Michael O’Brian

Er war der Erste. Michael O’Brian tat es 1974. Ein Bild ging damals um die Welt. Drei Bobbys führen einen Bär­tigen mit wehender Mähne vom Spiel­feld der Rug­by­partie Eng­land gegen Wales ab. Zwei Poli­zisten tragen einen Bob­byhut, ein dritter hält seinen vor O’Brians Scham­ge­gend. Das Gro­teske der Sze­nerie wird durch einen her­an­ei­lenden älteren Mann, der in seinen Händen einen Mantel trägt, kom­plet­tiert, in. Der 25-jäh­rige Aus­tra­lier O’Brian hat nicht einmal Schuhe an.

Im Lon­doner Stadt­teil Twi­ckenham, dem Sitz des eng­li­schen Rugby-Ver­bandes, wurden im gleich­na­migen Rugby Sta­dium Zehn­tau­sende zum Teil grin­sende Zuschauer so zu Zeugen einer Welt­pre­miere. Es sollte ein Sie­geszug werden. Beson­ders in Eng­land ist das strea­king“ mitt­ler­weile ein Volks­sport, was sicher­lich auch daran liegt, dass das Flitzen dort meist mit bri­ti­schem Humor genommen wird, wäh­rend man es hier­zu­lande immer noch straf­recht­lich ver­folgt. Inzwi­schen wurde auf allen Kon­ti­nenten, in so gut wie allen Sport­arten und bei jeg­li­chen Anlässen geflitzt. Vor­reiter dieser ganzen Ent­wick­lung war ein junger Buch­halter aus Aus­tra­lien.


Mark Roberts (Foto)

Er ist der Johannes B. Kerner unter den Flit­zern: Ein­fach überall dabei und sich für nichts zu schade. Mark Roberts lässt seit Jahren keine Gele­gen­heit aus, blank zu ziehen. Er ent­blößte sich bei der Miss World Wahl in Eng­land, beim Film Fes­tival von Cannes und beim Uefa-Cup-Finale 2004 in Schweden. Im Adams­kostüm kennt der Liver­pooler Fami­li­en­vater weder Freund noch Feind und mischt munter die Aus­tra­gungs­orte und Sport­arten auf. So hat er sich eine beacht­liche Liste von Hong Kong bis nach Bel­gien und von den French Open im Tennis bis zum eng­li­schen Früh­stücks­fern­sehen erar­beitet. Sein Auf­tritt vor der Wet­ter­karte wurde von der Zei­tung Observer“ schließ­lich zum dritt­schlimmsten TV-Moment in der Geschichte Eng­lands gewählt. Nur eine Nie­der­lage musste der Über­vater der Flit­zer­ge­meinde ein­ste­cken: Als er in der Halb­zeitshow des Super Bowls 2004 nur mit einer Foot­ball­mütze und einem String bekleidet über den Platz lief, war bereits der Nipple­gate“ geschehen. So wurde sein bisher größter Auf­tritt – vor geschätzten eine Mil­li­arde Zuschauern welt­weit – von Janet Jack­sons ent­blößter Brust in den Schatten gestellt.

Warum er flitzt? Es geht darum, Leute zum Lachen zu bringen. In den zwölf Jahren, in denen ich bisher flitze, gab es im Publikum immer die gleiche Reak­tion. Sogar Poli­zisten erkennen mich auf der Straße und sagen: ›Ich liebe das, was Sie machen‹“. So wurde er der Flitzer“. Die eng­li­sche Bezeich­nung the streaker“ hat er sich mar­ken­recht­lich schützen lassen und unter thest​reaker​.org​.uk landet man auf seiner Web­site. Mit seinen publi­kums­wirk­samen Stri­pein­lagen hat er sich nicht nur eine glo­bale Anhän­ger­schaft erworben, son­dern auch lukra­tive Wer­be­ver­träge mit Inter­net­ca­sinos, Renault und Ath­letic Bilbao. Bisher brachte es der 43-Jäh­rige auf knapp 400 Ent­klei­dungen, die ihm einen Platz im Guin­ness-Buch der Rekorde auf Jahre hinaus gesi­chert haben. Sein öffent­li­ches Frei­ma­chen hatte für Roberts jedoch nicht nur posi­tive Folgen: In Eng­land hat er inzwi­schen für jedes Sport­er­eignis ein Ein­lass­verbot, vor der WM 2006 musste er seinen Rei­se­pass abgeben, und für den Auf­tritt beim Super Bowl bekam er 1000 Dollar Strafe wegen Haus­frie­dens­bruchs auf­ge­brummt und konnte eine Haft gerade noch ver­hin­dern. Der Meister nimmt es gelassen: Wenn ich für meinen Glauben ins Gefängnis gehen muss, werde ich das machen. Und wenn ich im Gefängnis bin, werde ich dort auch ein­fach flitzen“.

