Seite 2: „Es gab Forelle Blau, köstlich“

Bes­iktas wollte Sie ursprüng­lich gar nicht ziehen lassen. Es soll richtig Ärger gegeben haben. Was war der Grund?
Sie drohten, mich bei der Uefa anzu­schwärzen, wenn ich nach Wien wech­seln würde. Ich ant­wor­tete: Mir egal, dann pau­siere ich ein Jahr und arbeite irgendwo.“ Schließ­lich gaben sie klein bei, aller­dings nicht ohne einen Ver­trag auf­zu­setzen, in dem sie sich zusi­chern ließen, dass ich, falls ich in die Türkei zurück­kehre, nur bei Bes­iktas spielen dürfte.

Und Sie stimmten zu?
Im Wissen, dass ich eh nie wie­der­kommen würde.

Es hätte in West­eu­ropa auch schief­gehen können.
Dar­über dachte ich nicht nach, denn ich war sehr ehr­geizig.

Sie bekamen keinen Kul­tur­schock?
Öster­reich erschien sehr weit weg. Aus dem Zug sah ich auf die ber­gigen Land­schaften. Dann die Blicke der Men­schen, von denen viele noch nie einen Türken gesehen hatten. Viele spra­chen mit mir wie mit einem Klein­kind. Den­noch: Heimweh hatte ich nie. Tat­säch­lich habe ich meine Urlaube nur in den ersten vier Jahren in der Türkei ver­bracht. Seitdem war ich sehr selten dort.

Das alles ist über 50 Jahre her, und Sie erin­nern sich an die Daten, als sei es ges­tern gewesen. Woran liegt das?
Ich habe alles abge­heftet in Ord­nern. Ich archi­viere gerne Dinge (zeigt auf zwei Leitz-Ordner, auf denen HSV und Aus­tria Wien stehen).

Hängt das mit Ihrer Liebe zum geschrie­benen Wort zusammen?
Viel­leicht. Als ich zum HSV wech­selte, arbei­tete ich als Teil­zeit-Jour­na­list. Aus Ham­burg schrieb ich einmal die Woche für die Mil­liyet“. Die Türken fanden das sehr inter­es­sant, schließ­lich war der Fuß­ball in Deutsch­land eine andere Welt für sie.

Warum haben Sie über­haupt geschrieben? Reichte das Geld, das Sie mit Fuß­ball ver­dienten, nicht zum Leben?
Das Schreiben war ein Hobby. Meine Mit­spieler rieten mir aber, etwas Boden­stän­diges auf­zu­bauen, also eröff­nete ich 1970 eine Gast­stätte.

Nach dem Vor­bild von Günter Netzers Lover’s Lane“?
Nein, unsere Gast­stätte Bei Özcan“ – ver­si­chert übri­gens von meinem Mit­spieler Willi Schulz – war keine Party-Loka­lität. Es war eine Mischung aus Kneipe und Restau­rant. Es gab Früh­schoppen, und mon­tags, wenn wir trai­nings­frei hatten, kamen die Spieler vorbei. Und natür­lich gab es auch Speisen.

Was denn?
Alles mög­liche, don­ners­tags ser­vierten wir zum Bei­spiel Döner. Die Leute waren begeis­tert, denn sie hatten so etwas noch nie gegessen. Doch die Zeit mit der Gast­stätte war nicht ein­fach, ich war ständig beim Trai­ning oder bei Spielen, wäh­rend meine Frau bis spät in die Nacht hinter dem Tresen stand. Als unsere Ehe immer mehr dar­unter litt, haben wir sie geschlossen. Meine Frau hat dann eine Schnei­derei gehabt.

Sie war eigent­lich Schau­spie­lerin. Warum hat sie in Deutsch­land keine Filme mehr gedreht?
In der Türkei hat sie viel als Theater- und Film-Schau­spie­lerin sowie Syn­chron­spre­cherin gear­beitet. Sie war zum Bei­spiel die tür­ki­sche Stimme von Hil­de­gard Knef. In Ham­burg hat sie einmal eine Haupt­rolle in einem Fern­seh­film gespielt und später auch in Tom Toelles Serie Der Fall von nebenan“. Irgend­wann wollte sie aber nicht mehr, weil sie häufig nur die Kli­schee-Türkin spielen sollte.

Wie war das bei Ihnen: Waren Sie der Fremde in der Mann­schaft?
Ich war der Aus­länder. Das lag aber nicht mal daran, dass ich aus der Türkei kam, son­dern an der Tat­sache, dass 90 Pro­zent meiner Mit­spieler aus Ham­burg kamen. Die scherzten schon über Kol­legen, die in Bux­te­hude geboren waren. Frem­den­feind­lich­keit wie einige Spieler in den acht­ziger oder neun­ziger Jahren habe ich aller­dings nie erfahren.

Coskun Tas erzählte einmal, dass 1959 in der Stadt Köln 18 Türken ange­meldet waren – einer davon war er. Wie war es bei Ihnen, als Sie 1967 nach Ham­burg kamen?
Da war es schon ein wenig anders, schließ­lich war sechs Jahre zuvor der Gast­ar­bei­ter­ab­kommen zwi­schen der Türkei und Deutsch­land geschlossen worden. Aller­dings waren die tür­ki­schen Gemein­schaften anfangs gar nicht so sichtbar, ich habe mich auch nicht wirk­lich darum bemüht, mit ihnen Kon­takt auf­zu­nehmen. Nur manchmal sah ich Lands­leute, wenn ich am Stein­damm auf einem kleinen tür­ki­schen Markt ein­kaufen ging. Meis­tens ging ich aber in einen nor­malen deut­schen Super­markt.

