Exzel­lente Stürmer besitzen die Gabe, bestimmte Situa­tionen im Voraus zu erahnen. Sie erkennen Lücken, die sich erst noch auftun, und sie sind schon hin­durch­ge­schlüpft, wenn ihre Gegner noch um Ori­en­tie­rung ringen. Miroslav Klose ist ein exzel­lenter Stürmer. Das hat er auch in der Vor­be­rei­tung auf die Euro­pa­meis­ter­schaft bewiesen, als die Natio­nal­mann­schaft zu einem Medi­entag in ihr Hotel geladen hatte. Die Ver­an­stal­tung neigte sich dem Ende zu, die meisten Fragen waren gestellt, da rief Harald Stenger, der Pres­se­chef der Natio­nal­mann­schaft, durch den Saal: Braucht noch jemand den Poldi?“ Nie­mand ant­wor­tete, Lukas Podolski trot­tete Rich­tung Aus­gang.

Braucht noch jemand den Miro?“, fragte Stenger. Nein!“, rief Klose. Noch bevor jemand wider­spre­chen konnte, war er auf­ge­sprungen, hatte sich umge­dreht und war ver­schwunden.

In sol­chen Momenten ist in Klose immer noch der scheue Miro aus den Anfängen seiner Kar­riere zu erkennen. Vor elf Jahren hat er in der Natio­nalelf debü­tiert, Wörns und Hamann hießen damals seine Mit­spieler, den Team­chef nannte Klose ehr­fürchtig Herr Völler“ und den Kol­legen Oliver Kahn siezte er. Wenn Klose heute über diese Zeit erzählt, klingt bei ihm eine gewisse Distanz zu sich selbst heraus – als spräche er über eine andere Person, mit der er nicht viel zu tun hat. Früher war ich voll­blind“, hat er Anfang dieser Woche gesagt. Ich glaube nicht, dass ich etwas vom jungen Klose haben will.“

Wenn die Natio­nalelf am Samstag gegen Por­tugal in die EM startet, ist das für Klose ein in dop­pelter Hin­sicht beson­deres Spiel. Zum einen ist sein Geburts­land Polen Mit-Aus­richter des Tur­niers, zum anderen hat Klose am 9. Juni Geburtstag. Dass er selbst mit 34 noch beste Chancen hat, in der Startelf zu stehen, sagt viel über seine Qua­li­täten: über den Eifer und Durch­hal­te­willen, vor allem aber über seine fuß­bal­le­ri­sche Klasse, die im Alter noch deut­lich zuge­nommen hat.

Klose ist jetzt selbst eine spie­lende Legende. An Län­der­spielen wird er nur von Lothar Mat­thäus über­troffen, und zu Gerd Mül­lers ver­meint­li­chem Tor­re­kord für die Ewig­keit fehlen ihm ganze fünf Treffer. Nicht schlecht für einen, der mit 20 noch für die SG Blau­bach-Diedel­kopf in der Bezirks­liga gespielt hat. Zu Beginn seiner Kar­riere gab es kaum ein Por­trät, in dem Kloses Hei­mat­verein aus der Pfalz nicht erwähnt wurde. Der Klub mit dem lus­tigen Namen war so etwas wie das Syn­onym für die Pro­vinz, aus der er auf­ge­bro­chen ist. Klose hat sie längst hinter sich gelassen, geo­gra­fisch und fuß­bal­le­risch. Klose ist ein Spieler einer höheren Kate­gorie“, hat die Gazetta dello Sport“ über den Stürmer von Lazio Rom geschrieben. Jeder seiner Schritte ist intel­li­gent.“

Im deut­schen EM-Kader ist Klose der ein­zige Spieler, der noch in den Sieb­zi­gern geboren wurde. Er stammt aus einer anderen Zeit als all die Absol­venten der Nach­wuchs­aka­de­mien, mit denen er jetzt für Deutsch­land spielt. Und trotzdem passt Klose bes­tens in die neue Natio­nal­mann­schaft. Er wirkt ja wie ein 25-Jäh­riger“, sagt Bun­des­trainer Joa­chim Löw. Er ist schnell. Er ist beweg­lich. Er ist fuß­bal­le­risch stark.“ Die Anhäng­lich­keit, die Löw dem Stürmer seit Jahren ent­ge­gen­bringt, ist nicht immer auf Ver­ständnis gestoßen. Doch sie hat fach­liche Gründe. Offen­sive, Domi­nanz und Fle­xi­bi­lität will Löw von seinem Team sehen. Genau dafür steht Klose. Er ist der per­fekte Löw-Spieler.

Der frü­here Kopf­ball­spe­zia­list und Voll­stre­cker hat über­haupt keine Pro­bleme, sich ins Kom­bi­na­ti­ons­spiel der Natio­nalelf ein­zu­finden. Ich ent­wickle mich jedes Jahr weiter, weil ich von jedem Trainer etwas mit­nehme“, sagt er. Ich ver­suche, mein Spiel variabel zu gestalten, weil man so für die Abwehr­spieler weniger greifbar ist. Jedes Jahr soll es einen etwas anderen Klose geben.“ Es waren viele kleine Ver­än­de­rungen, doch wenn man das Ergebnis vom Ende her betrachtet, stellt man fest, dass Klose schlei­chend zu einem anderen Stürmer geworden ist.

In den Tagen vor der EM macht der Natio­nal­spieler trotz einiger alters­ty­pi­scher Zip­per­lein einen sehr ent­spannten Ein­druck. Er weiß, was er kann; und er weiß, dass seine Qua­lität geschätzt wird. Er ist für unser Kom­bi­na­ti­ons­spiel sehr wichtig“, hat Löws Assis­tent Hans-Dieter Flick erst am Freitag wieder betont. Aber auch Kloses Kon­kur­rent Mario Gomez, 26, hat als bester deut­scher Tor­schütze der Bun­des­liga gute Argu­mente auf seiner Seite. Hut ab vor Mario“, sagt Klose. Er hat sehr gut gespielt, sehr viele Tore geschossen.“

Doch der Münchner ist eher ein Voll­stre­cker, der von seinen Kol­legen bedient werden muss, damit er ent­schei­denden Wert für die Mann­schaft besitzt. Das Bemühen, sein Spiel den Anfor­de­rungen der Natio­nalelf anzu­passen, ist Gomez durchaus anzu­merken. Aber ihm fehlt außer­halb des Straf­raums die Leich­tig­keit, die Klose aus­zeichnet. Trotzdem hat Flick die Frage, wer gegen Por­tugal im Sturm spielen wird, als wirk­lich ganz eng“ bezeichnet. Klose gilt vielen immer noch als bes­sere Wahl. Ihn selbst beein­druckt das nur in Maßen: Was viele sagen, hat mich noch nie inter­es­siert.“