So richtig einig waren sich die deut­schen Natio­nal­spieler nicht, wie sie das 0:1 gegen Frank­reich nun bewerten sollen. War es ein Erfolg, dem Welt­meister ein enges Spiel abge­trotzt zu haben? Wir haben vieles sehr gut kon­trol­liert, ich habe sehr wenige fran­zö­si­sche Konter gesehen“, sagte Toni Kroos nach dem Spiel. Aber genügt das? Hätte sich die deut­sche Mann­schaft nicht mehr Chancen her­aus­spielen müssen? So sah es Ilkay Gün­dogan. Nach vorne war es zu wenig. Ich hoffe, dass wir (in den kom­menden Spielen, d. Red. ) mehr nach vorne spielen.“

Beide haben Recht. Deutsch­land hat das Spiel kon­trol­liert – und doch waren sie dem Gegner unter­legen. Fünf Punkte zum Auf­takt­spiel gegen Frank­reich.

1. Wille von der ersten Minute an

Eines konnte man Joa­chim Löws Team an diesem Abend nicht abspre­chen: Der Wille war da! Von der ersten Minute an ver­wi­ckelten sie die Fran­zosen in Zwei­kämpfe. Die Deut­schen inter­pre­tierten das eigene 3 – 4‑3-System durchaus offensiv: Zwei Stürmer liefen vorne die geg­ne­ri­schen Innen­ver­tei­diger an, Kai Havertz küm­merte sich leicht ver­setzt dahinter um N’Golo Kanté.

Gerade in der Anfangs­phase übte die deut­sche Mann­schaft hohen Druck aus. Die Fran­zosen sollten nicht durch das Zen­trum auf­bauen dürfen. Hierauf war Didier Deschamps Spiel­idee aus­ge­legt: Ihr 4 – 3‑1 – 2‑System sah im Zen­trum eine Raute vor, Zehner Antoine Griez­mann agierte vor einer Drei­fachs­echs. Die Deut­schen ver­hin­derten jedoch Pässe in das Mit­tel­feld­zen­trum.

2. Frank­reich lenkt Deutsch­land auf die Flügel

Auch die Fran­zosen hatten sich einen Plan gegen Deutsch­lands Spiel­aufbau zurecht­ge­legt. Frank­reich ver­tei­digte in einem 4−3−3: Griez­mann rückte nach Rechts­außen, Kylian Mbappé ging nach Links­außen. Somit konnten die Fran­zosen gegen die deut­sche Drei­er­kette eine Eins-gegen-Eins-Zuord­nung her­stellen: Griez­mann presste Antonio Rüdiger, Karim Ben­zema beschäf­tigte Mats Hum­mels und Mbappé lief Ginter an.

Die Fran­zosen lenkten damit den Spiel­aufbau der Deut­schen auf den Flügel. Dabei ließen sie häufig den Kor­ridor zu Robin Gosens offen. Damit drängten sie ihn in eine spiel­ma­chende Rolle; etwas, was dem offen­siv­hung­rigen Außen­spieler nicht liegt. Er hat seine Stärken eher im letzten Drittel. In der Anfangs­phase stellten sich beide Teams mit ihrem Pres­sing matt.

3. Lücken im Zen­trum

Früh wurde deut­lich: Wer im Spiel dieser indi­vi­du­ellen Alles­könner den ersten Fehler macht, wird ins Hin­ter­treffen geraten. Das deut­sche Team machte den ent­schei­denden Fehler. Schon vor dem 0:1 zeigten sich die Pro­bleme der deut­schen 5 – 2‑3-Defen­siv­for­ma­tion: Im Zen­trum klaffte man­ches Mal eine große Lücke. Gün­dogan und Kroos stimmten sich nicht immer gut ab, gerade in Situa­tionen, in denen Havertz defensiv nicht aus­half.

Der Gegen­treffer (20.) wie­derum ging auf die Kappe von Antonio Rüdiger. Er rückte unab­ge­stimmt heraus und ließ Ben­zema frei, für den er eigent­lich zuge­teilt war. In der Folge konnte Frank­reich durch das Zen­trum Tempo auf­nehmen. Eine Chance genügte ihnen, um in Füh­rung zu gehen.

4. Müller dreht auf, Frank­reich schließt ab

Nach dem Tor zogen sich die Fran­zosen weit zurück. Zwi­schen der 30. Minute und dem Schluss­pfiff sam­melte die deut­sche Mann­schaft knapp 65 Pro­zent Ball­be­sitz. Diesen Ball­be­sitz spielten die Deut­schen jedoch haupt­säch­lich in der Abwehr aus. Toni Kroos und Ilkay Gün­dogan pos­tierten sich im Mit­tel­feld ver­gleichs­weise tief, die Abstände zu den Stür­mern blieben groß. Somit war Deutsch­land zwar gut gewappnet gegen fran­zö­si­sche Konter. Offen­siv­ge­fahr ent­fachte Löws Team jedoch nicht.

Es dau­erte, ehe das deut­sche Team den Ball­be­sitz in Chancen ummünzen konnte. Nach der Pause hatte die deut­sche Mann­schaft ihre beste Phase. Thomas Müller und Serge Gnabry wichen nun häu­figer auf die Flügel aus. Sie suchten bewusst die Lücken hinter Mbappe und Griez­mann. Deutsch­land hatte seine besten Mög­lich­keiten, als es vom Flügel aus schnell das Spiel ver­la­gerte.

5. Die berühmt-berüch­tigte zün­dende Idee

Frank­reich reagierte auf die deut­sche Flü­gel­las­tig­keit: Griez­mann und Mbappe zogen sich zurück. Die Fran­zosen bauten eine 4 – 5‑1-Mauer vor dem eigenen Straf­raum auf. Ihr Motto: Lasst die Deut­schen mal spielen, wir stehen tief und lauern auf Konter.

Das Kalkül ging auf. Deutsch­land fehlte die berühmt-berüch­tigte zün­dende Idee, wie sie das Abwehr­boll­werk der Fran­zosen hätten kna­cken können. Die Abstände zwi­schen Mit­tel­feld und Angriff blieben zu groß. Deutsch­land kam ein­fach nicht in den Straf­raum. Nur sechs von 23 Flanken kamen an. Noch schwer­wie­gender war die Unfä­hig­keit, Eins-gegen-Eins-Duelle zu gewinnen. Ein ein­ziges erfolg­rei­ches Dribb­ling weist die Sta­tistik für Deutsch­land vor.

Am Ende haben also sowohl Kroos als auch Gün­dogan recht: Ja, die deut­sche Mann­schaft hatte das Spiel im Griff. Bis zur 70. Minute ließen sie keinen ein­zigen Konter zu – und das gegen das viel­leicht kon­ter­stärkste Team des Tur­niers. Wahr ist aber auch: Die deut­sche Mann­schaft griff mit ange­zo­gener Hand­bremse an.

An dieser Schwäche muss Löw in den kom­menden Tagen arbeiten. Auch Por­tugal und Ungarn werden gegen Deutsch­land nicht auf totale Offen­sive setzen. Der Wille allein wird nicht rei­chen. Es braucht die zün­dende Idee, wie man ein Tor erzielen kann.