Der wesent­liche Bestand­teil meiner Arbeit“, hat der Tor­hüter Rogério Ceni mal gesagt, ist es, Tore zu ver­hin­dern. Wenn ich dann auch noch ab und zu ein Tor selber schieße, ist das das gewisse Extra.“ Am ver­gan­genen Sonntag hat der Bra­si­lianer Ceni einen magi­schen Rekord geknackt: Er ist jetzt der erste Tor­wart, der 100 Tore geschossen hat. Für seinen FC Sao Paulo erzielte der Schluss­mann in der 54. Spiel­mi­nute das 2:0 gegen Lokal­kon­tra­hent Corin­thians. Per Frei­stoß.

Ein Unbe­kannter ist Rogério Ceni schon lange nicht mehr. Glo­bale Auf­merk­sam­keit schenkte man ihm bereits nach dem 20. August 2006. Da hatte Ceni sein 63. Tor geschossen – ein Treffer mehr als der legen­däre Tor­wart Para­guays, José Luis Chil­avert. Aber der 100. Treffer seiner Profi-Kar­riere hat den Keeper nun unsterb­lich gemacht. Wie vor 42 Jahren, als Bra­si­lien das 1000. Tor von Pelé fei­erte, als habe man soeben die Formel gegen die Kli­ma­er­wär­mung ent­deckt, wurde Ceni nach seinem Treffer minu­ten­lang beju­belt. Auf der Anzei­ge­tafel in der Arena Barueri leuch­tete eine fette 100“, das Sta­di­on­per­sonal jagte im Sekun­den­takt Feu­er­werk in die Luft. Ceni riss sich das Trikot mit der 01“ vom Leib und schwenkte es so wild, dass man kurz dachte, er wolle ein Feuer auf der Tri­büne löschen. Als ihm dann nach der Partie – die sein FC Sao Paulo gegen den Erz­ri­valen mit 2:1 gewann – die Mikro­phone unter die Nase geschoben wurden, dankte der Rekord­spieler stan­des­gemäß dem All­mäch­tigen („Es gibt Tage, da schaut Gott auf dich.“) und kon­terte dann sou­verän den ange­deu­teten Ver­gleich mit Pelé: Pelé ist Pelé. Aber ich kann garan­tieren, dass ich der bes­sere Tor­hüter bin.“

Das wird gern über­sehen bei Tor­hü­tern, die Tore schießen: Dass sie durchaus sehr anstän­dige Tore­ver­hin­derer sind. José Chil­avert, der 62-Tore-Mann, war dreimal Welt­tor­hüter des Jahres“, Jorge Campos, der sich in seinen selbst ent­wor­fenen Regen­bo­gen­kla­motten stets als 11. Feld­spieler kurz hinter der Mit­telinie ver­stand, absol­vierte immerhin 129 Län­der­spiele für Mexiko. René Higuita („El Loco“, der Ver­rückte) wurde zwar für seine Tore und den unglaub­li­chen Scor­pion Kick“ im Län­der­spiel gegen Eng­land welt­be­rühmt, war als Tor­hüter aller­dings ungleich wert­voller. Kaum jemand weiß mehr, dass er 1989 das Finale der Copa Lipert­adores für seinen Klub Atlé­tico Nacional quasi im Allein­gang ent­schied, weil er im Elf­me­ter­schießen vier Straf­stöße parierte und einen selbst ver­wan­delte. Und als der FC Bayern Mün­chen 2008 Jörg Butt aus seinem Exil bei Ben­fica Lis­sabon befreite, erin­nerte man sich landauf landab an die vielen Elf­meter, die Butt einst so sicher ver­wan­delt hatte, nicht aber an seine ohne Zweifel vor­han­denen Qua­li­täten als Tor­hüter. Auch Rogério Ceni musste die vom Jubel über seine Tore glücks­be­sof­fene Öffent­lich­keit in den ver­gan­genen Jahren stets daran erin­nern, wel­chen Job er eigent­lich leistet: Nie­mand macht doch 900 Spiele als Stamm­tor­hüter in einem großen Verein, nur weil er ein paar Tore schießt.“

Eine klas­si­sche Tor­wart­kar­riere hat Ceni trotzdem nicht gemacht. Er war erst 14, als er sich zum ersten Mal zwi­schen die Pfosten stellte. Und das auch nur, weil sich der Tor­wart seiner Betriebs­mann­schaft ver­letzte und hän­de­rin­gend nach Ersatz suchte. Und da der Tor­wart gleich­zeitig der Chef der Bank war, bei der Ceni als Aus­hilfe jobbte, mel­dete er sich frei­willig. Ein Glücks­fall. Schon ein später nahm ihn der Klub unter Ver­trag, mit 17 ver­pflich­tete ihn der FC Sao Paulo. 205 Spiele am Stück musste Ceni seinem Kol­legen Zetti bei der Arbeit zuschauen – von der Ersatz­bank. In diese Zeit fallen die zahl­rei­chen Grün­dungs­my­then der Legende von Cenis außer­ge­wöhn­li­chen Frei­stoß­künsten.

