Es war der 6. März 2010. Bayern traf am 25. Spieltag auf den 1. FC Köln und Louis van Gaal wech­selte in der 73. Minute ein auf­stre­bendes Talent namens David Alaba für den ver­letzen Diego Con­tento ein. Weil der etat­mä­ßige Links­ver­tei­diger (das war damals wirk­lich Con­tento) noch länger aus­fiel, durfte Alaba drei Tage später auch direkt sein Cham­pions-League-Debüt gegen den AC Flo­renz geben. Beide Spiele konnte der FC Bayern zwar nicht für sich ent­scheiden, etwas gewonnen hatten die Münchner mit diesen Par­tien aber trotzdem: einen neuen Links­ver­tei­diger für die kom­mende Dekade – und damit bis heute den letzten Stamm­spieler aus der eigenen Jugend.

Auch wenn Alp­honso Davies von einer sol­chen Kar­riere zumin­dest noch sieben Meis­ter­titel und einen Cham­pions-League-Sieg ent­fernt ist, wirkt es so, als könne sich der FC Bayern bei ihm auf eine ähn­liche Ent­wick­lung freuen. Seit dem neunten Spieltag stand der Kana­dier in jeden Bun­des­li­ga­spiel in der Startelf. Beim Spit­zen­spiel gegen Borussia Dort­mund im ver­gan­genen November lie­ferte er seine erste Spit­zen­vor­stel­lung: Mit 85 Pro­zent gewon­nenen Zwei­kämpfen und einer 94-pro­zen­tigen Pass­quote hatte der Kana­dier nicht nur Anteil an der frühen Aus­wechs­lung Jadon San­chos, son­dern auch am deut­li­chen 4:0‑Sieg der Münchner. 

Nicht das übliche Talent 

Dabei wirkte sein erstes Jahr fast schon wie der typi­sche Talent-wech­selt-viel-zu-früh-zu-den-Bayern-und-wird-danach-nur-noch-aus­ge­liehen-Ver­lauf: Hoch­ge­lobt ange­kommen in Mün­chen, wenig Spiel­zeit im ersten halben Jahr und danach bereits von Sport1“ zum dau­er­haften Bank­drü­cker aus­er­koren. Doch im Ver­gleich zu all den geschei­terten Talenten beim FCB, den Sinan Kurts, Pierre-Emile Højb­jergs oder Gian­luca Gau­dinos, ist es Alp­honso Davies gelungen, seine erste Chance zu nutzen. 

Der 19-Jäh­rige ist es gewohnt, auf seine Chance zu warten, die här­teste Prü­fung hatte er bereits vor seiner Kar­riere zu meis­tern. Davies kam am 2. November 2000 in einem Flücht­lings­auf­fang­lager in Ghana auf die Welt, seine Eltern flohen zuvor auf­grund des Bür­ger­kriegs aus ihrem Hei­mat­land­land Liberia. Zwar gelang der Familie 2005 im Rahmen eines Umsied­lungs­pro­gramms die Aus­reise nach Kanada, in der Mil­lio­nen­stadt Edmonton wuchs Davies jedoch in ärm­lichsten Ver­hält­nissen auf. Es dau­erte mehr als zehn Jahre, bis die Familie die kana­di­sche Staat­bür­ger­schaft erhielt und so end­lich Sicher­heit über ihren Auf­ent­halt erfuhr.

Ich sah ihn das erste Mal kicken und wusste direkt: Dieser Junge hat ein beson­deres Talen.t“

Tim Adams

In dieser Zeit des War­tens reichte das Geld trotz des Talents von Davies nicht für die Kosten eines Fuß­ball­ver­eins. Durch eine After-School“-Liga für Jugend­liche, die sich die Aus­rüs­tung und Gebühren für einen Fuß­ball­verein nicht leisten können, spielte Davies zumin­dest gele­gent­lich gegen andere Teen­ager der Stadt. Tim Adams, Gründer dieser Free-Foot“-Initiative, berich­tete einst über seinen alten Schütz­ling: Ich sah ihn das erste Mal kicken und wusste direkt: Dieser Junge hat ein beson­deres Talent“, so der Ex-Trainer. Ich hatte schon andere Jugend­liche mit ähn­li­cher Ath­letik gesehen, doch Alp­honso unter­schied sich durch seine Ein­stel­lung. Er war sehr geduldig, beharr­lich und dadurch viel mehr als ein Typ, der gut Bälle ins Netz schießt.“