Ernie

Nein, hier ist nicht Berts ewig gut­ge­launter Freund aus der Sesam­straße gemeint – bei Ernst Wil­helm Wittig, wie er bür­ger­lich heißt, han­delt es sich um Deutsch­lands ein­zigen echten Flitzer. Zumin­dest sagt er das selbst: Es gab einen Mann, der ist in Bremen nackt durchs Sta­dion gelaufen. Er war aber betrunken und hat später seiner Frau geschworen, dass er es nie mehr machen würde.“ Also natür­lich kein Ver­gleich zu ihm, der schon vom Nackt­fahr­rad­fahren bis zum Sozio­lo­gen­kon­gress alles durch hat. Dabei zeigt der pas­sio­nierte Body­builder bevor­zugt Bizeps, Tri­zeps und andere Mus­kel­par­tien. Mit seinen Auf­tritten hat der Bie­le­felder seiner Arminia schon Punkte gerettet, wie im April 2005 beim Stand von 1:0 gegen Dort­mund im West­fa­len­sta­dion. 76 000 Zuschauer und die Bie­le­felder Spieler waren amused, Boakye gou­tierte das Ereignis mit dem Aus­gleichs­treffer fünf Minuten später.

Seine Auf­tritte haben den 59-Jäh­rigen über Ost­west­falen hinaus bekannt gemacht. Späte Ehre gab es für den selbst­er­nannten Künstler durch eine Auf­nahme in das PC-Spiel Anstoss 2005 – der Fuß­ball­ma­nager“: Mitten in einer Spiel­szene läuft ein Ent­blößter mit dem Schriftzug Ernie“ durchs Bild. Seinen Stel­len­wert im deut­schen Flit­zertum unter­streicht der Rit­ter­schlag durch den Harald-Schmidt-Adlatus Oliver Pocher, in dessen WM-2006-Lied Schwarz und Weiß“ ein offen­sicht­lich tex­tilfreier Mus­kel­mann mit Base­ball­käppi – Ernies Mar­ken­zei­chen – zu großer Form auf­läuft. Jedoch gefielen bisher nicht jedem Pas­santen die nackten Tat­sa­chen, die er zu sehen bekam, was Ernie mitt­ler­weile 50 000 Euro Buß­geld und fünf­ein­halb Jahre Gefängnis ein­brachte. Ein Grund mag sicher­lich auch sein, dass er sich nicht nur auf Fuß­ball­spiele und Wis­sen­schaft­ler­kon­fe­renzen beschränkt, son­dern auch schon bei Volks­festen und auf Schul­höfen flitzte. Auch diese Wahr­heit gehört zum Flitzer Ernie. Laut Augen­zeugen war er aber nie sicht­lich erregt, obwohl er sagt, dass ihm das der­ar­tige Zeigen in der Öffent­lich­keit einen Kick“ gebe. Dieser Kick hat ihm gerade wieder ein Straf­ver­fahren sexu­ellen Miss­brauchs von Kin­dern ein­ge­bracht, weil er sich einem Frau­en­fuß­ball­spiel in Duis­burg vor jugend­li­chen Spie­le­rinnen auszog. Warum er sich nicht ein­fach einmal ins Sta­dion setzt und nur ein Fuß­ball­spiel anschaut? Das kann ja jeder. Da käme ich mir über­flüssig vor, so in Kla­motten rum­zu­ho­cken und nichts zu tun“.

Lisa Lewis

Ein Groß­teil der ver­ei­nigten Flit­zer­schaft ist männ­li­chen Geschlechts – wohl sehr zum Leid­wesen der über­wie­genden Anhän­ger­schar, die dem glei­chen Sexus ange­hören. Dass sich auch Frauen nicht ent­blöden, vor einem großen Publikum ihren nudis­ti­schen Nei­gungen nach­zu­gehen, bewies die Neu­see­län­derin Lisa Lewis. Aller­dings zählt sie nur zur Split­ter­gruppe der semi-streaker“, die sich nicht voll­ständig ent­kleiden. In ihrem Fall war es ein Bikini, den sie beim Rug­by­spiel zwi­schen Neu­see­land und Irland im Juni 2006 trug. Besagtes Klei­dungs­stück ver­stei­gerte die 26-Jäh­rige aus Hamilton hin­terher auf einer neu­see­län­di­schen Inter­net­auk­ti­ons­seite – nach eigenen Angaben, um die Geld­strafe und die Gerichts­kosten für ihren Streak“, den Puristen gar nicht als sol­chen bezeichnen mögen, bezahlen zu können. Sauer auf­stoßen wird kon­ser­va­tiven Flitzer­lieb­ha­bern sicher auch die Tat­sache, dass sich die junge Frau für ein neu­see­län­di­sches Ero­tik­ma­gazin ent­blät­terte und das Frei­ma­chen auch schon vorher in einer Bar pro­fes­sio­nell betrieb. Lisa ficht das nicht an, schreibt sie doch auf ihrer Myspace“-Seite: Das schönste Gefühl ist, mich zurück­zu­lehnen und stolz über meine Leis­tungen zu sein“.

