Seite 3: „Die Fanpost ist meistens an Ötschi adressiert“

Ab 1973 über­nahm Dr. Peter Krohn die Geschicke beim HSV. Er führte Show­trai­nings ein, bei denen Mike Krüger den Lini­en­richter machte und ließ die Spieler auf Ele­fanten ein­reiten. Wie kamen Sie mit ihm zurecht?
Ich habe nie ein Pro­blem mit ihm gehabt.

Ach, kommen Sie…
Nein, wirk­lich. Einmal hat er mir sogar eine Reise in die Türkei spen­diert, weil mein Nach­folger, Rudi Kargus, dort sein erstes Län­der­spiel machte. Krohn sah das als mein Ver­dienst, denn ich hatte in den Jahren zuvor viel mit Kargus trai­niert und ihn an die Mann­schaft her­an­ge­führt. Kargus blieb ohne Gegentor – Deutsch­land gewann 5:0.

Aber Sie wissen, dass einige Spieler nicht mit Krohn zurecht­kamen.
Klar, er trat sehr domi­nant auf und manchmal auch über­heb­lich, doch er ver­stand was von Mar­ke­ting und PR. Kuno Klötzer (HSV-Trainer von 1973 bis 1977, d. Red.) wurde es irgend­wann zu viel, denn Krohn stand oft in der Kabine und dik­tierte die Mann­schafts­auf­stel­lung. Irgend­wann mussten wir sogar in rosa Tri­kots spielen. Er dachte, so würden mehr Frauen ins Sta­dion kommen.

Waren Sie da froh, dass Sie Ihr Tor­wart­trikot selbst wählen konnten?
(lacht) Nein, ich war damals schon Co-Trainer von Klötzer. Aber die Spieler fanden es nicht gerade toll.

Auf Klötzer folgte Rudi Guten­dorf, der weder bei den Spie­lern noch bei Krohn gut gelitten war. Und auch mit Ihnen gab es Streit.
Rudi glaubte, ich hätte mich mit den Spie­lern gegen ihn ver­schworen und wäre mit­ver­ant­wort­lich für seinen Raus­wurf. Das war totaler Quatsch. Er behaup­tete außerdem, dass ich kein Mit­glied im Deut­schen Trainer-Bund sei. Es gab einen Rechts­streit, aber das ist alles lange her. Wir haben die Sache aus der Welt geräumt, und ich habe Rudi viele Male wie­der­ge­troffen – in aller Freund­schaft.

Herr Arkoc, Sie klingen sehr milde.
Ist das so?

In einem Inter­view haben Sie mal gesagt: Wenn ich fluche, dann nur auf Tür­kisch oder Ita­lie­nisch.“
Ich habe selten geflucht. Ich habe immer daran geglaubt, dass die Spieler immer alles geben wollten. Fuß­ball ist eben viel Tages­form, viel Glück, viel Pech.

Kurz nachdem Sie 1977 die HSV-Mann­schaft als Chef­coach über­nommen hatten, war häufig zu lesen, Sie seien zu weich gewesen, um ein Star­ensemble zu trai­nieren. Was glauben Sie: Brauchte der HSV 1977/78 eine harte Hand?
Einmal befahl Prä­si­dent Paul Ben­t­hien sogar Günter Netzer als Berater in die Kabine. Doch was hätte ich tun sollen? Mich ver­stellen? Ich bin nun mal wie ich bin. Ich hätte gerne ein biss­chen mehr Zeit gehabt, doch nach einem Jahr war Schluss, auch weil der HSV keinen Erfolg hatte.

Immerhin wurde er 1976 Vize­meister und gewann 1977 gegen den RSC Ander­lecht den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger.
Mit mir als Co-Trainer und meinem Chef Kuno Klötzer, der danach ent­lassen wurde. Der HSV war erfolg­reich, aber man wollte mehr. Man wollte den großen Rummel. Letzt­end­lich kann man den Klub für meine oder Klöt­zers Ent­las­sungen nicht kri­ti­sieren, denn er hat in den Fol­ge­jahren die Bun­des­liga domi­niert und reifte zur euro­päi­schen Spit­zen­mann­schaft.

Haben Sie damals schon geahnt, dass der HSV am Vor­abend einer großen Ära steht?
Kevin Keegan war damals schon eine Aus­nah­me­erschei­nung. Einer, der besessen war, der immer mehr wollte als seine Mit­spieler. Doch auch den anderen – Felix Magath oder Man­fred Kaltz – habe ich große Kar­rieren zuge­traut. Einmal belauschte ich ein Gespräch zwi­schen Manni und einem Mit­spieler. Manni sagte: Ich wette mit dir, dass ich ein Län­der­spiel mehr machen werde als du!“ Der Mit­spieler wet­tete dagegen. Manni behielt Recht.

Wieso haben Sie danach nie als Trainer bei einem höher­klas­sigen Verein Fuß fassen können?
Ich war in Deutsch­land noch bei Wormatia Worms und Hol­stein Kiel, schließ­lich in der Türkei bei Kocae­lispor. Wir wurden 1983/84 Achter in der Süper Lig, ein beacht­li­ches Ergebnis, doch für die Prä­si­denten zählten nur Titel. Ich hätte gerne als Trainer wei­ter­ge­ar­beitet, doch es hat nicht geklappt, weil ich Hüft­pro­bleme hatte und dachte, es gehöre zu einem Trainer, die Übungen selbst vor­zu­ma­chen. Also habe ich mich mit einem Kurier­dienst selb­ständig gemacht. Mit dem Auto habe ich Unter­lagen von A nach B gebracht. Das habe ich bis zu meinem 71. Lebens­jahr gemacht, denn es hat mir Freude bereitet.

Den Fuß­ball haben Sie nie ver­misst?
Das Fuß­ball­ge­schäft war mir und meiner Frau oft­mals viel zu schnell. Als ich etwa in Kiel Trainer war, pen­delte ich die ersten Monate. Irgend­wann sagte der Klub, dass er eine Woh­nung für uns gefunden hätte. Wir haben die Umzugs­kar­tons gepackt und sind los­ge­fahren. Ein paar Tage später war ich ent­lassen. Der Fuß­ball hat mich den­noch nie ganz los­ge­lassen, ich bin bei jedem HSV-Heim­spiel, und circa einmal die Woche bekomme ich sogar noch Fan­post.

Adres­siert an Arkoc Özcan?
Wieso fragen Sie?

In Zei­tungs­ar­ti­keln aus den sech­ziger Jahren ist immer von Arkoc Özcan die Rede. Dabei ist Özcan doch Ihr Vor­name.
(lacht) Der Fehler nahm seinen Anfang an meinem ersten Tag bei Aus­tria Wien. Damals fragte mich jemand nach meinem Namen, und ich sagte, ich heiße Özcan – in meinem Hei­mat­dorf in der Türkei war es näm­lich üblich, dass man sich mit Vor­namen vor­stellt. Bei Aus­tria nahm man aber an, dass dies mein Nach­name sei. So hieß ich außer­halb der Türkei über Jahr­zehnte Arkoc Özcan. Genervt hat es mich nie – und die Fan­post ist meis­tens eh an Ötschi“ adres­siert.