Seite 2: Eine wundersame Wüstenstory

Das Pro­dukt dieser Idee ist Leon Bailey. Zugleich das Güte­siegel, wes­halb der Trai­nings­platz über­füllt ist. Im rei­chen Viertel Arcadia leben weiße Men­schen mit dicken Gelän­de­wagen. Ihre Kinder spielen hier ebenso wie Aus­ge­wählte aus ärmeren Gegenden. Sie eifern Bailey nach, über den sie reden wie über einen großen Bruder. Auf einem kleinen Kunst­ra­sen­platz, weil die Aka­demie vom Ver­band geschasst werde und man des­halb keinen rich­tigen Trai­nings­platz erhalte, wie Butler sagt. Aber das wird sich bald lösen.“ Einige Kinder nimmt er abends mit nach Hause, seitdem der erste Junge an den Ärmeln seines weißen Trai­nings­an­zugs gezupft und gebet­telt hat. Sein Vater würde ihn zu Hause ver­prü­geln. Spring in den Jeep“, soll Butler gesagt haben. Der zweite Junge hatte seine Mutter an Krebs ver­loren. Spring in den Jeep.“ Am Ende saßen 23 Kinder in seinem Auto. Und wenn sie an roten Ampeln hielten, kaufte Butler Zucker­watte. Seine Frau ver­ließ ihn dar­aufhin. Hör auf den Kin­dern vor­zu­gau­keln, dass sie Fuß­ball­profis werden können. Lass sie zur Schule gehen und Banker werden!“ Eines dieser Kinder war Leon Bailey. In den Ver­eins­kneipen King­s­tons nennen sie den Namen des leib­li­chen Vaters: Bill. Sie seien mit ihm zur Schule gegangen. Doch was mit ihm geschehen ist, wissen sie nicht.

Butler ist nicht nur Wohl­täter, er ist zu dieser Zeit auch Visionär, sagt er. Er inves­tiert Geld in den jamai­ka­ni­schen Fuß­ball, ver­kauft sein Auto, um einen Trai­nings­platz her­zu­richten. Später glaubt er, von Offi­zi­ellen hin­ter­gangen worden zu sein, und zieht des­wegen vor Gericht. Dort wird ver­han­delt: Mister Butler gegen den jamai­ka­ni­schen Fuß­ball­ver­band“. Er gewinnt. Der Ver­band sperrt ihn kurz darauf für sechs Jahre. Bailey domi­niert der­weil den Jugend­fuß­ball, wird 2010 als wich­tigster Spieler der U13‑, U15- und U17-Meis­ter­schaften aus­ge­zeichnet.

Die Legende aus der Wüste

Aus dieser Zeit lassen sich Videos im Internet finden, die Bailey und Kyle Butler als kleine Kinder zeigen. Säu­ber­lich geschnitten, mit Pop­musik unter­legt. Bailey hält den Ball hoch, Butler trickst, Bailey schießt auf das Tor. Wer­be­vi­deos für Ver­eine in Europa. Ob es dort auf­fällt, dass die Gegen­spieler etwas zu thea­tra­lisch ins Leere grät­schen, wäh­rend Butler und Bailey an ihnen vor­bei­ziehen? Egal. Denn es funk­tio­niert. Zusammen mit Vater Craig und einem älteren Jungen, Kevaughn Atkinson, reisen sie 2011 zu viert nach Öster­reich. Stellen sich bei Red Bull Salz­burg vor, spielen in der Jugend des FC Lie­fe­ring, bre­chen alle Rekorde. Bailey soll 75 Tore in 16 Spielen geschossen haben. Und Kyle Butler? 99 Vor­lagen“, sagt sein Vater. Beein­dru­ckend, zumal die vier Jamai­kaner zu dieser Zeit mit­tellos sind. Sie lebten von der Hand in den Mund“, sagte Jugend­trainer Mike Ros­baud den Salz­burger Nach­richten“. Der gleiche Account, der ein Jahr zuvor die Videos der Talente hoch­ge­laden hatte, zeigt nun die Gruppe in Video­schnip­seln in Limou­sinen und den VIP-Logen euro­päi­scher Top­klubs. Dann wird der bel­gi­sche Erst­li­gist KRC Genk wegen Bailey vor­stellig – und Craig Butler ver­schwindet.

