Das Inter­view erschien erst­mals im August 2020 in 11FREUNDE #225. Das Heft gibt es bei uns im Shop. Kurz nach dem Inter­view-Termin machte Gja­sula seinen Wechsel zum HSV öffent­lich. Mit dem Tra­di­ti­ons­verein geht es für Gja­sula ab Freitag darum, end­lich den Wie­der­auf­stieg in die Bun­des­liga zu schaffen.

Klaus Gja­sula, wissen Sie, wer Ihren Wiki­pedia-Artikel ver­fasst hat?
Nein, keine Ahnung. Aber ich glaube zumin­dest, dass ich den Artikel mal gelesen habe. Wobei… wenn Sie mich jetzt nach Details fragen, muss ich passen.

Wir zitieren: Ent­gegen seiner hohen Anzahl an Ver­war­nungen ist Gja­sula weder ein unfairer noch beson­ders harter Spieler. Viel mehr agiert er oft wie ein Ele­fant im Por­zel­lan­laden‘ und ist dabei meis­tens einen Schritt zu spät.“
Ok, das höre ich grade defi­nitiv zum ersten Mal. (Lacht.) Und das klingt auch ein biss­chen zu negativ. Den hat wahr­schein­lich kein Fan geschrieben.

Das Zitat geht noch weiter. Tat­säch­lich ist kein ein­ziger Gegen­spieler zu ernst­haften Schaden gekommen und musste ver­let­zungs­be­dingt aus dem Spiel aus­scheiden.“ Das klingt wie­derum ganz gut…
Joa. Wobei das mit den Ver­let­zungen auch schwer zu sagen ist. Ich bin ja schon ein paar Jahre dabei und würde jetzt nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass noch nie etwas pas­siert ist. Was ich dafür sicher sagen kann: Ich hatte noch nie die Absicht, jemanden zu ver­letzen.

Sind Sie ein unfairer Spieler?
Ich kann mich nach 17 Gelben Karten in einem Jahr schlecht hin­stellen und sagen: Ich bin ein extrem fairer Spieler. Aller­dings tue ich das, was nötig ist, immer um den größt­mög­li­chen mann­schaft­li­chen Erfolg zu erzielen.

Mal ange­nommen, Sie würden gegen sich selber spielen. Was würde Klaus Gja­sula nach dem Spiel über Klaus Gja­sula sagen? Was für ein Dreck­sack?
Ganz ehr­lich: Da gäbe es solche und solche Tage. Manchmal schau­kelt man sich ja auf dem Platz auch ein biss­chen hoch, wenn der Gegen­spieler es her­gibt. Aber es gibt auch Tage, an denen das über­haupt nicht zutreffen würde. Da würde ich dann eher sagen: Der Gja­sula ist zwar ein harter Hund, aber als Typ total in Ord­nung.“

Ich bin nicht unbe­dingt stolz drauf“

Hat sich Tomasz Hajto eigent­lich bei Ihnen gemeldet, nachdem Sie seinen Rekord für die meisten Gelben Karten in einer Bun­des­li­ga­saison geknackt hatten?
Nicht direkt. Ich habe nur über die Medien gehört, dass er eine Bot­schaft an mich hat. Ich glaube, er hat etwas bei Twitter geschrieben.

Hand aufs Herz: Irgendwie schon ein cooler Rekord, oder?
Was soll ich sagen? Ich bin nicht unbe­dingt stolz drauf. Das ist ja kein Rekord, mit dem ich jetzt groß prahlen könnte. Oder durch den ich an Ansehen in der Branche gewinne. Fest steht nur: Durch diesen Rekord ist mein Name mit der Bun­des­liga ver­bunden.

Haben Sie nach der 16. Karte denn ver­sucht, die 17. zu ver­hin­dern? Wenn man sich ihre Rekord-Gelbe anschaut, die es für eine Grät­sche gegen Bre­mens Josh Sar­gent gab, wirkt es eher so, als hätten Sie aktiv auf den Rekord hin­ge­ar­beitet…
Bei der Grät­sche war Frust dabei. Kommt auch mal vor. War kein böses Foul, ich kam nur zu spät. Aber ich habe nicht gegrätscht, um die 17. Gelbe zu kas­sieren. Außerdem wusste ich sowieso, dass ich den Rekord über kurz oder lang kna­cken würde.

