An und für sich lassen sich die Sai­sons von Schalke und Dort­mund auf einen ein­fa­chen Nenner bringen: Wenn am Ende ein Team sechs Punkte aus den Derbys holt, ist es prak­tisch egal, wie viele sie in den anderen Spielen gewinnen – die Fans sind zufrieden. Schalke begann die Ope­ra­tion End­lich wieder Nummer Eins im Pott!“ im gewohnten 4 – 4‑1 – 1‑System, Lewis Holtby agierte hinter der Sturm­spitze Klaas-Jan Hun­telaar. Gegen das Schalker System stellte Klopp unge­wohnt auf: Er schickte eine Drei­er­kette auf das Feld. Sven Bender über­nahm die Rolle im Zen­trum, die nomi­nellen Außen­ver­tei­diger Lukas Pisz­czek und Kevin Groß­kreutz agierten als Flü­gel­ver­tei­diger.

Eine Drei­er­kette will gelernt sein

Klopp erklärte nach dem Spiel, er wollte mit dieser tak­ti­schen Maß­nahme auf die zahl­rei­chen Ver­let­zungen reagieren. Zum einen fehlte ihm mit Marcel Schmelzer der etat­mä­ßige Links­ver­tei­diger, zum anderen saß mit Jakub Blasz­c­zy­kowski und Mario Götze der gesamte rechte Flügel auf der Tri­büne. Klopps Plan war es, mit einem zusätz­li­chen Innen­ver­tei­diger die Außen­ver­tei­diger von der Defen­siv­ar­beit zu befreien, damit diese offen­sive Akzente setzen können. Gerade Rechts­ver­tei­diger Lukas Pisz­czek sollte vor­stoßen und der rechten Angriffs­seite Leben ein­hau­chen.
Das Pro­blem: Eine Drei­er­kette ist nicht leicht zu spielen, beson­ders wenn die meisten Akteure keine Erfah­rung damit haben. Die Lauf­wege der Dort­munder wirkten in vielen Situa­tionen impro­vi­siert. Im Mit­tel­feld­zen­trum waren Moritz Leitner und Ivan Perisic über­for­dert, sie posi­tio­nierten sich im Spiel­ver­lauf ent­weder zu hoch oder zu breit. Die Dort­munder hatten so prak­tisch kein zen­trales Mit­tel­feld, das sie im Spiel­aufbau anspielen konnten. Dadurch dass auch Pisz­czek zu weit auf­rückte, ballten sich die Spieler auf dem Flügel und an der geg­ne­ri­schen Abseits­linie. Mats Hum­mels und Neven Subotic blieben im Spiel­aufbau nur lange Bälle oder der Quer­pässe. Sta­tis­tisch gesehen gingen über die Hälfte ihrer Pässe zum Neben- und nicht zum Vor­der­mann.

Schalke musste sich in der Defen­sive gegen derart unin­spi­rierte Dort­munder kaum anstrengen. Sie bauten ihre zwei Vie­rer­ketten auf und ver­schoben gewis­sens­voll, die langen Bälle fing Bene­dikt Höwedes ab – er gewann die meisten Zwei­kämpfe aller Spieler auf dem Feld (21) und hatte mit einer Zwei­kampf­bi­lanz von 80% einen Spit­zen­wert. Auch offensiv hatten die Schalker schnell ein Über­ge­wicht. Sie schafften es oft, Lewis Holtby frei­zu­spielen, da Leitner und Perisic die Zen­trale ent­blößten. Zudem kamen sie auf den Außen einige Male hinter den Dort­munder Außen­ver­tei­di­gern an den Ball, so auch vor dem 0:1 durch Afellay (14.).

Jürgen Klopp sah ein, dass seine Taktik ein Fehler war und stellte nach 30 Minuten um. Der Schaden durch die Drei­er­kette war an und für sich gering, es blieb genug Zeit, das Spiel zu drehen – auch weil Schalke es ver­passte, auf das frühe 2:0 zu drängen. Aller­dings zeigte sich in der Fol­ge­zeit, dass die Pro­bleme der Dort­munder sub­stan­ti­eller waren: Auch nach der Umstel­lung auf das übliche 4−2−3−1 spielte Dort­mund prak­tisch ohne Mit­tel­feld. Die sta­bi­li­sie­rende Prä­senz eines Ilkay Gün­do­gans fehlte, Sebas­tian Kehl und Moritz Leitner rissen das Spiel zu keiner Zeit an sich. Im letzten Drittel blieb der BVB ohne Krea­ti­vität, Marco Reus musste viele Aktionen alleine lösen. Die erste Halb­zeit war die offensiv harm­lo­seste des BVB seit langer Zeit; auf den ersten Tor­schuss mussten die BVB-Fans 37 Minuten warten, den ersten Eck­ball gab es erst in der 43. Minute.

Schalker Unsi­cher­heit bringt Dort­mund zurück ins Spiel

Die Schalker machten in dieser Phase den Fehler, ihre Konter nicht effektiv genug aus­zu­spielen. Oft­mals rückten nur zwei bis drei Spieler nach, schnelle Gegen­stöße mussten mit einem Rück­pass abge­bro­chen werden. Direkt zu Beginn der zweiten Halb­zeit bewiesen die Schalker, dass sie es eigent­lich besser können, und spielten einen schnör­kel­losen Konter zum 2:0 aus. Marco Höger traf nach einem feinen Pass von Lewis Holtby (48.).

Die Dort­munder waren zu diesem Zeit­punkt prak­tisch tot. Sie fanden ins Spiel nur auf­grund eines Frei­stoß­tores zurück, Robert Lewan­dowski köpfte eine Flanke von Reus ein (55.). Die Königs­blauen waren sicht­lich ver­un­si­chert und bauten in der Folge ihre Vie­rer­ketten tiefer auf. Hum­mels und Subotic konnten so im Spiel­aufbau bis in die geg­ne­ri­sche Hälfte vor­rü­cken, das Fehlen eines Dort­munder Mit­tel­felds kam nun nicht mehr zum Tragen. Aus ihrer höheren Posi­tion brachten sie eine Hand­voll guter Pässe vor die Schalker Vie­rer­kette, Matip und Höwedes rückten jedoch stets im rechten Moment raus und ver­ei­telten die Gefahr.

In den Schluss­mi­nuten sta­bi­li­sierte der ein­ge­wech­selte Jer­maine Jones (79. für Höger) das Spiel. Er rückte im Mit­tel­feld weit auf und befahl auch seinen Mit­spie­lern, wieder früher zu stören. Die Dort­munder kamen nicht mehr zu gefähr­li­chen Angriffen. Für die Dort­munder Anhänger war es ein Nach­mittag zum Weg­werfen: Sie ver­loren nicht nur das Derby, sie unter­lagen auch noch völlig ver­dient. Bis zum nächsten März müssen sie nun mit dieser Nie­der­lage leben.