Seite 5: „Anderthalb Sekunden: nur du und das Tor“

Waren Sie ein ego­is­ti­scher Stürmer?

Ich war ein Team­player und habe mich sehr für andere gefreut. Bei dem 5:1 gegen Kai­sers­lau­tern waren die anderen Tore min­des­tens ebenso toll wie meines. Schauen Sie sich mal die Bude von Marco Geb­hardt an. Gän­se­haut! Aber ich gebe zu: Stürmer sind immer etwas ego­is­tisch. Wenn ich bei einem 3:4 alle drei Tore gemacht hätte, wäre ich zwar traurig über die Nie­der­lage gewesen, aber ins­ge­heim hätte ich gedacht: Ein tolles Spiel für mich.

Thomas Brdaric sagte mal, ihm sei ein 4:4 mit vier Brdaric-Toren lieber als ein Sieg ohne eigenes Tor.

Das meine ich. Der Satz klingt nicht poli­tisch kor­rekt. Aber viele Stürmer ticken so.

Warum wollten Sie eigent­lich Stürmer werden?

Als Kind habe ich Spieler wie Gary Lineker oder Mario Kempes bewun­dert. Lineker fas­zi­nierte mich, weil er so viele Tore machte, egal wo: Für Lei­cester, Everton, Bar­ce­lona oder in der Natio­nalelf. Ich fragte mich oft: Was macht der Mann anders? Und vor allem: Warum steht er so häufig alleine vor dem Tor­wart, wenn er abschließt? Also schaute ich genauer hin. Ich beob­ach­tete seine Bewe­gungen vor den Toren, seine Lau­er­stel­lung bei Ecken, wie er sich bei Kon­tern frei schlich.

Und bei Kempes?

Da schaute ich mir bei der WM 1978 den Jubel ab.

Nach dem zweiten Tor im Finale gegen Hol­land rannte er im Kon­fet­ti­regen hinter das Tor. Schwierig zu imi­tieren.

Dar­über dachte ich nicht nach. Wenn ich damals für meine Jugend­mann­schaft traf, machte ich es genauso. Es gab natür­lich keinen Kon­fet­ti­regen, und anstatt der tau­senden schrei­enden Fans emp­fing mich ein angren­zendes Wald­stück, dem ich zuju­belte. (Lacht.) Zu Kempes fällt mir übri­gens eine wei­tere schöne Geschichte ein.

Erzählen Sie!

Vor der WM 1978 gab ich mein ganzes Taschen­geld für Fuß­ball-Sam­mel­karten aus. Im Gegen­satz zu Panini gab es bei dieser Kol­lek­tion kein Album, wes­halb man nie so recht wusste, wer noch fehlte. Bald glaubte ich, alle Karten zusammen zu haben – außer die von Mario Kempes. Ich suchte halb Åle­sund (Hei­mat­stadt von Fjör­toft, d. Red.) nach dieser Karte ab. Ohne Erfolg. Später fand ich heraus, dass es sie nie gegeben hat, denn Kempes wurde erst wenige Tage vor WM-Beginn nach­no­mi­niert. Elf Jahre später, 1989, unter­schrieb ich meinen ersten Pro­fi­ver­trag im Aus­land, bei Rapid Wien. Ich wusste nahezu nichts über die öster­rei­chi­sche Liga, und bei Rapid kannte ich gerade mal den Trainer Hans Krankl. Das erste Spiel fand gegen St. Pölten statt. Eine Mann­schaft, von der ich noch nie zuvor gehört hatte. Kurz vor dem Anpfiff stehen wir im Spie­ler­tunnel, ich mache mich ein biss­chen warm, dehne mich nach rechts und dann nach links und wieder nach rechts … Und, Moment mal: Den Typen kenne ich doch! Aus dem Fern­sehen, von der Karte, die es nie gegeben hat.

Kempes stand neben Ihnen?

Ich war per­plex. Nie­mand hatte mir gesagt, dass er mitt­ler­weile für St. Pölten spielte.

Und Sie konnten vor Ner­vo­sität nicht spielen?

Im Gegen­teil. Diese bei­nahe mys­ti­sche Erfah­rung hat mich beflü­gelt. Wir gewannen 3:0, und ich schoss mein erstes Tor außer­halb von Nor­wegen.

Stimmt es eigent­lich, dass Sie Ihre Kar­riere in Eng­land beenden wollten?

Eines der ersten Fuß­ball­spiele, das ich im Fern­sehen gesehen habe, war das Lan­des­meister-Finale 1975 zwi­schen Leeds und Bayern. Seither war ich Fan von beiden Klubs und hegte einen Traum: Ich wollte in Deutsch­land und in Eng­land spielen. Mit Eng­land klappte es bei Swindon Town und Midd­les­brough. Als ich 30 war, spielte ich für Shef­field und Barnsley, und eines Tages sagte ich zu meiner Frau: Lass uns hier ein Haus kaufen. Wir gehen nicht mehr weg.

Im Fuß­ball kann alles pas­sieren.

Eine Phrase, in der viel Wahres steckt. Ich wäre bei­nahe nie in Frank­furt gelandet – und hätte dem­nach nie dieses Tor gemacht. Aber dann kam der Anruf, die Ein­tracht wollte mich unbe­dingt. Wenige Tage später saß ich vor Trainer Horst Ehr­mann­traut, der mich fragte: Was für ein Spie­lertyp sind Sie eigent­lich?“

Sie ant­wor­teten: Ein Welt­klas­se­stürmer.“

Ich war recht irri­tiert, dass der Trainer nichts über mich wusste, denn es hieß, dass die Ein­tracht mich seit Monaten beob­achtet hatte.

Jan-Aage Fjör­toft, was ist das Schönste am Tore­schießen?

Viele Stürmer würden sagen: Das Tor selbst. Dieser Moment, wenn das Sta­dion explo­diert. Natür­lich ist das toll. Für die Fuß­ball­be­geis­te­rung habe ich eng­li­schen und deut­schen Fuß­ball immer geliebt. Mein erstes Bun­des­li­ga­spiel fand in Dort­mund statt, 60 000 Zuschauer singen You’ll Never Walk Alone“. Ich habe fast geweint. Trotzdem: Wenn ich etwas ver­misse, ist es der Augen­blick vor dem Tor.

Wie meinen Sie das?

Es gibt etwa andert­halb Sekunden, in denen der Schütze mit seinem Tor ganz alleine ist. Dieser Moment, wenn der Ball den Fuß ver­lässt, und du weißt: Der geht rein. Als Ein­ziger im Sta­dion. Als ein­ziger von 60 000 Men­schen. Andert­halb Sekunden: nur du und das Tor!