Ach so?
Ich stand bei 16 Karten, es waren noch fünf oder sechs Spiele. Meinen Stil zu ändern, kam nicht in Frage. Ich hätte mich ja sonst aus allen kniff­ligen Zwei­kämpfen her­aus­halten müssen. Inso­fern stellte sich für mich ab einem bestimmten Zeit­punkt in der Saison nicht mehr die Frage, ob ich Hajto über­holen würde. Son­dern nur noch die Frage nach dem Wann.

-

Dieter Hecking hat mal behauptet, sein Spieler Luiz Gus­tavo würde nur des­halb so viele Karten kas­sieren, weil er eine extrem tiefe Stimme habe und die Schieds­richter sich davon würden ein­schüch­tern lassen. Sie haben mal behauptet, bei Ihnen läge es am Helm. Glauben Sie das immer noch?
Die Geschichte mit der Stimme kannte ich nicht, die ist aber kreativ. (Lacht.) Was meinen Helm angeht, glaube ich nach wie vor, dass er mir im Bezug auf Schieds­richter nicht unbe­dingt hilft.

Weil Sie damit bru­taler aus­sehen?
Nicht falsch ver­stehen: Ich bin kein Unschulds­lamm, im Gegen­teil, die meisten Karten gehen total in Ord­nung. Aber der Helm sorgt für einen gewissen Wie­der­erken­nungs­wert auf dem Platz. So dass der ein oder andere Schieds­richter – gar kein Vor­wurf – viel­leicht denkt: Schon wieder der Typ mit dem Helm? Der eh jedes Spiel Gelb sieht? Na dann ist die Sache ja klar.“ Irgend­wann hat man dann ein bestimmtes Image. Aber, wie gesagt, nicht falsch ver­stehen: Meis­tens liegen die Schiris richtig. Und selbst wenn sie bei mir mal ein Auge zudrü­cken würden, ich würde ihnen in der nächsten Situa­tion wahr­schein­lich keine Wahl mehr lassen. Dann würde ich die Gelbe halt nicht gleich in der 30. Minute sehen, son­dern erst in der 60. Minute. (Lacht.)

Ist es nicht anstren­gend, in fast jedem Spiel irgend­wann mit Gelb vor­be­lastet in die Zwei­kämpfe gehen zu müssen?
Ich kann mich da mitt­ler­weile sehr gut steuern, bin seit Jahren nicht vom Platz geflogen. Auf die 50/50-Zwei­kämpfe, bei denen ich vorher nicht sicher bin, ob ich sie ohne Foul lösen kann, muss ich nach einer Gelben Karte natür­lich ver­zichten, vor allem, wenn es vom Schiri schon die letzte War­nung gab.

Haben Sie schon immer mit so viel Ein­satz gespielt?
Ich habe immer schon mit Herz gespielt, mein großes Vor­bild in der Jugend war Steven Ger­rard. Aber mein Stil früher war schon sehr anders als heute. Ich war sehr lange ganz klein, immer einer der kleinsten im Team. Und ich wollte die Sachen eher spie­le­risch lösen, drib­beln, über das Fuß­bal­le­ri­sche kommen. So wie mein anderer Held, Zine­dine Zidane. Ich hatte damals keine schlechte Technik, bestimmt nicht, aber es gab eben Leute, die das Fuß­bal­le­ri­sche besser beherrscht haben als ich.

DSCF0117
Lena Gio­va­nazzi

Zum Bei­spiel ihr vier Jahre älterer Bruder Jürgen? Er wurde beim SC Frei­burg schon mit 18 Jahren Profi, mit Anfang 20 spielte er mit dem FC Basel in der Cham­pions League…
Jürgen war bei uns in Frei­burg ein großer Name. Mit 15, 16 Jahren hat er einen extremen Sprung gemacht, plötz­lich war er besser als der Rest, ein Über­flieger. Im Ver­gleich zu ihm war ich ein Spät­zünder.

Das hätte Ihnen als jün­gerer Bruder durchaus auf die Nerven gehen können.
War bei mir aber nie der Fall. Mich hat das gefreut, ich war irre stolz, er war mein großer Bruder, die Leute kannten ihn. Bei uns in der Gegend haben die Leute zu ihm auf­ge­schaut. Das fand ich toll.

