Seite 2: Ein Trenchcoat als Panzer

Das Schlüs­sel­wort jener Saison lau­tete also: schwierig. Es war ein äußerst schwie­riges Jahr“, sagt Hitz­feld und muss heute noch seufzen. Wir waren immer wieder gezwungen zu impro­vi­sieren.“ Hinzu kam, dass einer der wenigen Spieler, die ohne Blessur blieben, ander­weitig für Unruhe sorgte. Kapitän und Klub­le­gende Michael Zorc wurde vom Trainer in der Win­ter­pause langsam, aber nach­drück­lich aufs Alten­teil geschoben, was nicht allen im Verein gefiel, dem Spieler selbst schon gar nicht. Wenn Leis­tungs­träger älter werden“, sagt Hitz­feld, wird es immer schwierig – für den Trainer.“ Heute kann er dar­über lächeln, aber im Früh­jahr 1997 sah man ihm an, unter wel­chem Druck er stand und dass die Belas­tungen ihn aus­zehrten.

Ich trug ihn, weil ich leicht fror.“

Einige Jahre zuvor hatte Hitz­feld unter dem Dort­munder Dau­er­stress einen Darm­durch­bruch erlitten, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Nun, beim Angriff auf Europas Thron, schützte er sich durch einen Panzer. Nun ja, eigent­lich war es ein Trench­coat. Der helle Mantel, den er bei jedem Spiel und zu jeder Jah­res­zeit trug, wurde zum Symbol der Dort­munder Erfolgs­ge­schichte in der Cham­pions League. Ich trug immer einen Mantel, weil ich leicht fror“, sagt Hitz­feld. Es waren ähn­liche Trench­coats, aber in jeder Saison gab es einen neuen. Doch ich war nicht so aber­gläu­bisch, dass ich dar­unter immer das­selbe Hemd oder Sakko ange­habt hätte. Aber­glauben habe ich mir im Laufe meiner Kar­riere abge­wöhnt. Ich habe diesen Mantel ja auch nicht gewech­selt, wenn wir ver­loren.“

In der Liga verlor Borussia als amtie­render Meister neun Spiele. Bis Mitte März stand die Elf noch an der Tabel­len­spitze, dann hielt der aus­ge­dünnte Kader der Dop­pel­be­las­tung nicht mehr stand und die Bayern ent­eilten. Mit jeder Woche wurde nun die Atmo­sphäre in Dort­mund eisiger. Nach einem Unent­schieden gegen Karls­ruhe pol­terte Prä­si­dent Gerd Nie­baum, dass die teure Mann­schaft auf bestem Wege sei, zu einer Durch­schnitts­truppe zu werden“, und sprach ihr sogar den Sie­ges­willen ab.

Das hat mich tief getroffen“

Wahr­schein­lich konnte Ottmar Hitz­feld ver­stehen, warum Nie­baum so gereizt war. Der Trainer wusste durchaus, wie wichtig eine gute Plat­zie­rung in der Liga und damit die neu­er­liche Qua­li­fi­ka­tion für die Cham­pions League war: Schon vor der Saison hatte Vize­prä­si­dent Ernst Breer ihm unmiss­ver­ständ­lich deut­lich gemacht, dass die Elf aus wirt­schaft­li­chen Gründen“ wieder Meister werden müsse. Trotzdem war Hitz­feld – viel­leicht der sen­si­belste und mensch­lichste Trainer, den der Klub je hatte – ent­täuscht von der schlechten Stim­mung im Umfeld, die auch in die Mann­schaft sickerte. Nach dem Ende der Saison sagte er in einem Inter­view mit der Zeit“: Bei uns wurde zu viel über Nie­der­lagen in Duis­burg oder Bie­le­feld und zu wenig über Siege in Madrid, Auxerre und Man­chester gespro­chen. Das hat mich tief getroffen.“ Etwas später ent­schloss er sich, ein Jahr Pause vom Trai­ner­beruf ein­zu­legen.