Flo­rian Kringe, die aktu­elle Aus­gabe von 11FREUNDE widmet sich den 50 här­testen und unfairsten Fuß­bal­lern aller Zeiten. Man kennt Sie als robusten Mit­tel­feld- und Abwehr­mann – hätten Sie das Zeug, in die Liste auf­ge­nommen zu werden?
Hart bin ich, aber unfair habe ich nie gespielt. Ich habe noch nie eine rote Karte bekommen, auch wenn ich durchaus ein Freund davon bin, dass man auf dem Platz auch mal richtig zupa­cken muss. Aber wenn ich die Namen vorne auf der 11FREUNDE-Titel­seite lese …
 
… dann kriegen Sie Angst?
… dann bin ich nicht unbe­dingt böse, dass man mich nicht mit ihnen in einem Atemzug nennt.
 
Ein FC St. Pauli-Spieler hat es immerhin auf Platz 19 geschafft: Dieter Schlind­wein, der in seiner Kar­riere vier Mal glatt Rot sah. Sie haben bis­lang nur einmal eine Gelb-Rote-Karte bekommen. Wussten sie immer, wann es zu brenzlig auf dem Platz wird?
Naja, die Gelb-rote-Karte gegen mich war ja eigent­lich auch ein Witz. Ich hatte oft sicher­lich auch ein­fach Glück. Man kommt in Situa­tionen, wo man auf dem Platz im Bruch­teil einer Sekunde Ent­schei­dungen treffen muss. Manchmal han­delt man richtig, manchmal nicht. Aber vor einem rich­tigen Platz­ver­weis war ich immer noch ein ganzes Stück weg.
 
Wer war der här­teste Gegen­spieler, gegen den Sie bis­lang gespielt haben?
(über­legt lange) Den här­testen Gegen­spieler hatte ich im eigenen Team. Als ich damals bei den Profis ange­fangen habe, waren noch so Jungs wie Jürgen Kohler dabei, der dann im Trai­ning auch mal richtig zuge­langt hat. In Köln haben wir gern Moses Sichone geär­gert und gerufen: Jetzt packt er die Afrika-Cup-Grät­sche aus. Ohne Rück­sicht auf Ver­luste!“ Andrew Sinkala war auch so ein Kan­didat, aber unfair haben beide trotzdem nie gespielt. Richtig eklige Typen, die vor­sätz­lich ihre Gegner foulen wollten, habe ich zum Glück nicht ken­nen­ge­lernt.
 
Muss man ein harter Typ sein, um im Profi-Alltag bestehen zu können?
Man muss nicht unbe­dingt ein harter Typ sein, aber zu sen­sibel auch nicht. Jeder Spieler ist ultra­glä­sern heut­zu­tage, alles wird auf­ge­deckt. Eigent­lich gibt es in den Medien auch keine nor­male Leis­tungs­be­schrei­bung mehr. Ent­weder ist man über alle Maßen toll oder grot­ten­schlecht. Dazwi­schen gibt es nicht so viel. Wenn man nicht gut mit Kritik umgehen kann, dann hat man ein Pro­blem. Des­halb muss man alles ver­nünftig ein­sor­tieren: Sowohl die Zeiten, wenn man hoch gelobt wird, als auch die Zeiten, wenn mal was Schlechtes in der Zei­tung steht. Ein harter Typ muss man nicht sein, aber man sollte sich durch­setzen können und von den Ell­bogen Gebrauch machen können. Es gibt in der Jugend sehr viele gute Fuß­baller, die aber ver­gessen, dass man sich durch­setzen muss.
 
Die Titel­zeile der aktu­ellen Aus­gabe von 11FREUNDE lautet Hart, aber unfair“. Wie oft haben Sie das­selbe über Ihre Kar­riere gedacht?
Nicht oft. Ich hatte ins­ge­samt auch viel Glück in meiner Kar­riere. Natür­lich gibt es Spieler, die zehn bis 15 Jahre kom­plett ver­let­zungs­frei bleiben und noch mehr Glück haben. Aber ich sehe das so: Ich hatte bisher eine gute Kar­riere und will noch weiter Spaß am Fuß­ball haben und erfolg­reich sein.
 
Sie haben ins­ge­samt 15 Jahre beim BVB gespielt und wurden zwi­schen­durch zum 1. FC Köln und zu Hertha BSC aus­ge­liehen. Gleich zweimal haben Sie sich dabei den Mit­telfuß gebro­chen. Wie oft haben Sie Ihren Körper ver­flucht?
Vor meinem ersten Mit­tel­fuß­bruch war ich zehn Jahre lang nicht ver­letzt. Ich hatte nie etwas. Weder große noch kleine Bles­suren. Ich habe auch so gut wie nie auch nur eine Trai­nings­ein­heit ver­passt. Das ist schon absolut außer­ge­wöhn­lich. Meine Kol­legen hatten schon über mich gewit­zelt, dass ich unka­puttbar bin. Aber dann ging es los: Über zwei Jahre hatte ich richtig Pech. Der zweite Fuß­bruch war natür­lich extrem unglück­lich, weil der Kno­chen an genau der glei­chen Stelle brach und ich noch länger brauchte, um wieder gesund zu werden. Bei dem ein oder anderen Kon­troll­termin beim Arzt bin ich dann auch mal unge­duldig geworden. Fuß­baller ist ja nicht nur ein Beruf für mich, son­dern in erster Linie Lei­den­schaft. Wenn man täg­lich im Reha-Zen­trum statt auf dem Trai­nings­platz steht, dann muss man aber geduldig sein.
 
