Er muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, als ich ihn das erste Mal spielen sah. An einem Sonn­tag­nach­mittag war das, auf einem Spiel­platz in Kral­ingen, dem schönsten Teil von Rot­terdam, einem grünen, zwi­schen Maas, Innen­stadt und Kral­ingen-See gele­genen Viertel. Meine drei­jäh­rige Tochter spielte mit anderen Kin­dern auf Schaukel und Wippe, also setzte ich mich in die Sonne und schaute den älteren Kin­dern beim Kicken im Käfig nebenan zu. Ich erkannte einen von ihnen, Robin, den Sohn meines Freundes Bob, der über nichts anderes sprach als seinen Spröss­ling, den kom­menden Welt­star, über den ich bestimmt einmal schreiben würde.

Die anderen Jungs waren marok­ka­ni­sche Bur­schen. Erst später erfuhr ich, dass Saïd Bou­tahar und Mounir El Ham­daoui dabei waren, die später Kar­riere als Fuß­ball­profis machen sollten: Saïd bei Real Sara­gossa, Mounir bei AZ Alk­maar, Ajax Ams­terdam, AC Flo­renz und heute beim FC Malaga. Robin hing ständig mit ihnen herum, er hatte den glei­chen Akzent wie sie, den glei­chen abge­hackten Ton­fall, und er spielte auch wie sie. Ständig pro­bierten sie neue Tricks aus, jemanden zu tun­neln war das Aller­größte.

Der Fett­sack hat uns ständig genervt“

Es machte Spaß, ihnen zuzu­schauen, beson­ders dem Sohn meines Freundes. Jede Ball­be­rüh­rung mit dem linken Fuß, aus­schließ­lich mit dem linken Fuß, war wie eine zärt­liche Lieb­ko­sung. Das Tempo konnte er nach Belieben dosieren, und seine Schuss­technik war bril­lant. Dann pas­sierte es: Einer der Jungs blockte einen Schuss, und der Ball lan­dete in hohem Bogen im Garten neben dem Käfig. Sofort war ein unheim­li­ches Knurren zu hören, und ein unge­heuer fetter Typ, der offenbar betrunken war, kam aus dem Haus. Ihr afri­ka­ni­schen Bas­tarde! Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt euch ver­pissen …“, grölte er. Doch als er sich bückte, um den Ball zu kon­fis­zieren, war einer der Jungs schon über den Zaun in den Garten gesprungen, spit­zelte ihm den Ball weg und machte sich mit der Beute unterm Arm davon.

Der wütende Mann holte zu einem mäch­tigen Tritt aus, doch der Junge war schnell wie der Blitz, und der Tritt ging ins Leere. Der Dicke kam aus dem Gleich­ge­wicht, stürzte und dann war unver­kennbar das Geräusch eines bre­chenden Kno­chens zu hören. Der Dicke lag schreiend im Garten, die Jungs suchten das Weite. Als ich Robin Jahre später in London besuchte, wo er damals für Arsenal spielte, erin­nerte er sich sofort: Der Fett­sack hat uns ständig genervt, belei­digt und geär­gert. An dem gebro­chenen Bein hatte er selber Schuld. Trotzdem haben wir von da an lieber woan­ders gespielt.“

Die Schule war die Hölle: Der Ball musste weg

Robin zog schon als Kind in unserem Viertel viel Auf­merk­sam­keit auf sich. Auf der Straße sah man ihn immer mit einem Ball, selbst auf dem Weg zur Schule drib­belte er Stra­ßen­la­ternen aus. Schickte sein Vater ihn los, um Besor­gungen zu machen, jon­glierte er selbst im Laden noch mit der Kugel, wäh­rend er die Bestel­lungen ein­sam­melte und bezahlte. Der Laden­in­haber war ein aus­ge­spro­chen freund­li­cher Paki­stani, nur wenn Robin wieder mal die kon­ster­nierte Kund­schaft tun­nelte, ent­glitten ihm bis­weilen die Gesichts­züge. Ich habe den Ball sogar mit ins Bett genommen. Selbst, als ich schon mit meiner Frau zusammen war“, erzählt Robin van Persie heute noch.