Frei­burg gilt als heile Welt, als idyl­li­sche Stadt, in der immerzu die Sonne scheint. Fühlte es sich für Sie auch so an?
Bis ich elf Jahre alt war, haben wir in Frei­burg-Wein­garten gelebt. Das Viertel galt damals als Ghetto von Frei­burg. Krot­zinger Straße, mieser Ruf, viele Hoch­häuser, viele Nationen. Dort war es nicht son­der­lich idyl­lisch, son­dern eher tough. Aber: Ich hatte schon als Junge nur Fuß­ball im Kopf. Direkt hinter unserem Block war ein Bolz­platz, da haben sich alle aus der Gegend getroffen, dort habe ich weite Teile meiner Jugend ver­bracht.

Wie sah der per­fekte Tag im Leben des 10-jäh­rigen Klaus Gja­sula aus?
Früh­stü­cken, ab in die Schule, danach schnell wieder nach Hause, Hoch in den siebten Stock, den Ranzen ablegen. Und dann mög­lichst sofort wieder runter auf den Bolz­platz sprinten. Auf dem Weg runter habe ich noch meinen besten Freund Artur Fel­lanxa, mit dem ich später zusammen in der A‑Ju­gend-Bun­des­liga und Ober­liga gespielt habe, ein­ge­sam­melt. Dann ging es ab zu den anderen Jungs, den ganzen Tag kicken. Wir haben nicht gemerkt, wenn wir hungrig oder durstig waren. Wir waren ein­fach nur draußen und hatten Spaß. Kurz bevor es dunkel wurde, meine Eltern waren in der Hin­sicht mit die strengsten bei uns im Block, rief mein Vater dann laut aus dem Fenster. Dann bin ich völlig ver­schwitzt und ver­dreckt wieder hoch geflitzt. War gut, so wie es war.

-

Ihre Eltern sind mit Ihnen aus Alba­nien nach Deutsch­land gezogen, als Sie sieben Monate alt waren. Warum sind Sie aus­ge­rechnet in Frei­burg gelandet?
Das war reiner Zufall. Sie wollten nach Deutsch­land, um uns ein bes­seres Leben zu ermög­li­chen, in Alba­nien war es in Zeiten der kom­mu­nis­ti­schen Dik­tatur für sie nicht leicht gewesen. Aber wo in Deutsch­land? Das war ihnen egal. Sie sind damals, 1990, über Ita­lien und die Schweiz Rich­tung Norden gefahren, mit dem Zug. Die erste Sta­tion in Deutsch­land war Frei­burg. Da fragte mein Vater meine Mutter: Sollen wir hier aus­steigen?“ Und sie meinte nur: Sieht nett aus, lass uns raus.“ So sind wir in dieser Stadt gelandet. Ver­rückt, in wel­chen Momenten sich so wich­tige Dinge ent­scheiden, nicht wahr?

Ver­rückt auch, dass Ihr Bruder und Sie in diesem Land ankamen mit den deut­schesten Vor­namen im Gepäck, die man sich vor­stellen kann. Stimmt die Geschichte mit Pro­fessor Brink­mann?
Klar, Pro­fessor Brink­mann, Haupt­figur in der Schwarz­wald­klinik, gespielt von Klaus-Jürgen Wussow. Meine Oma war großer Fan der Sen­dung, sie hat das immer geschaut in Alba­nien, und sie durfte sowohl den Namen meines Bru­ders als auch meinen bestimmen. Daraus ergaben sich Jürgen und Klaus. Dass wir danach tat­säch­lich in Deutsch­land und sogar im Schwarz­wald gelandet sind, ist natür­lich kurios. Wobei ich mit meinem Vor­namen, vor­sichtig aus­ge­drückt, sehr lange sehr große Pro­bleme hatte. Ich war ein kleiner Junge mit alba­ni­schen Wur­zeln – und hieß Klaus! Das war nicht unbe­dingt cool, erst recht nicht in einem Block wie meinem. Also habe ich zu meinen Eltern immer gesagt: Wie konntet ihr mich bloß so nennen? Wenn ich 18 bin, ändere ich meinen Vor­namen. Ist mir egal, was ihr denkt!“ Aber je älter ich wurde, desto mehr habe ich mich damit ange­freundet. Mitt­ler­weile bin ich ein stolzer Klaus. (Lacht.)

Wann haben Sie gemerkt, dass es etwas werden könnte mit einer Pro­fi­kar­riere?
Als mein Bruder Profi wurde. Da war ich 14 Jahre alt und dachte: Wenn er es geschafft hat, wieso sollte ich es nicht auch packen? Ich war ja eh jeden Tag kicken. Den Traum hatte ich also seit meiner Jugend. Und egal in wel­cher Liga ich gespielt habe: Ich habe immer daran geglaubt, dass meine harte Arbeit irgend­wann belohnt werden würde.

