Seite 2: „Wir waren quasi abgestiegen“

Sie haben in Öster­reich, Eng­land und Deutsch­land gespielt. Dazu kommen 71 Län­der­spiele für die nor­we­gi­sche Natio­nal­mann­schaft. Trotzdem werden Sie oft auf das Tor gegen Kai­sers­lau­tern redu­ziert. Stört Sie das eigent­lich?

Einmal im Jahr, wenn die Saison zu Ende geht, rufen mich deut­sche Jour­na­listen an, damit ich erkläre, wie man einen Abstieg ver­hin­dert. Mich nervt das nicht, es macht mich eher stolz. Ich habe zwar keine großen Titel gewonnen, bin aber durch dieses Tor ein kleiner Teil der Bun­des­li­ga­his­torie. Ich ver­danke dem Tor einiges.

Zum Bei­spiel?

Wenn ich es am dritten Spieltag gemacht hätte, wäre es zwar ein schönes Tor gewesen, aber weniger bedeu­tend. Ich hätte später nicht meh­rere Jahre für Sky gear­beitet, an der Seite einer Legende wie Lothar Mat­thäus. Dem habe ich neu­lich mal meine Sta­tistik gezeigt: Er wollte mir näm­lich par­tout nicht glauben, dass ich in meiner gesamten Kar­riere in allen Wett­be­werben über 300 Tore erzielt habe.

Ver­mut­lich konnte er sich auch nur an das Tor gegen Kai­sers­lau­tern erin­nern.

Mag sein. Dabei war die Partie gegen Kai­sers­lau­tern nur der Höhe­punkt einer kuriosen Saison. Erin­nern Sie sich an mein Tor gegen Bochum?

Nein.

Rein­hold Fanz war damals Trainer. Er war kein Fan von mir. Beim Spiel gegen den VfL im April 1999 ließ er mich wieder auf der Bank schmoren. Und als sich Chen Yang nach neun Minuten ver­letzte, brachte er Stefan Zinnow. Ein guter Junge, ein guter Spieler, aber er war gerade mal zwölf Jahre alt. (Lacht.) Na gut, viel­leicht 19. Ich war ziem­lich ange­fressen. In der 60. Minute reichte es mir. Ich lief vom Auf­wärmen hin­term Tor zurück zur Außen­linie und stellte mich neben Fanz. Dann zog ich mein Trai­nings­leib­chen aus und ver­band meine Schien­bein­schoner.

Wie reagierte Fanz?

Er sah mich recht spät – die Fans skan­dierten da bereits meinen Namen – und fiel vor Schreck fast um. Er hatte keine Wahl: Er musste mich ein­wech­seln. Ein paar Minuten später schoss ich den 1:0‑Siegtreffer. Ich bin ver­mut­lich der ein­zige Fuß­baller, der sich je selbst ein­ge­wech­selt hat.

Günter Netzer wech­selte sich 1973 beim Pokal­fi­nale gegen Köln selbst ein – und schoss eben­falls den Sieg­treffer.

Echt? Die Geschichte kannte ich nicht. Aber gut: Mit Günter Netzer in einer Reihe stehe ich gerne.

Trotz Ihres Tores: Gab es nach dem Spiel keinen Ein­lauf von Fanz?

Oh ja. Vor­nehm­lich aber wegen eines Inter­views, das ich im Anschluss gab. Einem Reporter sagte ich, Fanz solle lieber in der Leicht­ath­letik-Sparte arbeiten. Ich wurde zum Prä­si­denten beor­dert und wäre bei­nahe raus­ge­flogen. Glück­li­cher­weise setzte sich Gernot Rohr (damals tech­ni­scher Leiter bei Frank­furt, d. Red.) für mich ein. Kein Pro­blem, Jan, das kriegen wir hin“, sagte er mit seinem fran­zö­si­schen Akzent. Am Ende zahlte ich 3000 Mark an die Koso­vo­hilfe.

Danach folgten sechs Spiele ohne Sieg.

Wir waren quasi abge­stiegen. Aber dann legten wir eine furiose Serie hin. Wir gewannen gegen Bremen, Schalke und Dort­mund. Vor allem das Spiel in Gel­sen­kir­chen war irre. Wir lagen schnell 0:2 hinten und spielten kata­stro­phal. Trotzdem sagte Berger in der Pause: Das dreht ihr noch!“ Und tat­säch­lich: Wir gewannen 3:2. Das alles erin­nerte mich später an einen Satz von Alex Fer­guson: Wenn ein Tor­jäger ein paar Spiele nicht trifft, denkt er: Er wird nie wieder ein Tor machen.“ Für uns galt damals genau das Gegen­teil: Irgend­wann glaubten wir, dass wir nie wieder ver­lieren werden.