Seite 2: Von Laufwegen und tiefstehenden Gegnern

Wenn ich mit dem Rücken zum Tor ange­spielt werde, drehe ich nie auf, diese Art Bewe­gung ver­meide ich. Sobald ich spüre, dass ich einen Ver­tei­diger im Rücken habe, gibt es für mich drei andere Optionen: Ent­weder ich schirme den Ball ab und warte, bis meine Mit­spieler nach­rü­cken. Oder ich ziehe ein Foul, weil der Ver­tei­diger zu unge­stüm den Zwei­kampf sucht. Oder ich lasse den Ball klat­schen. Ich habe akzep­tiert, dass ich nicht so robust bin wie viele meiner Gegen­spieler. Würde ich auf­drehen, wäre es für sie recht ein­fach, mich vom Ball zu trennen. Sie müssen nur ihre kör­per­liche Über­le­gen­heit nutzen, die Hüfte oder den Arm leicht aus­fahren, schon habe ich kaum mehr eine Chance. Also lasse ich das Auf­drehen weg, werde den Ball mit dem Rücken zum Tor fix wieder los und laufe mich frei.

Lauf­wege

Alles, was Stürmer an Zick-Zack-Bewe­gungen im Straf­raum machen, um einen Gegner abzu­schüt­teln, ver­wirrt den Flan­ken­geber am Ende mehr als den Ver­tei­diger. Des­halb gibt es im Straf­raum für mich nur zwei Lauf­wege: Ent­weder ich täu­sche kurz an und sprinte dann zum langen Pfosten. Oder anders­herum. Ibi­sevic und ich haben für diese Momente die nötige Erfah­rung, wir wissen, wie wir uns bei Flanken ver­halten müssen. Ein Mann wie Selke ist dagegen noch jung und steckt voller Energie, er täuscht viel mehr Lauf­wege an. Aber das braucht er gar nicht zu machen. Ein über­zeugter Sprint zur rich­tigen Zeit reicht. Wenn die Flanke gut kommt, hast du alle Trümpfe in der Hand.

Wenn ich selbst bis zur Grund­linie vor­ge­stoßen bin, spiele ich den Ball in den Rücken der Abwehr. Immer. Per­fekt ist ein Zuspiel von der Grund­linie, wenn es zum Elf­me­ter­punkt kommt. Denn dort bekommt der Keeper Pro­bleme, weil er so weit nicht raus­kommen darf. Landet die Flanke dagegen im Fünf­me­ter­raum, fischt er sie weg. Des­wegen spiele ich den Ball blind und auto­ma­tisch in den Rücken der Abwehr. Der Job meines Mit­spie­lers ist es, dort zu stehen und die Flanke zu ver­werten. Der Stürmer, der das Spiel am besten ver­standen hat, war Didier Drogba. Die Leute denken immer, er war so gut, weil er so robust und kräftig war, doch das ist Quatsch. Er war so gut dank seiner Spiel­in­tel­li­genz und seiner Lauf­wege. Er hat für andere Spieler Räume kre­iert. Er wich im rich­tigen Moment auf den Flügel aus. Wenn ich ins Eins gegen Eins ging, hat er mir Platz geschaffen, indem er zur anderen Seite sprin­tete und Gegen­spieler ver­wirrte. Es gibt andere Stürmer, die kommen dir ent­gegen und bringen die halbe geg­ne­ri­sche Mann­schaft mit, so dass du plötz­lich sechs Gegen­spieler hast statt einem.

Ball­be­sitz­spiel gegen kom­pakte Gegner

Das Offen­siv­spiel hängt massiv von den Spie­lern im Zen­trum ab. Hast du einen Sechser, der spielt und nicht nur zer­stört? Dann ist es auch gegen defensiv ein­ge­stellte Gegner leicht. Bei Bayern, Bar­ce­lona oder Man­chester City, also bei all den Mann­schaften, die Fuß­ball spielen wollen, gibt es jeweils Sechser im Team, die keine Angst haben, den Ball abzu­holen und ihn mit Risiko nach vorne zu spielen. Bei uns gibt es bei­spiels­weise Arne Maier, der mir sehr gefällt. Er ist noch jung und muss noch viel lernen, aber obwohl er erst 19 Jahre alt ist, spielt er ohne Furcht. Er kann eine Mann­schaft Fuß­ball spielen lassen.