Seite 2: „Krotzinger Straße, mieser Ruf, viele Hochhäuser, viele Nationen“

Dieter Hecking hat mal behauptet, sein Spieler Luiz Gus­tavo würde nur des­halb so viele Karten kas­sieren, weil er eine extrem tiefe Stimme habe und die Schieds­richter sich davon würden ein­schüch­tern lassen. Sie haben mal behauptet, bei Ihnen läge es am Helm. Glauben Sie das immer noch?
Die Geschichte mit der Stimme kannte ich nicht, die ist aber kreativ. (Lacht.) Was meinen Helm angeht, glaube ich nach wie vor, dass er mir im Bezug auf Schieds­richter nicht unbe­dingt hilft.

Weil Sie damit bru­taler aus­sehen?
Nicht falsch ver­stehen: Ich bin kein Unschulds­lamm, im Gegen­teil, die meisten Karten gehen total in Ord­nung. Aber der Helm sorgt für einen gewissen Wie­der­erken­nungs­wert auf dem Platz. So dass der ein oder andere Schieds­richter – gar kein Vor­wurf – viel­leicht denkt: Schon wieder der Typ mit dem Helm? Der eh jedes Spiel Gelb sieht? Na dann ist die Sache ja klar.“ Irgend­wann hat man dann ein bestimmtes Image. Aber, wie gesagt, nicht falsch ver­stehen: Meis­tens liegen die Schiris richtig. Und selbst wenn sie bei mir mal ein Auge zudrü­cken würden, ich würde ihnen in der nächsten Situa­tion wahr­schein­lich keine Wahl mehr lassen. Dann würde ich die Gelbe halt nicht gleich in der 30. Minute sehen, son­dern erst in der 60. Minute. (Lacht.)

Ist es nicht anstren­gend, in fast jedem Spiel irgend­wann mit Gelb vor­be­lastet in die Zwei­kämpfe gehen zu müssen?
Ich kann mich da mitt­ler­weile sehr gut steuern, bin seit Jahren nicht vom Platz geflogen. Auf die 50/50-Zwei­kämpfe, bei denen ich vorher nicht sicher bin, ob ich sie ohne Foul lösen kann, muss ich nach einer Gelben Karte natür­lich ver­zichten, vor allem, wenn es vom Schiri schon die letzte War­nung gab.

Haben Sie schon immer mit so viel Ein­satz gespielt?
Ich habe immer schon mit Herz gespielt, mein großes Vor­bild in der Jugend war Steven Ger­rard. Aber mein Stil früher war schon sehr anders als heute. Ich war sehr lange ganz klein, immer einer der kleinsten im Team. Und ich wollte die Sachen eher spie­le­risch lösen, drib­beln, über das Fuß­bal­le­ri­sche kommen. So wie mein anderer Held, Zine­dine Zidane. Ich hatte damals keine schlechte Technik, bestimmt nicht, aber es gab eben Leute, die das Fuß­bal­le­ri­sche besser beherrscht haben als ich.

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Lena Gio­va­nazzi

Zum Bei­spiel ihr vier Jahre älterer Bruder Jürgen? Er wurde beim SC Frei­burg schon mit 18 Jahren Profi, mit Anfang 20 spielte er mit dem FC Basel in der Cham­pions League…
Jürgen war bei uns in Frei­burg ein großer Name. Mit 15, 16 Jahren hat er einen extremen Sprung gemacht, plötz­lich war er besser als der Rest, ein Über­flieger. Im Ver­gleich zu ihm war ich ein Spät­zünder.

Das hätte Ihnen als jün­gerer Bruder durchaus auf die Nerven gehen können.
War bei mir aber nie der Fall. Mich hat das gefreut, ich war irre stolz, er war mein großer Bruder, die Leute kannten ihn. Bei uns in der Gegend haben die Leute zu ihm auf­ge­schaut. Das fand ich toll.

Frei­burg gilt als heile Welt, als idyl­li­sche Stadt, in der immerzu die Sonne scheint. Fühlte es sich für Sie auch so an?
Bis ich elf Jahre alt war, haben wir in Frei­burg-Wein­garten gelebt. Das Viertel galt damals als Ghetto von Frei­burg. Krot­zinger Straße, mieser Ruf, viele Hoch­häuser, viele Nationen. Dort war es nicht son­der­lich idyl­lisch, son­dern eher tough. Aber: Ich hatte schon als Junge nur Fuß­ball im Kopf. Direkt hinter unserem Block war ein Bolz­platz, da haben sich alle aus der Gegend getroffen, dort habe ich weite Teile meiner Jugend ver­bracht.

Wie sah der per­fekte Tag im Leben des 10-jäh­rigen Klaus Gja­sula aus?
Früh­stü­cken, ab in die Schule, danach schnell wieder nach Hause, Hoch in den siebten Stock, den Ranzen ablegen. Und dann mög­lichst sofort wieder runter auf den Bolz­platz sprinten. Auf dem Weg runter habe ich noch meinen besten Freund Artur Fel­lanxa, mit dem ich später zusammen in der A‑Ju­gend-Bun­des­liga und Ober­liga gespielt habe, ein­ge­sam­melt. Dann ging es ab zu den anderen Jungs, den ganzen Tag kicken. Wir haben nicht gemerkt, wenn wir hungrig oder durstig waren. Wir waren ein­fach nur draußen und hatten Spaß. Kurz bevor es dunkel wurde, meine Eltern waren in der Hin­sicht mit die strengsten bei uns im Block, rief mein Vater dann laut aus dem Fenster. Dann bin ich völlig ver­schwitzt und ver­dreckt wieder hoch geflitzt. War gut, so wie es war.

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