Sebas­tian Kir­schner erfuhr am Post­kasten, dass er einmal in einer kri­mi­nellen Ver­ei­ni­gung aktiv war. So lau­tete zumin­dest der Ver­dacht der Staats­an­walt­schaft. Am 1. November 2016 öff­nete Kir­schner den Brief der Behörde und war ent­setzt. Er las darin, dass die Ermitt­lungen gegen ihn, von denen er nichts gewusst hatte, ein­ge­stellt worden seien. In einem wei­teren Brief einige Tage später stand, dass die Polizei zwei­ein­halb Jahre zuvor seine gesamte Tele­kom­mu­ni­ka­tion über­wacht und auf­ge­zeichnet hatte. Von seinem Fest­netz­te­lefon und seinem Handy.

Genau das klin­gelte wenig später pau­senlos. Eltern, Ver­wandte und Freunde hatten näm­lich eben­falls per Post mit­ge­teilt bekommen, dass ihre Gespräche mit Kir­schner mit­ge­schnitten worden waren. Sie waren soge­nannte Dritt­be­trof­fene“ und fragten beun­ru­higt: Was ist da los? Kir­schner konnte das Ganze nicht erklären, ahnte aber, dass es mit seinem Job zu tun haben könnte: Er arbeitet im Fan­pro­jekt des heu­tigen Viert­li­gisten Chemie Leipzig. Doch des­wegen eine Tele­fon­über­wa­chung?

Er hatte sich nichts zuschulden kommen lassen

Die säch­si­sche Staats­an­walt­schaft hatte im Jahr 2013 begonnen, gegen 14 Beschul­digte wegen der Bil­dung einer kri­mi­nellen Ver­ei­ni­gung zu ermit­teln. Sie wurden der linken Szene zuge­ordnet und ver­däch­tigt, gezielt Per­sonen mit rechter Gesin­nung in Leipzig zu atta­ckieren. Die Fan­szene von Chemie Leipzig gilt als links­al­ter­nativ, mit ein­zelnen Ver­bin­dungen zur auto­nomen Szene. Nur die Hälfte der Beschul­digten hatte wirk­lich etwas mit Fuß­ball zu tun, sagen Kenner der Fan­szene.

Drei Jahre lief die Ermitt­lung, die Polizei über­wachte nicht nur Tele­fone, einen Teil der Ver­däch­tigen obser­vierte sie auch. Der Auf­wand war massiv: Ins­ge­samt wurden über 50 000 Ver­kehrs­da­ten­sätze erhoben, sprich Infor­ma­tionen über Text­nach­richten und Anrufe. Die Pro­to­kolle füllen 41 Akten­bände. Das Ergebnis aller­dings fiel dünn aus; im Oktober 2016 wurde das Ver­fahren man­gels hin­rei­chenden Tat­ver­dachts“ ein­ge­stellt, teilte das säch­si­sche Jus­tiz­mi­nis­te­rium einen Monat später knapp mit.

Kir­schner wirkt nicht gerade wie eine zwie­lich­tige Gestalt aus einer kri­mi­nellen Ver­ei­ni­gung. Er spricht bedächtig, kein Mann für große Gesten, trägt grünen Kapu­zen­pull­over und Drei­ta­ge­bart. Ich hätte auch nicht für mög­lich gehalten, mit 41 Jahren von der Polizei über­wacht zu werden“, sagt er. Die anderen Beschul­digten waren eher im Stu­den­ten­alter. Warum nahmen die Ermittler aus­ge­rechnet ihn ins Visier? Die Gene­ral­staats­an­walt­schaft Dresden erklärt es auf Nach­frage mit dem Ver­dacht der Bege­hung von Straf­taten“. Doch sie habe Kir­schner eben nicht ver­däch­tigt, an Schlä­ge­reien oder Atta­cken teil­ge­nommen zu haben. Kurz: Er hatte sich nichts zuschulden kommen lassen.

Er kaufte Nudeln, Par­mesan und Wein“

Der Aus­löser für die Ermitt­lung war schlicht seine Arbeit im Fan­pro­jekt. Das bestä­tigen die betref­fenden Pas­sagen der 1200 Seiten starken Ermitt­lungs­akten, die 11 FREUNDE ein­sehen konnte. Im rich­ter­li­chen Beschluss wird auf­ge­führt, dass Kir­schner Trans­port­mittel für Fahrten zu Fuß­ball­spielen“ orga­ni­siere, an Plenen“ von Fan­gruppen teil­nehme und sich um die Orga­ni­sa­tion von Rechts­bei­ständen küm­mere. Fazit: Ins­ge­samt kann fest­ge­stellt werden, dass die Person Sebas­tian Kir­schner durch die Tätig­keit bei dem Fan­pro­jekt Leipzig in die Ultra-Szene der BSG Chemie ein­ge­bunden ist.“ Diese gelte als Sam­mel­be­cken“ von gewalt­be­reiten, poli­tisch links ori­en­tierten Per­sonen. Kir­schner geriet offen­sicht­lich wegen seiner Kon­takte unter Ver­dacht. Kon­takte zu den­je­nigen Per­sonen, mit denen er arbei­tete.

Drei Monate lang spähten die Ermittler den Sozi­al­ar­beiter aus und pro­to­kol­lierten jeden Anruf. Kein Tele­fonat war zu banal. Als Kir­schner seiner Freundin das Net­flix-Pass­wort nicht direkt, son­dern nur einen Hin­weis darauf mit­teilte, notierten sie: Sogar im sozialen Nah­be­reich ist das Ver­halten des Kir­sch­ners von kon­spi­ra­tiver Natur.“ Nach einem vier­mi­nü­tigen Tele­fonat im Super­markt schrieben sie: ÜA (über­wachter Anschluss, die Red.) war Ein­kaufen. Er kaufte Nudeln, Par­mesan und Wein.“