Diese Geduld zahlte sich aus. Durch die Hob­by­liga wurden end­lich auch rich­tige“ Ver­eine auf ihn auf­merksam. Mit 14 Jahren erhielt Davies von den Van­couver White­caps ein Voll-Sti­pen­dium, mit 15 unter­schrieb er seinen ersten Pro­fi­ver­trag und avan­cierte damit zum jüngsten Spieler der dritten nord­ame­ri­ka­ni­schen United Soccer League“, kurz: ULS. In der Folge wurde er zudem nicht nur der frü­heste MLS-Debü­tant, son­dern dank der erhal­tenen Staats­bür­ger­schaft auch der jüngste Natio­nal­spieler Kanadas.

Kein Zufall

Im Ver­gleich zu dieser Periode muss die Zeit auf der FCB-Ersatz­bank kurz gewirkt haben. Sechs Joker-Ein­sätze absol­vierte Davies in der letzten Rück­runde, wenigs­tens beim 6:0‑Schützenfest gegen Mainz gelang ihm ein Treffer. In der jet­zigen Saison pro­fi­tiert er auch von den Ver­let­zungen Niklas Süles und Lucas Hernández’, sowie der Beför­de­rung von Joshua Kim­mich ins defen­sive Mit­tel­feld. Dass seine starke Leis­tung gegen Dort­mund jedoch mehr als das Zusam­men­spiel glück­li­cher Zufälle ist, erklärte Manuel Neuer nach dem 4:0‑Erfolg so: Phonzie hat schon gegen Frank­furt ein ordent­li­ches Spiel gemacht und war einer der wenigen, der da ver­nünftig aus­ge­sehen hat. Das heute war die Krö­nung. Das ist ein gutes Modell“, so der Natio­nal­tor­hüter. 

Warum es zu diesem Modell“, mit Davies auf der linken Seite im Münchner Abwehr­ver­bund, nicht viel eher kam, lag im Übrigen auch an der Fehl­pla­nung des Jung­na­tio­nal­spie­lers: Im Sep­tember kam er zu spät vom Besuch bei seiner Freundin und Paris-Saint-Ger­main-Spie­lerin Jordyn Hui­tema zurück – natür­lich zum Ärger seines dama­ligen Trai­ners Niko Kovac. Das Haupt­pro­blem Kovacs war jedoch nicht die Ver­spä­tung, son­dern dass Davies, sich der dro­henden Unpünkt­lich­keit bewusst, auf Schlaf ver­zichtet hatte, um es doch noch recht­zeitig zum Trai­nings­be­ginn zu schaffen. 

Fester Platz im System

Der man­gelnde Schlaf sorgte damals für eine Geld­strafe von 20.000 Euro, nach­hal­tigen Ärger gab es aber nicht. Nach­haltig ist hin­gegen der Ein­druck, den Davies sport­lich hin­ter­lässt. Auch die Rück­kehr von Lucas Hernández war für Bayern-Trainer Hansi Flick kein Anlass, Davies aus der Vie­rer­kette zu nehmen. 

Einzig Leid­tra­gender dieser Kon­stel­la­tion ist David Alaba: Der Öster­rei­cher muss im Abwehr­zen­trum aus­helfen. In bester Phra­sen­ma­nier erklärte er, zwar grund­sätz­lich lieber links“ spielen zu wollen, doch so lange er in der Innen­ver­tei­di­gung gebraucht werde, spiele er natür­lich dort, wo es der Mann­schaft am meisten helfe. 

Doch es scheint, als müsste sich David Alaba viel­leicht auf Dauer mit dieser Lösung anfreunden. Am Montag ver­län­gerte Alp­honso Davies seinen Ver­trag beim FC Bayern bis 2025.