Gjasula MG 0470 WEB
Lena Gio­va­nazzi

Wenn das Internet nicht lügt, haben Sie sich über einen Zeit­raum von zehn Jahren von der Ver­bands­liga bis in die Bun­des­liga hoch­ge­kämpft. Ohne eine Liga aus­zu­lassen.
Das stimmt. Aber ist auch nur die halbe Wahr­heit. Ich habe runter bis in die Bezirks­liga keine Liga aus­ge­lassen.

Wie bitte?
Als ich in der A‑Jugend beim Frei­burger FC war, wurde ich manchmal in die zweite Her­ren­mann­schaft hoch­ge­zogen, da spielten schon ein paar Freunde von mir. Das war Bezirks­liga. Später habe ich dann beim FFC selber in der ersten Mann­schaft gespielt, Ver­bands­liga. Ein Jahr später bin ich nach Bah­lingen in die Ober­liga gewech­selt – musste dort aber wie­derum anfangs ab und zu runter in die zweite Mann­schaft. Lan­des­liga. Nach Bah­lingen ging es dann zu Waldhof Mann­heim, mit denen ich von der Ober­liga in die Regio­nal­liga auf­ge­stiegen bin. Dann Duis­burg und Offen­bach, eben­falls Regio­nal­liga. Von Offen­bach zu den Stutt­garter Kickers, 3. Liga. Dann nach Halle, auch 3. Liga, und von dort vor zwei Jahren nach Pader­born in die 2. Liga. Dann wieder ein Auf­stieg – und end­lich in die Bun­des­liga.

Ich kenne das echte Leben“

Gab es in diesen Jahren einen Plan B? Falls sie nicht so weit oben ange­kommen wären?
Ja, ein eigenes Café in Frei­burg. Zusammen mit meinem besten Freund Artur, von dem ich eben schon erzählt habe. Der Traum lebt auch immer noch. Wenn ich irgend­wann zurück in die Heimat nach Frei­burg komme, gehen wir das defi­nitiv an. Ich liebe Kaffee trinken, Kuchen essen, ent­spannt bei­ein­an­der­sitzen. Ein eigenes Café zu führen, das wäre schon was.

War es für Sie von Vor­teil, dass Sie sich jede Liga, jeden Schritt, hart erkämpfen mussten? Oder hätten Sie sich gewünscht, schon mit 19 oder 20 Jahren eine Chance in den ersten Ligen zu bekommen?
Natür­lich wäre es geil gewesen, als 20-Jäh­riger ein­fach mal in der 2. Liga rein­ge­worfen zu werden. Weil ich dann womög­lich sehr viel län­gere Zeit auf einem höheren Niveau hätte spielen können. Gleich­zeitig hat der Weg mich zu dem gemacht, der ich bin. Und meinen Cha­rakter geformt. Ich bin sehr klar im Kopf. Was ja voll­kommen logisch ist, denn die Hälfte der Pro­fi­fuß­baller sind sehr jung. Die sind 18, 19 Jahre alt, und, das muss man ein­fach sagen, auch sehr ver­wöhnt. Inso­fern lassen Sie es mich so for­mu­lieren: Wenn ich mein der­zei­tiges Niveau noch würde halten können, bis ich 40 Jahre alt bin, mir also noch zehn Jahre Pro­fi­fuß­ball blieben, dann würde ich mich immer für den lang­samen, ste­tigen Weg nach oben ent­scheiden. Ein­fach, weil es gesünder ist. Und dieser Weg einen Men­schen auch besser auf die Zeit nach der Kar­riere vor­be­reitet. Ich kenne das echte Leben. Die Bun­des­liga war für mich nicht normal – son­dern ein Lecker­bissen.

-

Wer mit 20 Jahren noch ab und zu in der Lan­des­liga aus­helfen muss, bekommt nor­ma­ler­weise keine Chance mehr im Pro­fi­fuß­ball. Wieso haben Sie es doch noch gepackt?
Zum einen habe ich nicht auf­ge­geben. Ich habe immer nebenher noch mehr gemacht, als eigent­lich gefor­dert war, Läufe, Kraft­trai­ning, solche Sachen. Außerdem hatte ich ja schon erwähnt, dass ich lange sehr klein war. Aber irgend­wann bin ich in die Höhe geschossen. Dar­aufhin hat sich meine Spiel­weise ganz auto­ma­tisch ver­än­dert. Ich wurde robuster, kräf­tiger und unterm Strich ein­fach besser. Außerdem habe ich auch aktiv einige Aspekte meines Spiels umge­stellt.