Als er fünf Jahre alt war, ging er zu Excel­sior Rot­terdam, dem Klub aus Kral­ingen, damals in der ersten Liga. Ich habe selbst an den freien Nach­mit­tagen mit Aad Put­ters gear­beitet, meinem Jugend­trainer. Ich hatte nicht im Sinn, ein Star zu werden, mir hat es ein­fach Spaß bereitet. Nur die Schule war die Hölle, denn da musste ich den Ball unter den Tisch legen.“ Anfang der neun­ziger Jahre fing ich an, die Geschichte von der Wahr­sa­gerin zu glauben, die Bob mir erzählt hatte. Seine Frau José war Malerin, er selbst Bild­hauer.

Diese Wahr­sa­gerin hatte Bob gesagt, José und er würden drei Kinder haben, zuerst zwei Töchter und dann einen Sohn. Wenn es soweit ist, komme ich wieder und höre mir den Rest an“, hatte Bob skep­tisch geant­wortet. Nach den beiden Mäd­chen Lily und Kiki kam im August 1983 mit Robin wirk­lich ein Junge zur Welt, und zwei Wochen später suchte Bob erneut die Wahr­sa­gerin auf: Sie haben einen Fuß­ball­star auf die Welt gebracht„, erzählte sie. Er wird einmal reich und berühmt.“

Bob war immer noch skep­tisch, doch sobald Robin laufen konnte, gab er ihm Luft­bal­lons zum Üben – Ball­trai­ning in Zeit­lupe. Dann wurde die Ehe mit José geschieden, Bob zog aus, und Robin blieb bei seiner Mutter. Als der Junge fast sechs Jahre alt war, stand José eines Tages bei Bob vor der Tür und war ver­zwei­felt. Kann Robin bei dir wohnen? Er ist auf­sässig und lässt sich von mir nichts sagen.“ Bob nahm ihn auf. Das Pro­blem war seine Hyper­ak­ti­vität“, erklärte mir sein Vater. Robin hatte zwar kein ADHS, das hätte man behan­deln müssen, aber er steckte ständig voller Energie, die irgendwie raus musste.“ Der Wen­de­punkt? Seine marok­ka­ni­schen Kum­pels. In denen hatte er See­len­ver­wandte gefunden. Und von da an lebte er nur noch für den Fuß­ball, das war eine Erlö­sung.“

Schon mit 12 Jahren trai­nierte Robin nebenbei eine Jugend­mann­schaft von Excel­sior. Ein Jahr später wech­selte er zu Feye­noord, dem größten der drei Rot­ter­damer Pro­fi­ver­eine. Als größtes Talent des Klubs debü­tierte der damals 18-Jäh­rige im Februar 2002 in der ersten Mann­schaft und spielte ein paar Monate später im UEFA-Cup-Finale, das Feye­noord mit 3:2 gegen Borussia Dort­mund gewann. Ein Sieg, der Van Persie nicht guttat. Gerade erst zum besten Nach­wuchs­spieler der Saison gewählt, ging plötz­lich alles schief. Er verlor die Boden­haf­tung. Weil ihm der vom Sponsor zur Ver­fü­gung gestellte Mit­tel­klas­se­wagen nicht gefiel, kaufte er sich einen schi­cken Mer­cedes. In einem Spiel schob er vor aller Augen bei einem Frei­stoß den arri­vierten Pierre van Hooij­donk auf die Seite und schoss selber. Da war er gerade einen Monat Teil der ersten Elf.

Der Zwist mit Van Mar­wijk

Seine Mit­spieler waren zuneh­mend genervt. Vor dem Start der neuen Saison baten Van Hooij­donk und Paul Bos­velt daher um eine Unter­re­dung mit dem Trainer. Van Persie müsse in die Schranken gewiesen werden, for­derten sie. Bert van Mar­wijk setzte den Stürmer prompt auf die Ersatz­bank. Der Beginn eines unschönen Klein­kriegs. Beim Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel für die Cham­pions League gegen Fener­bahçe Istanbul im August 2002 schickte der Coach Robin erst eine Vier­tel­stunde vor Schluss zum Auf­wärmen. Kurze Zeit später saß er schon wieder, er sei lustlos auf und abge­laufen. Robin ver­wei­gerte seinem Trainer nach dem Spiel den Hand­schlag.