Wäh­rend die Bel­gier bemerken, dass dem 16-jäh­rigen Bailey eine Arbeits­er­laubnis fehlt, ist sein Adop­tiv­vater wie vom Erd­boden ver­schluckt. Es gibt Gerüchte um eine Ent­füh­rung. Keine Gerüchte“, sagt Butler heute. Und erzählt seine Ver­sion, die damit beginnt, dass er geschäft­lich für ein Elek­tronik­un­ter­nehmen in Mexiko war. Ein Zweitjob aus alten Tagen, er war im Anzug gekleidet und mit 10 000 Dollar im Koffer unter­wegs. Es war ein Fehler, man ent­führte mich.“ Doch die Familie hatte kein Geld, um das Löse­geld zu zahlen. Also sollte Butler in der Wüste Mexikos umge­bracht werden. Dann geschieht Unglaub­li­ches: Ich hatte den Lauf des Gewehres schon im Mund, da fallen die Pässe von Kyle und Leon heraus“, sagt Butler. Ich erzähle ihnen, dass diese Jungs Fuß­ball­profis werden könnten. Aber sie keine Chance hätten, wenn sie mich jetzt töten würden.“ Er zeigt eine win­zige Narbe auf seinem breiten Nasen­kno­chen. Schau, hier haben sie mich mit dem Gewehr­schaft geschlagen. Dann haben sie meine Knie zer­trüm­mert und gesagt: Wenn du deine Augen öff­nest, bist du ein toter Mann‘.“ Eine Stunde habe er gewartet, bevor er einen Blick wagte. Mitten in der mexi­ka­ni­schen Wüste, ohne Wasser, krab­belte er tage­lang auf gebro­chenen Knien, ehe er ein Dorf erreichte, wo sie ihn drei Monate pflegten. Ich bin fast gestorben“, sagt Butler mit erstickter Stimme.

Per Du mit den Bera­tern dieser Welt

Das ist seine Ver­sion, die er auch in Genk erzählte. In Bel­gien ist der Fall Bailey zum Arbeitsamt vor­ge­drungen, Butler flieht mit den Kin­dern in die Slo­wakei. Später, nachdem alle For­ma­li­täten geklärt sind, wech­selt Bailey 2016 doch noch zu Genk. Ein Jahr später holt ihn Lever­kusen. But­lers Inves­ti­tionen beginnen sich aus­zu­zahlen. Vor seinem Anwesen in King­ston stehen zwei Har­leys, drei Gelän­de­wagen der Marke Jeep, hinter dem Haus warten zwei Ter­rier im Zwinger auf ihren Herrn. Im Innern spielen Kinder und essen Zucker­watte. Stolz prä­sen­tiert Craig Butler eine Wand, an der Fotos hängen, auf denen er mit den mäch­tigen Män­nern der Fuß­ball­welt zu sehen ist: Jorge Mendes, Pini Zahavi, Rudi Völler, Dieter Hoeneß. Auf ein Foto mit Sting ist er beson­ders stolz. Die Wände seines Hauses sind sein pri­vates Museum. Die Tri­kots seiner Söhne, von Antoine Griez­mann und Cris­tiano Ronaldo hängen dort. Alte Zei­tungs­ar­tikel über den Man­ning Cup, ein Schul­tur­nier, das Craig Butler selbst gewann. Und in jedem Zimmer irgendein Foto seiner Söhne. Damit die anderen Kinder sehen, dass sie alles werden können. Ein kleiner Stich für die Moti­va­tion“, sagt Butler.

Wie hat Butler einen Star ent­wi­ckeln können? Was ist sein Kon­zept? Seine Phi­lo­so­phie? Er über­legt sehr lange. Ich hatte viele Trainer. Von jedem habe ich das Beste über­nommen.“ Aber das sei nicht so wichtig. Wichtig sei die Men­ta­lität. Und die Kinder müssen unter ihm das Schach­spielen lernen. Wenn er das erzählt, wirkt Butler wie ein Guru, der seine Lehren am Wühl­tisch zusam­men­ge­klaubt hat.