Welche Aspekte?
Ich wusste: Um in höheren Ligen zu bestehen, würde ich in der Luft stärker werden müssen. Also habe ich an meinem Kopf­ball­spiel gear­beitet. Dazu kam in Rico Schmitt von Kickers Offen­bach ein Trainer dazu, der bestimmte Dinge sehr unmiss­ver­ständ­lich ein­ge­for­dert hat. (Lacht.) Auf meiner Posi­tion vor der Abwehr muss ich Duelle gewinnen, Bälle erkämpfen und sau­bere, simple Pässe zu meinen Kol­legen in der Offen­sive spielen. Mehr nicht. Klingt leicht, ist aber schwer. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu ver­stehen.

Zwi­schen wel­chen Ligen ist der Qua­li­täts­un­ter­schied am kras­sesten?
Defi­nitiv zwi­schen der 2. Liga und der Bun­des­liga. Tempo, Spiel­ver­ständnis, Effi­zienz – in diesen Berei­chen ist es ein krasser Sprung. Die indi­vi­du­elle Qua­lität der Bun­des­liga-Spieler ist der Wahn­sinn, kleine Fehler werden gna­denlos aus­ge­nutzt. In der 2. Liga wird ein anderer Fuß­ball gespielt. Das Tempo ist auch hoch, keine Frage, aber es ist gefühlt immer das gleiche Tempo, und, das ist das Ent­schei­dende, das Spiel ist viel wilder. Alle gehen voll drauf. In der Bun­des­liga wird schlauer agiert, gepflegter, struk­tu­rierter. In gewissen Räumen hast du deine Ruhe, du denkst, dir wird Zeit gelassen. Dabei wirst du nur in eine Falle gelockt, aus der es dann am Ende kein Ent­kommen gibt.

Gjasula MG 0558 WEB
Lena Gio­va­nazzi

Stich­wort Bun­des­liga: Wie war die Stim­mungs­lage nach dem Abstieg mit Pader­born?
Ob es vor­her­zu­sehen war oder plötz­lich pas­siert, ein Abstieg tut immer weh. Und auch, wenn wir nach außen hin den Ball stets flach gehalten haben, ins­ge­heim hatten wir uns vor der Saison schon etwas mehr erhofft als Platz 18. In der Hin­runde haben wir auch wirk­lich gute Spiele abge­lie­fert, da waren viele Par­tien dabei, die wir hätten gewinnen können oder sogar müssen. Dadurch war zumin­dest die Hoff­nung groß, es in der Rück­runde noch umbiegen zu können. Aber nach der Corona-Pause sind wir auf dem Boden der Tat­sa­chen ange­kommen. Trotzdem können wir auch stolz auf uns sein. Wir waren eine Mann­schaft voller Typen, die aus unteren Ligen gekommen waren. Die meisten haben ihr erstes Bun­des­liga-Jahr gespielt.

Die Mann­schaft hat das ganze Jahr über viel Lob bekommen, weil sie mutig nach vorne gespielt hat. Denkt man als Spieler trotzdem irgend­wann: Ich würde lieber dre­ckig gewinnen als schön zu ver­lieren?
Ich per­sön­lich würde natür­lich lieber dre­ckig gewinnen als schön zu ver­lieren. Letzt­end­lich geht es um Punkte, Fuß­ball ist ein Ergeb­nis­sport. Wenn du die Siege nicht ein­fährst, bringt dir das Lob am Ende nichts.

Waren die Schul­ter­klopfer viel­leicht sogar kon­tra­pro­duktiv?
Wenn du ein Jahr lang hörst, wie mutig du spielst, ist das irgend­wann schon kon­tra­pro­duktiv. Du ver­lierst Spiele, nor­ma­ler­weise soll­test du danach ein schlechtes Gefühl haben. Wir dachten auf­grund der ordent­li­chen Leis­tungen und des Lobs aber: Das kann schon noch etwas werden …

Die Stim­mung war zu gut.
Teils teils. Es gab Phasen, in denen die Stim­mung schlecht war. Was ja normal ist, wenn man so tief unten drin­steckt. Aber es gab eben auch Phasen, in denen die Stim­mung nicht so schlecht war, wie es bei Platz 18 viel­leicht hätte sein können.