Eine besagt, er habe mit den täg­li­chen Extra­schichten vor der Plas­tik­mauer begonnen, als Trainer Telê San­tana den Klub 1996 ver­ließ. Zuvor sollen Trainer und Ersatz­tor­wart jede freie Minute dazu genutzt haben, ihrer großen Lei­den­schaft zu frönen: Tennis zu spielen. Von Ceni selbst stammt die Geschichte, er habe seine gefürch­teten Frei­stöße aus Ein­sam­keit erlernt: Als junger Spieler war ich immer viel zu früh auf dem Trai­nings­platz. Weil keiner da war, der mir ein paar Bälle aufs Tor hätte schießen können, habe ich es ein­fach selber ver­sucht. Jeden Tag. 100 Frei­stöße hin­ter­ein­ander.“ Als er dann end­lich Stamm­keeper Zetti aus dem Tor ver­drängt hatte, ver­sprach er den ver­dutzten Mit­spie­lern: Jetzt schieße ich ein Tor per Frei­stoß!“ 1997 wagte er den ersten Ver­such in einem Spiel der Bun­des­meis­ter­schaften gegen Unión San José – und hatte Erfolg. Fortan riefen die Fans seinen Namen, wenn der Schieds­richter auf Elf­meter oder Frei­stoß ent­schied. Ceni gehorchte. Am ver­gan­genen Sonntag zir­kelte er seinen 56. Frei­stoß ins geg­ne­ri­sche Tor, dazu kommen 44 erfolg­reiche Elf­meter.

Nicht immer ohne Folgen: Als er einmal gegen Flu­mi­nense traf und bei Wie­der­an­pfiff noch immer den Trai­ner­stab an der Seite abbus­selte, zir­kelte Flu-Spieler Branco den Ball ins leere Tor. Mike Hanke und Jörg Butt lassen grüßen. Trainer Mario Sergio verbot seinem Tor­wart 1998 gar den Gang in die geg­ne­ri­sche Hälfte. Ceni fügte sich und hatte Glück, dass der ehe­ma­lige Natio­nal­spieler nach nur zwei Monaten wieder ent­lassen wurde.

100 Tore – so viele Treffer hat der deut­sche Aus­nahme-Spieler Thomas von Heesen in seiner gesamten Kar­riere geschossen. Zwar will die FIFA Cenis runden Rekord (noch) nicht aner­kennen – laut dem Welt­ver­band zählen die beiden Tore aus Freund­schafts­spielen gegen eine lokale Aus­wahl von Santos- und Fla­mengo-Spie­lern und den rus­si­schen Klub Uralan Elista nicht – aber wen stört das schon? Längst fragt man sich, warum aus­ge­rechnet ein Tor­hüter so beständig Elf­meter und vor allem Frei­stöße zu Toren ver­wertet. Ceni selbst ver­weist auf das täg­liche Tro­cken-Trai­ning – und verrät dann sein großes Geheimnis: Ich ziele immer auf den Winkel.“ Wenn es nur so ein­fach wäre.

38 Jahre ist Rogério Ceni, selbst für Tor­hüter ein seliges Ren­ten­alter. Für seine 100 Tore hat er 965 Spiele gebraucht. 2002 stand er sogar im Kader der bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­mann­schaft und darf sich seitdem Welt­meister nennen. 1993 und 2005 wurde er Klub-Welt­meister, 2005 drückte man ihn nach dem Finale gar einen rie­sigen Auto­schlüssel in die Hand – der Preis des Haupt­spon­sors für den besten Spieler des Tur­niers. Dazu kommen zehn indi­vi­du­elle Aus­zeich­nungen, dar­unter 2005 der als Fan-Preis bekannte Prêmio Craque do Bra­si­leirão“. Seine Anhänger, die den Tor­wart mit der Halb­glatze Mücke“ rufen, haben ihm im Internet längst ein Denkmal gesetzt: Jeder ein­zelne Treffer ist als You­tube-Video ver­ewigt. Es gibt kein schö­neres Gefühl, als ein Tor zu erzielen“, hat Ceni einmal gesagt. Selbst für einen, der sie eigent­lich ver­hin­dern soll.