Seite 4: „Ich würde lieber dreckig gewinnen als schön zu verlieren“

Wer mit 20 Jahren noch ab und zu in der Lan­des­liga aus­helfen muss, bekommt nor­ma­ler­weise keine Chance mehr im Pro­fi­fuß­ball. Wieso haben Sie es doch noch gepackt?
Zum einen habe ich nicht auf­ge­geben. Ich habe immer nebenher noch mehr gemacht, als eigent­lich gefor­dert war, Läufe, Kraft­trai­ning, solche Sachen. Außerdem hatte ich ja schon erwähnt, dass ich lange sehr klein war. Aber irgend­wann bin ich in die Höhe geschossen. Dar­aufhin hat sich meine Spiel­weise ganz auto­ma­tisch ver­än­dert. Ich wurde robuster, kräf­tiger und unterm Strich ein­fach besser. Außerdem habe ich auch aktiv einige Aspekte meines Spiels umge­stellt.

Welche Aspekte?
Ich wusste: Um in höheren Ligen zu bestehen, würde ich in der Luft stärker werden müssen. Also habe ich an meinem Kopf­ball­spiel gear­beitet. Dazu kam in Rico Schmitt von Kickers Offen­bach ein Trainer dazu, der bestimmte Dinge sehr unmiss­ver­ständ­lich ein­ge­for­dert hat. (Lacht.) Auf meiner Posi­tion vor der Abwehr muss ich Duelle gewinnen, Bälle erkämpfen und sau­bere, simple Pässe zu meinen Kol­legen in der Offen­sive spielen. Mehr nicht. Klingt leicht, ist aber schwer. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu ver­stehen.

Zwi­schen wel­chen Ligen ist der Qua­li­täts­un­ter­schied am kras­sesten?
Defi­nitiv zwi­schen der 2. Liga und der Bun­des­liga. Tempo, Spiel­ver­ständnis, Effi­zienz – in diesen Berei­chen ist es ein krasser Sprung. Die indi­vi­du­elle Qua­lität der Bun­des­liga-Spieler ist der Wahn­sinn, kleine Fehler werden gna­denlos aus­ge­nutzt. In der 2. Liga wird ein anderer Fuß­ball gespielt. Das Tempo ist auch hoch, keine Frage, aber es ist gefühlt immer das gleiche Tempo, und, das ist das Ent­schei­dende, das Spiel ist viel wilder. Alle gehen voll drauf. In der Bun­des­liga wird schlauer agiert, gepflegter, struk­tu­rierter. In gewissen Räumen hast du deine Ruhe, du denkst, dir wird Zeit gelassen. Dabei wirst du nur in eine Falle gelockt, aus der es dann am Ende kein Ent­kommen gibt.

Gjasula MG 0558 WEB
Lena Gio­va­nazzi

Stich­wort Bun­des­liga: Wie war die Stim­mungs­lage nach dem Abstieg mit Pader­born?
Ob es vor­her­zu­sehen war oder plötz­lich pas­siert, ein Abstieg tut immer weh. Und auch, wenn wir nach außen hin den Ball stets flach gehalten haben, ins­ge­heim hatten wir uns vor der Saison schon etwas mehr erhofft als Platz 18. In der Hin­runde haben wir auch wirk­lich gute Spiele abge­lie­fert, da waren viele Par­tien dabei, die wir hätten gewinnen können oder sogar müssen. Dadurch war zumin­dest die Hoff­nung groß, es in der Rück­runde noch umbiegen zu können. Aber nach der Corona-Pause sind wir auf dem Boden der Tat­sa­chen ange­kommen. Trotzdem können wir auch stolz auf uns sein. Wir waren eine Mann­schaft voller Typen, die aus unteren Ligen gekommen waren. Die meisten haben ihr erstes Bun­des­liga-Jahr gespielt.

Die Mann­schaft hat das ganze Jahr über viel Lob bekommen, weil sie mutig nach vorne gespielt hat. Denkt man als Spieler trotzdem irgend­wann: Ich würde lieber dre­ckig gewinnen als schön zu ver­lieren?
Ich per­sön­lich würde natür­lich lieber dre­ckig gewinnen als schön zu ver­lieren. Letzt­end­lich geht es um Punkte, Fuß­ball ist ein Ergeb­nis­sport. Wenn du die Siege nicht ein­fährst, bringt dir das Lob am Ende nichts.

Waren die Schul­ter­klopfer viel­leicht sogar kon­tra­pro­duktiv?
Wenn du ein Jahr lang hörst, wie mutig du spielst, ist das irgend­wann schon kon­tra­pro­duktiv. Du ver­lierst Spiele, nor­ma­ler­weise soll­test du danach ein schlechtes Gefühl haben. Wir dachten auf­grund der ordent­li­chen Leis­tungen und des Lobs aber: Das kann schon noch etwas werden …

Die Stim­mung war zu gut.
Teils teils. Es gab Phasen, in denen die Stim­mung schlecht war. Was ja normal ist, wenn man so tief unten drin­steckt. Aber es gab eben auch Phasen, in denen die Stim­mung nicht so schlecht war, wie es bei Platz 18 viel­leicht hätte sein können.

Was hat am Ende gefehlt?
Von allem etwas. Erfah­rung, Qua­lität, Momentum.

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