Nach 20 Minuten ver­schafften sich die paar Tau­send Dort­munder doch einmal Gehör. Berlin, wir fahr’n nach Berlin!“, brüllten die Gäste aus West­falen, die oben unter dem Are­n­a­dach saßen. Mit der nahenden Teil­nahme ihres BV 09 Borussia am DFB-Pokal­end­spiel nächstes Wochen­ende in der Haup­stadt ver­suchten sie wohl einen schlimmen Schock zu the­ra­pieren. Denn unten auf dem Rasen, direkt vor ihren Augen, hatte sich das Tor­netz bereits dreimal bewegt, 3:0 hieß es für den berau­schend auf­spie­lenden FC Bayern, den Final­partner der Gäste am kom­menden Sams­tag­abend (20 Uhr). Doch dieser Eska­pismus ent­fal­tete seine lin­dernde Wir­kung leider nur zwei Minuten, dann erzielte Luca Toni das 4:0. Und jetzt waren die treu­esten Münchner dran, sie riefen den Dort­munder Profis zu: Wir woll’n euch kämpfen sehn!“

Etwas gekämpft haben die Gäste dann noch, wes­halb es am Ende nur 5:0 (4:0) für die Bayern hieß. Denen ist selbst­re­dend die Favo­ri­ten­rolle für Berlin nicht mehr zu nehmen für den kom­menden Samstag, wenn der erste Titel der Saison ver­geben wird. Weitaus sicherer erscheint den Münch­nern aller­dings die Meis­ter­schaft, bei nun­mehr zehn Punkten Vor­sprung auf den Nächst­besten, zur­zeit heißt der Werder Bremen.

Was Ottmar Hitz­feld von einer Gene­ral­probe gegen einen End­spiel­gegner hält, hatte er allen mit seiner Auf­stel­lung mit­ge­teilt: für eine im Grunde ver­zicht­bare Trai­nings­ein­heit. Der Bayern-Coach rotierte also nach dem elek­tri­sie­renden Thriller von Getafe und schonte einige aus Spa­nien ange­schlagen heim­ge­kehrte Spieler. Klose (Hüft­pro­bleme), Ribéry (Fuß) und Jansen (Knie) saßen nicht einmal auf der Bank, Innen­ver­tei­diger Lúcio ver­brachte die Partie als Reser­vist; für ihn spielte van Buyten, den gesperrten Hol­länder van Bommel ersetzte Ottl. Zur Halb­zeit blieb dann sogar noch Kapitän Oliver Kahn in der Kabine. Offi­ziell wurden leichte Schul­ter­pro­bleme ver­meldet, doch ver­mut­lich hatte er sich nun ein­fach genug feiern lassen für seine viel beach­tete Sprin­t­ein­lage in der Schluss­mi­nute von Getafe.

Nichts anderes als über­rannt

Die Dort­munder dagegen probten laut Startelf den Ernst­fall (nur Ruka­vina fehlte), inso­fern müssen sie die Ereig­nisse der ersten Hälfte beson­ders betrüben. Nichts anderes als über­rannt wurden sie von den Bayern, die den Ball mit einer hohen Genau­ig­keit zir­ku­lieren ließen. Das Erfolgs­er­lebnis vom Don­nerstag gab ihnen sichtbar Sicher­heit für Auto­ma­tismen, die in den ver­gan­genen Monaten nicht immer abrufbar waren. Und sie gingen dabei aus­nahms­weise nicht ver­schwen­de­risch mit ihren Chancen um: Lell steil in die Spitze auf Toni, der abprallen lässt für Podolski, dessen traum­hafter Schlenzer aus 20 Metern ins Eck segelt – dieses Tor zum 1:0 nach nur 150 Sekunden bil­dete den Auf­takt einer Phase, in wel­cher die Dort­munder andäch­tige Zuschauer gaben und par­tout das Duell am Mann ver­wei­gerten.

Über­ra­gend sicher eröff­neten die Bayern aller­dings auch ihr Spiel von hinten, beson­ders über die linke Abwehr­seite, wo Demi­chelis als unfehl­barer Abräumer und Lahm als ver­läss­liche Schalt­stelle her­aus­sta­chen. Der Münchner Natio­nal­spieler initi­ierte auch das 2:0, wel­ches das Füh­rungstor an Schön­heit noch über­traf: Lahm, Schwein­s­teiger und Toni spielten sich durchs Mit­tel­feld, als stünden ihnen dort keine Leis­tungs­sportler im Weg, son­dern gelbe Müll­tonnen. Lahms Her­ein­gabe ver­passte zwar Toni, doch hinter ihm lau­erte der ins­ge­samt glän­zend auf­ge­legte Zé Roberto und hob den Ball ins Netz (8.). Luca Toni ließ sich dann aber nicht lange zweimal bitten, mit einem kunst­vollen Außen­rist­schlenzer erhöhte er, tapfer eskor­tiert von Wörns, auf 3:0 (18.); mit dem vierten Treffer (24.), diesmal hübsch auf­ge­legt von Zé Roberto, erhöhte der Ita­liener sein Sai­son­konto in der Liga dann auf 18 Tore.

Ob sich die Dort­munder bis Samstag von dieser Vor­füh­rung erholen, ist schwer­lich vor­stellbar. Erst in der 64. Minute kamen sie zu einer veri­ta­blen Tor­chance, die Vor­ar­beit leis­tete der weit auf­ge­rückte (und zur Pause ein­ge­wech­selte) Ver­tei­diger Kovac mit einem ver­un­glückten Links­schuss – dem flotten Kul­ler­ball setzte Kringe am ent­fernten Pfosten zu spät nach. Petric, seinen tor­ge­fähr­lichsten Mann, hatte BVB-Trainer Doll da schon längst abge­zogen; der Kroate sollte als Augen­zeuge eines Demon­tage wohl nicht länger Schaden nehmen.

Die Münchner ver­wal­teten im zweiten Abschnitt den Vor­sprung, ohne sich aller­dings nach­sagen lassen zu können, die Arbeit ein­ge­stellt zu haben. Sie ließen sich nur etwas zurück­fallen – wahr­schein­lich mit der hin­ter­lis­tigen Absicht, wenigs­tens einmal die Stärken des jewei­ligen Gegen­spie­lers in Ball­be­sitz stu­dieren zu können. Man weiß ja nie, wie so ein End­spiel läuft. Für ein paar Angriffe blieb den­noch Zeit, und vor dem 5:0, das Ottl mit halt­barem Distanz­schuss erzielte, durfte fast jeder Münchner einmal abziehen (67.). Gut 20 Minuten später wirkten die Dort­munder sehr erleich­tert. Es war über­standen.