Seite 2: „Es ist eine Katastrophe“

Hatte ich zwar nicht, trotzdem ist die Frage der Hitze bei der WM 2022 gelöst worden, und zwar durch die Ver­le­gung in den Winter. Dass es anders gar nicht mög­lich war, sieht man ja gerade an der Leicht­ath­letik-WM in Doha. Obwohl die Wett­kämpfe im Herbst statt­finden, wird da ein ganzes Sta­dion her­un­ter­ge­kühlt, damit man über­haupt im Freien Sport treiben kann. Doch in man­chen Wett­be­werben – etwa Gehen oder Mara­thon – muss man das Sta­dion eben ver­lassen, was dazu führte, dass Ath­leten dort gleich rei­hen­weise kol­la­bierten. Wir können es alle sehen: Es ist eine Kata­strophe“, sagte der fran­zö­si­sche Zehn­kämpfer Kevin Mayer der Zei­tung L’Equipe“.

Es ist auch ein Vor­ge­schmack auf das, was den Fuß­ball in drei Jahren erwartet. Die Ver­le­gung in den Winter ist zwar für euro­päi­sche Fans eine große Umge­wöh­nung, aber mit der allein könnte man noch leben (und sie viel­leicht sogar als his­to­risch über­fäl­lige Geste gegen­über all jenen Län­dern betrachten, wo die tra­di­to­nelle Anset­zung von Welt­meis­ter­schaften mitten in die Saison fällt). Doch was Mayer und andere Beob­achter so scho­ckiert, ist nicht allein die Wit­te­rung. Es ist nie­mand auf den Tri­bünen,“ sagte Mayer. Das ist traurig. Hätte ich auf die Ver­nunft gehört, hätte ich diese WM wahr­schein­lich boy­kot­tiert.“

Bezahlter Sta­di­on­be­such

Im Sta­dion, das eigent­lich Platz für 40.000 Men­schen bietet, sind große Bereiche abge­hängt worden, aber nicht einmal die dadurch geschaf­fene Mini-Kapa­zität von 17.000 wird auch nur annä­hernd erreicht. Beim Finale der Frauen über 100 Meter waren nur 5000 Zuschauer anwe­send; den End­lauf der Männer sahen zwar etwa dop­pelt so viele, den­noch sprach die Bild“ von einem Geister-Rennen der Schande“. So ent­setzt sich auch viele Bericht­erstatter zeigten: Über­ra­schend kommt diese Apa­thie nicht. Schon bei der Hand­ball-WM 2015 in Katar wurden sechzig Fans aus Spa­nien ein­ge­flogen, um die Mann­schaft anzu­feuern. Nicht die spa­ni­sche, wohl­ge­merkt, son­dern die kata­ri­sche. 

Das ist ja krank“, sagte Schwe­dens Kapitän Tobias Karlsson, als er damals von den bezahlten Claqueren hörte. Nur wenige Monate später sorgte ein Bericht des Guar­dian“ für Auf­sehen, in dem es darum ging, dass Wan­der­ar­beiter aus Kenia und Indien 30 Riyals (etwa 7,30 Euro) dafür bekommen, dass sie die Spiele der Qatar Stars League besu­chen, damit die Sta­dien nicht so leer sind. Sonst sähe es in Katar ver­mut­lich so aus wie in der Liga der Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­rate, die im letzten Jahr einen Zuschau­er­schnitt von 418 hatte.