bis heute Mwepu Ilunga, der bei einer der kurio­sesten Szenen der WM-His­torie im Mit­tel­punkt stand. Kurz vor dem Ende der Partie gegen Bra­si­lien stürzte er beim Stand von 0:2 plötz­lich aus der Mauer, als sich Jair­z­inho und Rivel­lino gerade auf einen Frei­stoß vor­be­rei­teten, und drosch den Ball ein­fach weg. Wäh­rend sich die Bra­si­lianer kaputt­lachten, ver­beugte sich Ilunga vor dem Publikum und wurde vom Schieds­richter ver­warnt. Die Zuschauer des Fern­seh­sen­ders Channel 4“ wählten diese Szene 2002 bei einer Wahl zum denk­wür­digsten WM-Moment aller Zeiten auf Platz vier. Bei der ähn­li­chen Umfrage eines bra­si­lia­ni­schen Sport­sen­ders belegte Ilungas bizarre Aktion Platz sechs, was ange­sichts der ereig­nis­rei­chen WM-Geschichte Bra­si­liens ziem­lich bemer­kens­wert ist. Fevre erzählt, dass Ilunga sich dieses Moments mit gemischten Gefühlen erin­nert: Alle vier Jahre erzählt er seine Story und ver­dient sich so ein biss­chen Geld. Auf der anderen Seite hat er das Gefühl, als Sün­den­bock her­halten zu müssen.“

Im Februar 1974 erhielten Ilunga und seine Kol­legen ein Tele­gramm, in dem Mobutu die Mann­schaft in seinen Prä­si­den­ten­pa­last in Nsele am Ufer des Kongo einlud. Ich weiß es noch, als wäre es ges­tern gewesen“, sagt Ilunga. In dem Tele­gramm stand: ›Mobutu sese seko kuku ngbendu wa za banga (etwa: der all­mäch­tige Krieger, der dank seiner Aus­dauer und seines unbeug­samen Sie­ges­wil­lens von Erobe­rung zu Erobe­rung zieht, Feuer in seiner Spur hin­ter­lässt und wie die Sonne, welche die Nacht besiegt, aus dem Blut und der Asche seiner Feinde ent­steht) lädt die sieg­rei­chen Leo­parden in sein Haus ein, um gemeinsam die erstaun­li­chen Erfolge der Natio­nal­mann­schaft zu feiern.‹“ Ilunga erklärt: Für mich war Mobutu ein Gott; jemand, der der Welt bewies, dass Zaire ein dyna­mi­sches und fort­schritt­li­ches Land sein konnte. Er zeigte, dass ein afri­ka­ni­scher Anführer ein Land ohne den Ein­fluss des weißen Mannes regieren kann.“

Ein Laza­rett­schiff namens Mama Mobutu“


Bei der Ankunft in Nsele trugen die Spieler den Aba­cost, eine Art zai­ri­scher Vari­ante des Mao-Kit­tels, die alle Zairer auf Anord­nung Mobutus bei offi­zi­ellen Anlässen zu tragen hatten. Er hatte seinen eigenen Zoo“, sagt Ilunga, herr­liche Gärten und eine ganze Flotte mit Mer­cedes-Benz-Autos und Klein­bussen. Die Gebäude waren aus feinstem weißem Marmor.“ Am Fluss waren zwei Boote fest­ge­macht, die Yacht des Prä­si­denten – sie hieß Prä­si­dent Mobutu“ – und ein Laza­rett­schiff namens Mama Mobutu“. Die Spieler wurden von kräf­tigen Wach­leuten ins Haupt­ge­bäude gebracht und nach einigen Minuten in Mobutus Gemä­cher geführt. Der Prä­si­dent war von seinen Rat­ge­bern und gren­zen­loser Pracht“ umgeben und trug seine cha­rak­te­ris­ti­sche Leo­par­den­fell­mütze und seine Brille. Meine Söhne“, winkte er sie herbei, tretet ein, damit wir uns unter­halten können.“

Die Spieler waren ange­wiesen, Mobutu nicht die Hand zu geben, nicht zu spre­chen, wenn sie vom großen Anführer nicht dazu auf­ge­for­dert wurden, und sich nicht abrupt zu bewegen, da Mobutu Angst vor Mord­an­schlägen hatte. Er sprach davon, dass die WM die ideale Bühne sei, das neue Afrika zu prä­sen­tieren, und wie stolz er sei, dass Zaire als erstes schwarz­afri­ka­ni­sches Land über­haupt bei einem Final­tur­nier dabei sein würde. Selbst Boba Lobilo, dessen Bruder von Mobutu schlecht behan­delt worden war, gab zu, vom Prä­si­denten fas­zi­niert gewesen zu sein. Wir waren beson­ders beein­druckt, als Mobutu auf unsere gelben Tri­kots zu spre­chen kam. ›Gelb sieht gut aus auf schwarzer Haut‹, meinte er. ›Ihr werdet euch wie elf Pelés fühlen, wenn ihr damit Fuß­ball spielt.‹“

Mobutu hatte die Tri­kots mit­ge­staltet und umfas­sende finan­zi­elle und logis­ti­sche Hilfe für das Unter­nehmen bereit­ge­stellt. Zudem umgarnte er die Mann­schaft mit der Aus­sicht auf groß­zü­gige Geschenke. Er ver­sprach uns ein brand­neues Auto, ein Haus, 20 000 Dollar für jeden und noch mehr Geld nach unserer Rück­kehr aus Deutsch­land. Solch ein Reichtum war in Zaire absolut unvor­stellbar und den meisten von uns war ganz schwindlig, als wir Nsele ver­ließen. Wir hatten aller­dings bemerkt, dass es den Wäch­tern nicht gefiel, als Mobutu uns das alles ver­sprach, und das sollte später ein großes Pro­blem werden.“