Man kennt die Bilder von Spie­lern im Schwimm­be­cken, im Kraft­raum oder beim Arzt, um wieder fit zu werden. Was haben Sie in den Stunden davor und danach gemacht?
Mich mit meiner Familie oder meiner Freundin getroffen. Das nor­male Leben geht ja zum Glück weiter und man wird nicht aus seinem sozialen Umfeld her­aus­ge­rissen, nur weil man krank ist. Schwierig wird es, wenn man zum Spiel ins Sta­dion kommt, die Leute fragen und man die Geschichte wieder und wieder erzählen muss. Klar, das ist immer nett gemeint, aber mental war das eine neue Erfah­rung für mich, weil ich davor so lange ver­let­zungs­frei war.
 
Nach Ihrer zweiten Rück­kehr zum BVB kamen Sie ab 2010 nur noch in der zweiten Mann­schaft zum Ein­satz. Wie fühlt man sich als Spieler auf dem Abstell­gleis?
Ich habe mich trotzdem immer als Teil der Mann­schaft gesehen. Über­ra­schend war die Situa­tion ja nicht, denn ich habe mich vorher schon aus­leihen lassen, da die Umstände für mich vorher ungünstig waren.
 
Wie meinen Sie das?
Mir wurde im Vor­feld mit­ge­teilt, dass der Verein ver­stärkt auf jün­gere Spieler setzen wolle. Und ich hatte das Pech, dass zeit­gleich zu meinem per­sön­li­chen Unglück der BVB richtig Fahrt auf­ge­nommen hat. Wenn man dann ver­letzt zu einem Verein zurück­kommt, wird es natür­lich schwer, aber mir war schon klar, dass ich mich erstmal hinten anstellen muss.
 
Am vor­letzten Spieltag der letzten Saison kamen Sie beim 5:2 gegen Kai­sers­lau­tern in der 77. Minute für Mario Götze ins Spiel. Ihr erster Bun­des­li­ga­ein­satz nach zwei Jahren Durstrecke. Ein Freund­schafts­be­weis von Trainer Jürgen Klopp?
Ich war super­glück­lich, dass ich mich auch noch mal auf dem Platz von den Leuten ver­ab­schieden konnte. Im Grunde war es ja so, dass die Fans mich ein­ge­wech­selt haben, als sie die ganze Zeit vorher meinen Namen riefen. Das ist für einen Spieler natür­lich eine Sen­sa­tion. Gerade wenn man auch mal bit­tere Zeiten durch­ge­macht hat und man die Unter­stüt­zung von den Fans bekommt, dann schweißt einen das viel­leicht noch stärker zusammen, als wenn man erfolg­reich ist. Natür­lich hätte ich gerne mehr zu den beiden Meis­ter­schaften bei­getragen, aber in dem Moment war ich ein­fach nur glück­lich noch einmal spielen zu können. Ich hatte Gän­se­haut. 

 
Der BVB spielt eine über­ra­gende Cham­pions-League-Saison und gehört nach Siegen gegen Real Madrid und Man­chester City plötz­lich zum Favo­ri­ten­kreis. Können Sie diese Erfolge genießen oder über­wiegt der Gedanke, dass Sie gerne noch Teil der Mann­schaft wären?
Es ist okay für mich, dass ich nicht mehr dabei bin. Ich freue mich ein­fach für die Jungs und beob­achte die tolle Ent­wick­lung, die der BVB macht. Klar, ein Spieler will immer spielen, aber in meinen Augen war Miss­gunst immer völ­liger Schwach­sinn.
 
Sie erleben beim FC St. Pauli seit Ihrem Wechsel im ver­gan­genen Sommer so etwas wie Ihren zweiten Früh­ling. In der Hin­runde gelangen Ihnen in 14 Spielen vier Tor­vor­lagen. In der Saison 2004/2005 glänzten Sie mit ins­ge­samt acht Assists. Toppen Sie diese Zahl noch dieses Jahr?
Ich bemühe mich! Scorer-Punkte sind etwas Schönes, und auch ein Tor würde ich auch gerne mal wieder schießen. Aber leider haben wir in der Hin­runde gene­rell viel zu wenig Tore geschossen. Die Dinger rein­zu­ma­chen hat was mit Ent­schlos­sen­heit und Selbst­ver­trauen zu tun. Das kannst du schwer trai­nieren.
 
Haben Sie in dem halben Jahr seitdem Sie in Ham­burg sind schon her­aus­ge­funden, was den Mythos BVB vom Mythos FC St. Pauli unter­scheidet?
Die Begeis­te­rungs­fä­hig­keit der Fans ist bei beiden Klubs sehr ähn­lich. In Dort­mund hast natür­lich noch mal andere Massen und einen anderen Hin­ter­grund, was die Fan­kultur angeht. Ich habe in Ham­burg das Glück, das wie beim BVB auch hier eine sen­sa­tio­nelle Stim­mung herrscht, die einen als Spieler natür­lich pusht. Mit der neuen Gegen­ge­rade haben wir jetzt ein richtig schmu­ckes Sta­dion mitten in der Stadt.
 
Sie sind in Ihrer Kar­riere zweimal zum BVB zurück­ge­kehrt. Wird es ein drittes Mal geben?
Man weiß nie was pas­siert, aber ich habe über­haupt keine Ahnung, in welche Rich­tung ich nach der Kar­riere gehen will. Der BVB und ich sind im Guten aus­ein­ander gegangen, aber momentan kon­zen­triere ich mich nur auf St. Pauli.
 
Flo­rian Kringe, wenn in ein paar Jahren Ihre Bio­grafie erscheinen sollte, wie würde der Titel lauten?
Puh. Dar­über habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.

(Pres­se­chef Chris­tian Bönig ruft rüber: Ich lach’ mich krin­gelig“?)

Nee, ich glaub’ eher nicht.