Fabio Capello war bes­tens gelaunt. Am Morgen des 18. Mai 1994 erhielt Milans Trainer zwei gute Nach­richten: Zum einen durfte seine Mann­schaft im Cham­pions-League-Finale gegen den FC Bar­ce­lona in weiß spielen – und nicht wie ein Jahr zuvor, als der AC Mai­land im Cham­pions-League-Finale Olym­pique Mar­seille unterlag, mit den rot-schwarz-gestreiften Jer­seys.
 
Außerdem hatte sich der alt­ehr­wür­dige Cesare Mal­dini für das End­spiel in Athen ange­kün­digt. Die Ver­eins­le­gende, die 1963 beim ersten Lan­des­meist­ter­titel als erster Milan-Spieler den Pokal berühren durfte. Fabio Capello fand das sehr erfreu­lich“. Ein biss­chen aber­gläu­bisch sei er ja schon.

Dass seine halbe Mann­schaft aus­fallen würde, schien ihm hin­gegen keine Kopf­schmerzen zu bereiten. Ales­sandro Cos­ta­curta, Franco Baresi, Ste­fano Eranio, Marco van Basten, Jean-Pierre Papin oder Brian Lau­drup – alle ver­letzt oder gesperrt. Das ist kein Pro­blem“, sagte Capello. Ich habe schon etwas im Sinn.“

Der beste Trainer der Welt

An einem anderen Ende der Stadt dik­tierte Bar­ce­lonas Johan Cruyff der­weil seine Kampf­an­sagen in die Blöcke der Reporter. Nicht wenige Fuß­ball­ex­perten sagten über ihn, er sei ver­mut­lich der beste Trainer der Welt. Er selbst behaup­tete das auch. Allein, er strich das ver­mut­lich“ aus dem Satz.
 
Im Cham­pions-League-Halb­fi­nale hatte seine Mann­schaft den FC Porto mit 3:0 zer­legt, und Bobby Robson, Trainer der Por­tu­giesen, schwärmte: Für das Finale kaufe ich mir eine Ein­tritts­karte.“ Auch andern­orts waren sie des voll Lobes für den Super­trainer mit seiner Super­mann­schaft. Franz Becken­bauer nannte den FC Bar­ce­lona die beste Mann­schaft der Welt“.
 
Cruyff hörte das gern. Er hatte sich in den ver­gan­genen Tagen so weit aus dem Fenster gelehnt, dass alles andere als ein Sieg die größte Schmach seiner Kar­riere bedeuten würde. Er sagte zum Bei­spiel: Milan wird es ziem­lich schlecht gehen, denn es ist unmög­lich, uns zu stoppen.“ Oder: Milan ist eine vul­gäre Mann­schaft, die in die Zeiten des Catenac­cios zurück­ge­fallen ist.“ Und um Capellos Phi­lio­so­phie als destruktiv dar­zu­stellen, lobte er aus­drück­lich das Spiel­system von dessen Vor­gänger Arrigo Sacchi.

Ergeb­nis­fuß­ball: Meister mit 36 Toren
 
Die Zahlen spra­chen aller­dings für seine Verbal-Pam­phlete. In der Serie A war der AC Mai­land mit nur 36 geschos­senen Toren Meister geworden. In der Cham­pions League hatte sich die Mann­schaft eben­falls mit Ergeb­nis­fuß­ball ins Finale gemüht: nur ein Tor in zwei Spielen gegen den FC Aarau, nur zwei Siege in sechs Spielen in der Grup­pen­phase.
 
Doch was störte es Fabio Capello? Der Ita­liener galt immer schon als Fuß­ball-Büro­krat. Wäh­rend seiner aktiven Zeit hieß es, dass er auf dem Spiel­feld immer einen Kom­pass dabei habe. Manche nannte ihn einen Pedanten, andere einen Ratio­na­listen. Vor dem Finale reagierte er auf die Angriffe Cruyffs wie ein Spar­kas­sen­an­ge­stellter: Auf­wand und Ertrag müssen stimmen. Das allein zählt.“

Vor seinem Trai­nerjob bei Milan hatte Capello in ver­schie­denen Chef­etagen der Pri­vat­wirt­schaft gear­beitet. Er hatte sprach- und betriebs­wirt­schaft­liche Wei­ter­bil­dungs­kurse besucht, er hatte sich Psy­cho­logie- und Mar­ke­ting-Kennt­nisse ange­eignet. Man nannte ihn den Oxford-Friu­laner“. Meh­rere Jahre arbei­tete er in Silvio Ber­lus­conis Medi­en­im­pe­rium, er hielt Refe­rate über Per­so­nal­füh­rung und posierte für ange­se­hene Wirt­schafts­ma­ga­zine. Ein Mann, der dem Fuß­ball für zwölf Jahre den Rücken gekehrt hatte und dann, als er zurückkam, im Hand­um­drehen dreimal in Folge die Meis­ter­schaft mit dem AC Mai­land holte.

Milans Spieler haben ihren Zenit über­schritten“
 
Auf der anderen Seite der Laut­spre­cher Johan Cruyff – der Trainer mit seinem totaal­voetbal 2.0“, der mit seinem Gra­na­ten­sturm Romario und Christo Stoitschkow. Der Mann, der immer Recht haben wollte. Wobei ihn das bei­nahe mal eben jenen Gra­na­ten­sturm gekostet hätte. Romario verbot er einmal das Feiern, bis dieser sagte: Ich gehorche nur meinen Vater, und Cruyff ist nicht mein Vater.“ Stoitschkow wollte er vor der Saison noch aus­sor­tieren, weil er ihn für zu lethar­gisch hielt. Beide Stürmer blieben und bal­lerten Bar­ce­lona gegen den AS Monaco ins Finale. Schon kurz danach setzte es die erste Spitze von Cruyff: Milans Spieler haben ihren Zenit über­schritten.“
 
Der Abend des 18. Mai 1994 strafte ihn Lügen. Die B‑Elf des AC Mai­land ver­spot­tete Cruyff und seine Groß­manns­sucht regel­recht. Mit 4:0 schossen die Ita­liener Cruyffs Angriffs­en­semble aus dem Athener Olym­pia­sta­dion. Daniele Mas­saro machte zwei Tore. Mas­saro! Dieser alte Mann, 32 Jahre alt! Wo waren all die Raketen von Cruyyf? Wo war Romario? Wo Sto­itchkow? Wo war der totaal­voetbal“? Er war nicht zu sehen, schrieb eine spa­ni­sche Zei­tung. Wobei das nicht ganz stimmte, denn man sah ihn so gut wie selten zuvor – Capello und der AC Mai­land hatten ihn kur­zer­hand adap­tiert. Milan schlug Bar­ce­lona mit den eigenen Waffen, mit dem System, das Cruyff geprägt hatte.

Die Hand zur Ver­söh­nung
 
Nach dem Spiel kau­erte Cruyff auf seiner Trai­ner­bank. Dann blickte er auf und sah, wie sich ihm eine Hand ent­ge­gen­streckte. Es war die Hand von Capello. Cruyff drückte sie kurz und sackte zurück. Viel­leicht dachte er an 1974, viel­leicht daran, dass diese Nie­der­lage ähn­lich bitter war wie Hol­lands ver­lo­renes WM-Finale gegen Deutsch­land. Ver­mut­lich dachte er aber nur: Scheiße“.