Was hat am Ende gefehlt?
Von allem etwas. Erfah­rung, Qua­lität, Momentum.

-

Gab es einen Spieler in der Liga, der Sie beson­ders beein­druckt hat?
Konrad Laimer von Leipzig. Hängt viel­leicht auch damit zusammen, dass er auf meiner Posi­tion spielt. Aber das ist einer, den nimmt man im Fern­sehen gar nicht so sehr wahr, weil er unter all den Spie­lern mit unglaub­lich hoher indi­vi­du­eller Qua­lität etwas unter­geht. Aber wenn man gegen ihn spielt, merkt man sehr schnell, wie gut er ist. Wie wichtig er für das Spiel der Mann­schaft ist. Mit Ball macht er keine Fehler, ohne Ball ist er extrem schlau und unan­ge­nehm.

Gab es einen Moment im ver­gan­genen Jahr, den Sie trotz all der Nie­der­lagen richtig genießen konnten? Das Spiel in Dort­mund zum Bei­spiel?
Das Spiel hatte ich bei der Frage direkt im Kopf. Es war ein wun­der­barer Fuß­ball­abend, fast alles hat gepasst – bis auf das Ergebnis. Es hört sich dumm an, ein 3:3 in Dort­mund hätten wir vor dem Spiel mit Kuss­hand genommen. Aber so wie das Spiel gelaufen ist, wir führen zur Pause mit 3:0 und fangen uns dann doch noch den Aus­gleich in der Nach­spiel­zeit, war es am Ende doch wieder bitter. Und steht sinn­bild­lich für die Saison.

Was ist mit dem 07. Sep­tember 2019?
Klar, dieser Abend wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Das Spiel war das High­light meiner Kar­riere.

Ich musste mich natür­lich mal wieder ent­schul­digen“

Am 07. Sep­tember 2019 haben Sie mit 29 Jahren in der alba­ni­schen Natio­nal­mann­schaft debü­tiert. In einem Pflicht­spiel. Gegen Frank­reich. Im Stade de France. Vor 80.000 Zuschauern.
In meinen Alter noch Natio­nal­spieler zu werden, ist total abge­fahren. Aber dann auch noch in diesem Sta­dion, vor so vielen Men­schen, gegen solche Namen – das lässt sich nur schwer toppen. Auch wenn wir 1:4 ver­loren haben und die Sta­di­on­regie damals etwas ver­wirrt war. Erst haben sie die Natio­nal­hymne von Andorra ein­ge­spielt, dann haben sie uns noch mit Arme­nien ver­wech­selt. (Lacht.)

Welche Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie an das Spiel denken?
Schon beim Warm­ma­chen war das Sta­dion recht voll, wir sind ein biss­chen vor den Fran­zosen raus auf den Platz gegangen. Irgend­wann wurde der Sta­di­on­spre­cher dann sehr laut, alle Fans standen auf – und die Fran­zosen liefen ein. Mit einer Licht­show wie beim Bas­ket­ball. Alle haben mit ihren Fähn­chen gewe­delt, dazu laute Musik, die Lichter – ich hatte Gän­se­haut am ganzen Körper. Das Spiel selber ist an mir vorbei gerauscht. Erst beim Abklat­schen nach dem Spiel wurde mir wieder bewusst, mit wem ich da gerade abklat­sche, was hier eigent­lich pas­siert ist.

Was sagt man als ehe­ma­liger Bezirks­liga-Spieler zu einem fran­zö­si­schen Welt­star nach dem Spiel? Gute Runde noch?
Sorry for the foul!“ (Lacht.) Ich musste mich natür­lich mal wieder ent­schul­digen, bei Blaise Matuidi von Juve. Ich hatte ihn kurz nach meiner Ein­wech­se­lung mit gestrecktem Bein am Fuß erwischt, klare Gelbe Karte, was auch sonst. Also meinte ich, dass es mir leid­täte. Und dass ich auch ein biss­chen den Ball erwischt hätte. Da meinte er: Nee, war nur mein Fuß.“ Wir wurden uns nicht einig. Aber er hat die Ent­schul­di­gung am Ende ange­nommen.

Klaus Gja­sula, wo kann die Reise für Sie noch hin­gehen?
Ich bin rea­lis­tisch, die Cham­pions League wird schwer. Aber einen Traum habe ich schon: die WM 2022. Mit Alba­nien. Und ich glaube auch, dass es mög­lich ist. Ich bin fit!

-