Den Anstoß zum Flitzen gab ihr eine eigene Liste der Dinge, die sie erle­digt haben will, bevor sie stirbt. Der Punkt wäre also auch abge­hakt. Aller­dings kann sie das Ver­gnügen nicht wei­ter­emp­fehlen, das es für sie ernste Kon­se­quenzen“ hatte, unter anderem auch eine kurze Haft. Ver­geb­lich, wie sich kurz darauf her­aus­stellen sollte: Nur eine Woche später beflitzte eine 17-Jäh­rige ein Rug­by­spiel in ihrem Col­lege. Laut eigener Aus­sage beein­flusst hatte sie – Lisa Lewis.

Jimmy Jump

Eigent­lich kein Flitzer, son­dern – wie der Name schon sagt – ein Jumper. Aber da der Kata­lane für Frieden und Frei­heit springt, haben wir ihn trotzdem gnä­di­ger­weise in unsere Liste auf­ge­nommen. Zudem hat er sich eine ähn­lich beein­dru­ckende Anzahl an Fes­ti­vi­täten wie der Doyen des Flit­zens Mark Roberts ersprungen. Jene erstreckt sich von Mehmet Scholls Abschieds­spiel bis zum Warmup der Formel eins in Bar­ce­lona 2004. Die Krö­nung seiner Jum­per­lauf­bahn war gleich­wohl das Finale der Euro­pa­meis­ter­schaft im selben Jahr. Hier setzte er nicht nur zu einem beherzten Lauf über das Spiel­feld mit finalem Sprung ins Tor­netz an, son­dern wedelte auch vor Por­tu­gals Mit­tel­feld­star Luís Figo mit einer Barça-Fahne herum, nachdem der vier Jahre zuvor das Sakrileg gewagt hatte, vom FC Bar­ce­lona zu Real Madrid zu wech­seln. Genau umge­kehrt war es im April 2006, als Thierry Henry im Halb­fi­nale der Cham­pions-League in Vil­lar­real zu Gast war. Jimmy Jump warf ein Bar­ce­lona-Trikot mit der Auf­schrift Henry 14“ in Rich­tung des Fran­zosen vom FC Arsenal und gut ein Jahr später unter­schrieb der schon lange von Barça Umwor­bene beim kata­la­ni­schen Tra­di­ti­ons­klub. Er bekam die Nummer 14.

Der 33-Jäh­rige, der im wahren Leben Jaume Mar­quet Cot heißt, springt auch für die Unab­hän­gig­keit Kata­lo­niens, dessen Symbol immer noch der FC Bar­ce­lona – als ehe­ma­liges Boll­werk gegen Franco – ist. Aus diesem Grund setzte er bei seinen Sprüngen schon diverse Male Spie­lern die bar­re­tina auf, wie bei Samuel Eto’o wäh­rend eines Spiels von Barça gegen den FC Sevilla. Die rote Woll­mütze mit dem schwarzen Rand gilt eben­falls als Erken­nungs­merkmal der kata­la­ni­schen Natio­na­listen. Neben seinen poli­ti­schen Bekennt­nissen ver­sucht der Mann aus Sab­a­dell, mit seinen Jumps eine Hol­ly­wood­kar­riere anzu­kur­beln – bisher aller­dings erfolglos. Es mel­dete sich nur eine kana­di­sche Pro­duk­ti­ons­firma, die sein Leben inklu­sive aller Sprünge ver­filmen will. Immerhin springt er schon seit 23 Jahren. Ein Leben, das dem seines großen Vor­bildes Don Qui­jote ähnelt, kämpft er doch mit seinen Sprüngen für Frieden und Ver­stän­di­gung auch gegen Wind­mühlen an.

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Im aktu­ellen Heft berichten wir vom Pro­zess gegen Flitzer Ernie vorm Land­ge­richt Duis­burg.