Erst 2008, als Van Mar­wijk die hol­län­di­sche Natio­nal­mann­schaft über­nahm, begruben die beiden den Streit. Van Mar­wijk glaubt noch heute, Van Persie mit seiner Kritik etwas Gutes getan zu haben. Der sieht das anders: Ich habe von man­chen Leuten nie das Ver­trauen bekommen, das ich brauchte. Am Ende saß ich bei Feye­noord auf der Ersatz­bank und glaubte selber nicht mehr daran, gut genug für die Nummer 10 zu sein.“ Viel­leicht hat Robin aber wirk­lich etwas gelernt. Carl Atkinson, der später mit Van Persie bei Arsenal spielte, sagt: Wenn du Pro­bleme hast, ist Robin immer für dich da. Vor allem für junge Spieler. Er war der ideale Kapitän.“

Eine Begeg­nung mit 40 Ajax-Hools

Im April 2004 kam plötz­lich Bewe­gung in die zer­rüt­tete Bezie­hung zwi­schen Feye­noord und Van Persie. Vor den Augen von Arsenal-Chef­scout Steve Rowley schoss Van Persie im Spiel gegen das Nach­wuchs­team von Ajax den 1:1‑Ausgleich und warf einen Hand­kuss ins Publikum. Was 40 Ajax-Hools ani­mierte, Robin eine Abrei­bung zu ver­passen. Sie traten und schlugen ihn, bis Spieler beider Mann­schaften dazwi­schen­gingen. Ich will nicht über­treiben“, sagte Robin mir hin­terher, aber ich dachte, ich müsste sterben.“ Immerhin, Rowley war beein­druckt. Arsenal wollte Van Persie.

Am Ende seines ersten Jahres in London besuchte ich Robin auf dem Trai­nings­ge­lände. Arsène Wenger wollte ihn behutsam auf­bauen, er sollte zunächst erneut nur in der zweiten Mann­schaft spielen, aber diesmal machte es ihm nichts aus. Ein paar Minuten mit Wenger waren genug. Ich wusste, ich konnte ihm ver­trauen. Er sagte, dass ich gut sei, aber Geduld haben müsse. Wäh­rend der Ver­hand­lungen meinte er, sobald ich im Trai­ning an Sol Camp­bell und Kolo Touré vor­bei­käme, würde ich spielen. Mehr brauchte ich nicht zu hören.“

Zumal er einen Für­spre­cher im Team hatte. Lands­mann Dennis Berg­kamp zeigte ihm, was er und wie er es zu tun hatte. Er lehrte ihn, das eigene Spiel selbst­kri­tisch zu bewerten. Steve Rowley erklärte ihm, dass er zu viele Risiken fern des geg­ne­ri­schen Straf­raums ein­gehe. Und Wenger ging wegen unnö­tiger Gelber und Roter Karten hart mit ihm ins Gericht.

So gut er sport­lich zurechtkam, so anfällig schien er für das rausch­hafte Leben, das popu­lären Fuß­ball­profis abseits des Platzes zufällt. Nach dem Gewinn des FA-Cups mit Arsenal und seinem Debüt in der hol­län­di­schen Natio­nal­mann­schaft wurde er Anfang Juni 2005 in Rot­terdam wegen des Ver­dachts auf Ver­ge­wal­ti­gung ver­haftet. Er saß meh­rere Wochen im Gefängnis, dann wurde die Anklage fal­len­ge­lassen. Robin war nach durch­fei­erter Nacht mit ein paar Freunden und einer Strip­teasetän­zerin in einem Hotel­zimmer gelandet, wo viel gelacht und wohl auch mehr als nur geknutscht wurde. Als die Jungs es zu weit trieben und ihre Kla­motten ver­steckten, suchte die Frau ver­är­gert das Weite. Robins Glück war, dass sie unmit­telbar danach nie­mandem etwas von einer Ver­ge­wal­ti­gung erzählte. Statt­dessen hörte ein Ange­stellter des Hotels, wie sie am Telefon mit ihrem Aben­teuer mit dem berühmten Fuß­baller prahlte.

Später ent­schied das Gericht, den Fall zu den Akten zu legen, weil keine Beweise vor­lagen und die Aus­sagen des Mäd­chens zu wider­sprüch­lich waren. Robin kos­tete die Epi­sode fast seine Ehe. Aber letzt­lich hielt seine marok­ka­ni­sche Frau Bouchra zu ihm, unter­stützte ihn und küm­merte sich darum, die besten Anwälte ein­zu­schalten. Was wir durch­ge­macht haben, hat unsere Bezie­hung nur noch stärker gemacht“, sagt sie heute. Eine bit­tere Lek­tion, die Van Persie jedoch offenbar half, erwachsen zu werden, mit nun­mehr 21 Jahren. Unter Wenger ent­wi­ckelte er sich zu einem der besten Stürmer der Welt und wurde sowohl bei Arsenal als auch später bei Man­chester United zum besten Spieler der Saison gewählt.