Die Deut­schen begeg­neten Ihnen nicht mit Vor­ur­teilen?
Was kaum jemand weiß: Türken galten im Deutsch­land der sech­ziger Jahren als dis­zi­pli­niert und fleißig. Im Gegen­satz zu Gast­ar­bei­tern aus Ita­lien oder Grie­chen­land. Es gab auch noch keine Tür­ken­witze oder Islam­hass, das kam alles viel später. Ende der sieb­ziger, Anfang der acht­ziger Jahre.

Hatten Sie das Gefühl, eine Art Bot­schafter zu sein?
Nein. Was hätte ich auch tun sollen? Tür­ki­sche Gast­ar­beiter zu Uwe Seeler bringen und sagen: Jetzt inte­griert euch! Wissen Sie, ich finde, man muss diesen Natio­na­li­täts­ge­danken über­winden. Ich habe mir jeden­falls nie viel aus der Her­kunft meiner Mit­men­schen gemacht. Ich war und bin mit Men­schen befreundet, die ich gerne mag – egal ob sie Türken oder Deut­sche sind. So war es damals schon: Wenn ich mit Deut­schen zusam­mensaß, fand ich es schön, für sie Kebap oder Köfte zu machen. Wenn ich mich mit Türken traf, habe ich ihnen erklärt, was Hummel, Hummel – Mors, Mors“ heißt ist. Ich tat das aber nicht, weil ich dachte: Ich muss die Kul­turen mit­ein­ander ver­binden. Ich tat es, weil ich glaubte, es könnte die Leute inter­es­sieren.

Wie fühlen Sie sich heute: Als Deut­scher oder als Türke?
Als Deut­scher mit tür­ki­schen Wur­zeln. Ich habe ja auch seit 1980 einen deut­schen Pass.

Sie waren der erste Türke in der Bun­des­liga. Macht es Sie stolz, ein Pio­nier zu sein?
Ein Fehler, der sich viele Jahre gehalten hat. Der Türke Aykut Ümnya­zici spielte bereits von 1961 bis 1965 bei Ein­tracht Braun­schweig, zwar auf Ama­teur­basis, aber ab 1963 als Teil der Bun­des­li­ga­mann­schaft. Zudem war Coskun Tas 1959 von Bes­iktas zum 1. FC Köln gewech­selt – aller­dings hat er nie Bun­des­liga gespielt. Wenn Sie mich also als Pio­nier wollen: Ich war der erste Voll­profi in der Bun­des­liga sowie der erste und bis heute ein­zige tür­ki­sche Bun­des­li­ga­trainer. Das macht mich ein wenig stolz.

Bei wem fanden Sie denn Anschluss?
Wir waren die besagten Elf Freunde. Dabei waren die Cha­rak­tere recht unter­schied­lich. Hier die Stu­denten, dort die Typen, die frei nach Schnauze redeten und ständig rum­scherzten. Kennen Sie die Geschichte von Charly Dörfel, wie er sich an einer Palme ver­letzte?

Nein.
Es pas­sierte bei einer Reise durch Indo­ne­sien. Er wollte unbe­dingt eine Kokos­nuss von einer Palme holen und klet­terte mit nacktem Ober­körper den Baum­stamm hoch. Danach rutschte er lässig hin­unter. Doch als er wieder unten ankam, schrie er vor Schmerzen. Er hatte sich am Holz seinen Bauch auf­ge­rissen und alles war voll mit Blut. So habe ich ihn ken­nen­ge­lernt.

Wie kamen Sie mit Uwe Seeler aus?
Super. Im Winter 1967, ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, lud er meine Frau und mich zum Weih­nachts­essen ein. Es gab Forelle Blau, köst­lich. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gegessen.

Konnten Sie da schon Deutsch?
Ich habe schon in der Türkei den Kicker“ gelesen und mit einer Kas­sette ein wenig Deutsch gelernt. Außerdem paukte ich wie ver­rückt Ita­lie­nisch, denn ich träumte davon, eines Tages zu Inter Mai­land zu wech­seln.

Sie haben gesagt, Ihr HSV-Team bestand nur aus Freunden. Wie war es denn für den lang­jäh­rigen Tor­wart Horst Schnoor, als er merkte, dass Sie ihn ver­drängten?
Er konnte ja nichts daran ändern, denn er hatte eine Achil­les­sehnen-Ver­let­zung zuge­zogen. Die Ärzte wussten damals, dass er über ein halbes Jahr aus­fallen würde, denn kurz zuvor hatte auch Uwe Seeler eine solche Ver­let­zung erlitten. Als ich kam, war ich also sofort Stamm­tor­hüter – und blieb es bis 1975.

Einmal hätten Sie Ihren Posten bei­nahe ver­loren…
…weil ich 500 Gramm zu viel auf die Waage brachte. Als Manager Georg Knöpfle das mit­bekam, tobte er und beor­derte einen Tor­wart­wechsel an. Beim nächsten Spiel gegen den FC Bayern stand plötz­lich Gert Girsch­kowski im Tor – und wurde nach 35 Minuten wieder vom Feld genommen.