Meinen Lieb­lings­spieler habe ich ent­deckt, als ich bereits 15 Jahre alt war. Natür­lich habe ich in den Jahren zuvor Fuß­baller ver­ehrt, aber eigent­lich nur, weil sie in der Natio­nal­mann­schaft spielten oder weil sie häu­figer als andere Gegen­stand der Bericht­erstat­tung waren. Ich spielte lieber selbst, statt mich intensiv mit Pro­fi­fuß­ball zu befassen. Zusätz­lich spielte die Tat­sache eine Rolle, dass ich immer schon auf der Posi­tion des Ver­tei­di­gers spielte und die großen Stars in der Regel Offen­siv­künstler waren.

Große Ver­tei­diger wie Mal­dini oder Nesta sah man ohne Internet oder Pay-TV ein­fach zu selten, und die Ver­tei­diger in der Bun­des­liga waren Ende der Neun­ziger eher unscheinbar und ragten nicht beson­ders heraus. So dau­erte es also bis zum Jahr 2002, als Bayer 04 Lever­kusen sich anschickte, mit beein­dru­ckendem Fuß­ball bis ins Finale der Cham­pions League vor­zu­rü­cken. Die Mann­schaft war gespickt mit erst­klas­sigen Fuß­bal­lern wie Diego Pla­cente, Zé Roberto, Bernd Schneider und Michael Bal­lack. Auf der Posi­tion des Innen­ver­tei­di­gers setzte Trainer Klaus Topp­möller auf einen jungen Bra­si­lianer. Sein Name: Lucimar da Silva Fer­reira, genannt Lucio.

Teil der Selecao, die im Sommer jenes Jahres Welt­meister werden sollte. Die Lever­ku­sener spielten eine beein­dru­ckende Cham­pions-League-Saison. Und die denk­wür­digste Begeg­nung war das Vier­tel­fi­nal­rück­spiel gegen den FC Liver­pool, eines der besten deut­schen Euro­pa­po­kal­spiele über­haupt. Die Reds gewannen zuvor an der Anfield Road mit 1:0, somit half Lever­kusen in der hei­mi­schen BayArena nur ein Sieg. Nach 84 Minuten stand es 3:2 für Lever­kusen und nach der Aus­wärts­to­re­regel standen die Jungs von der Mersey im Halb­fi­nale. Bayer brauchte ein Tor.

Galop­pie­rend in den Sturm

Topp­möller schal­tete auf totale Offen­sive um und beor­derte Lucio in die Spitze. Ent­schlossen galop­pierte der schlak­sige Bra­si­lianer mit langen Schritten in den geg­ne­ri­schen Straf­raum und nutzte die erste Chance, die sich ihm auftat, um mit einem satten Links­schuss abzu­schließen. Tor. 4:2. Lever­kusen im Halb­fi­nale. Diese Szene sollte cha­rak­te­ris­tisch dafür stehen, was Jahre danach diesen Aus­nah­me­spieler aus­ma­chen sollte: Bedin­gungs­lose Zwei­kampf­füh­rung, abso­luter Wille zum Sieg und immer wieder unauf­halt­same Vor­stöße in die Offen­sive.

Lucio wech­selte ein Jahr später zum FC Bayern Mün­chen und avan­cierte dort zum lang­jäh­rigen Abwehr­chef. Oliver Kahn und er schienen wie Brüder im Geiste, die genau das aus­zeich­nete, was der FC Bayern heute als seine Cor­po­rate Iden­tity bezeichnen würde. Erst als Louis van Gaal an die Säbener Straße kam und die Posi­tion des Innen­ver­tei­di­gers zum Spiel­eröffner mit mini­malem Risiko erklärte, wurde Lucio seiner groß­ar­tigen Stärken beraubt und in ein Kor­sett gezwängt.

Jubel inmitten der Fon­tänen

Die logi­sche Kon­se­quenz war der Abschied aus Mün­chen, aber natür­lich fand sich ein hoch­ka­rä­tiger Abnehmer: Inter Mai­land mit Star-Trainer José Mour­inho. Dieser machte Lucio auf Anhieb zum Fix­punkt seiner Defen­sive. Im Halb­fi­nale der Cham­pions-League-Saison 2010 ging es gegen den FC Bar­ce­lona, eine Mann­schaft, die schon da als schier unschlagbar galt. Inter schaffte durch seine enorme Defen­siv­stärke die Sen­sa­tion, Lucio ragte heraus. Beson­ders ein­prägsam ist das Bild nach dem Abpfiff des Rück­spiels im Camp Nou, als die fei­ernden Mai­länder durch den Rasen­sprenger ver­trieben werden sollten. Lucio riss sich sein Trikot vom Leib und jubelte inmitten der Fon­tänen. Dass es im Finale gegen seinen Ex-Club FC Bayern ging, er wieder eine groß­ar­tige Leis­tung zeigte und am Ende den Sil­ber­pott in die Höhe streckte, war die finale Unter­schrift unter das Zeugnis einer großen bay­ri­schen Fehl­ent­schei­dung.

Lucio hat alles gewonnen, was es im Fuß­ball zu gewinnen gibt. Er hat gezeigt, dass indi­vi­du­elle Stärken eine Mann­schaft immer wei­ter­bringen. Nach seinem Wechsel zu Inter Mai­land wurde er in einem Inter­view gefragt, ob er auch wei­terhin seine Offen­siv­vor­stöße wagen würde. Er sagte kurz: Wenn es das Spiel erfor­dert, mar­schiere ich.“ Mit langen Schritten.