Meine große Stärke ist, dass ich alles genau gleich mache“

Manchmal fragen mich die Leute: Der Sohn deines Freundes, wie ist der eigent­lich so?“ Ich ant­worte: Gesund. In vie­lerlei Hin­sicht gesund.“ Robin denkt gesund und lebt gesund. Es klingt wie ein Kli­schee, aber er achtet auf ver­nünf­tige Ernäh­rung, gönnt sich Ruhe­pausen, raucht und trinkt nicht. Seine drei Hobbys, in der Rei­hen­folge ihrer Wich­tig­keit: Familie, Fuß­ball und Tisch­tennis. Er ist auf erstaun­liche Art und Weise lang­weilig. Ich glaube, meine größte Stärke ist, dass ich immer alles genau gleich mache. Manche Stürmer drehen durch, wenn sie ein Tor gemacht haben, aber ich kon­zen­triere mich weiter auf meine Auf­gabe. Und wenn ich mal ein paar Wochen nicht getroffen habe, gerate ich nicht in Panik. Das nächste Tor fällt bestimmt, keine Sorge. Seele und Geist sind viel wich­tiger als der Körper. Wir spielen oft dreimal in der Woche, und das steht man nur durch, wenn du emo­tional aus­ge­gli­chen bist und ver­suchst, eine innere Balance zu finden.“

Im Sommer 2012 stand Robin van Persie vor der viel­leicht schwie­rigsten Ent­schei­dung seines Lebens: Arsenal ver­lassen? Ich war zwie­ge­spalten. Ich liebe den Klub, das fan­tas­ti­sche Sta­dion, das Publikum, die Atmo­sphäre. Aber ich bin ein Sie­gertyp, und es war Zeit, ein paar Titel zu gewinnen.“ Mit Man­chester United wurde Van Persie auf Anhieb Meister. Doch die anschlie­ßende Saison nach dem Rück­tritt von Alex Fer­guson wurde ein Desaster. Früh­zeitig ver­ab­schie­dete sich United aus Europa und aus dem Titel­rennen der Pre­mier League. Fer­gu­sons Nach­folger Moyes musste gehen. Wenig ver­wun­der­lich also, dass sich Robin van Persie auf die WM freute. Die Nie­der­lande waren wieder einmal früh qua­li­fi­ziert. Das Tur­nier in Brasi­­lien könnte sein letzter Anlauf sein.

Sein Vater ist sich sicher, wie es wei­ter­geht

Vor dem Tur­nier sagte der Stürmer: Wir haben eine tolle Mann­schaft, eine gute Mischung aus erfah­renen Spie­lern und jungen Talenten. Für einige von uns wird es die viel­leicht letzte Chance sein, einen großen Titel zu gewinnen. Für mich, aber auch für Wesley Sneijder und andere.“ Van Persie ist inzwi­schen 30, das Kar­rie­re­ende kommt in Sicht. Er hat ent­schieden, seine Lauf­bahn bei Excel­sior Rot­terdam zu beenden. Bereits vor ein paar Jahren hat er dem Verein eine ansehn­liche Summe für die Jugend­ar­beit gestiftet. Der Klub hat inzwi­schen eine Tri­büne nach dem berühm­testen Sohn benannt. Wann immer Robin in Rot­terdam ist, schaut er vorbei. Hier ist sein Zuhause.

Mehr als zwei Jahr­zehnte sind ver­gangen, seit ich ihm damals beim Kicken im Käfig neben dem Spiel­platz zum ersten Mal zuge­schaut habe. Und eigent­lich ist es eine rhe­to­ri­sche Frage, ob er all das erreicht hat, wovon er als kleiner Junge träumte. Ja“, ant­wortet er. Natür­lich. Ich bin genau dort, wo ich immer sein wollte. Ich bin immer noch ein Kind, und mein größter Traum ist, so lange wie mög­lich dieses Kind zu bleiben, das ich noch in mir spüre.“

Wenn sein Ver­trag in Man­chester aus­läuft, wird er 33 Jahre alt sein. Anschlie­ßend wird er also zu Excel­sior zurück­gehen. Und dann? Sein Vater, der die Kar­riere von Anfang an begleitet hat, gibt die Ant­wort: Ich glaube, dass er dann als Trainer nach London oder Man­chester zurück­geht. Das wird das nächste Ziel für ihn sein: der beste Trainer der Welt zu werden.“ Aber er sollte wohl erst einmal die Wahr­sa­gerin befragen, denn viel­leicht sieht sie ja auch das voraus.