Das Inter­view erschien erst­mals 2014. Ges­tern ist Arkoc im Alter von 81 Jahren ver­storben.

Özcan Arkoc, wie hört es sich an, wenn ein Tor­netz reißt?
Schmerz­haft. Wir spielten im Meis­ter­schafts­fi­nale von 1959 mit Fener­bahce gegen Gala­ta­saray, und Metin Oktay zim­merte den Ball mit einer wahn­sin­nigen Wucht aufs Tor. Es machte nur zisch, und dann blickte ich dem Ball hin­terher, wie er durch das Netz in Rich­tung Tri­büne flog.
 
Der Treffer gilt als eines der legen­därsten Tore der tür­ki­schen Fuß­ball­ge­schichte. Heute ist Oktay bekannt als Der Mann, der das Tor­netz kaputt­schoss“.
Und ich als der Mann, der dabei im Tor stand. Man muss aller­dings sagen, dass es in den Tagen zuvor viel geregnet hatte, und das poröse Tor­netz sehr straff gespannt war. Ich konnte gut damit leben, denn das Rück­spiel gewannen wir 4:0.
 
Sie haben nach Ihrem Abitur Schrift­setzer gelernt und hätten besser ver­dient als jeder tür­ki­sche Fuß­ball­spieler. Wieso wollten Sie über­haupt Profi werden?  
Ich hatte den Russen Lew Jaschin und den Ungarn Gyula Gro­sics gesehen und mich in ihr Spiel ver­liebt. Einmal, 1956, war ich auf einem Jugend­tur­nier in Buda­pest, und Gro­sics spielte mit Ungarn im Mitropa-Cup gegen die Sowjet­union. Ich war­tete mit meinen Freunden auf die Ankunft der Mann­schafts­busse, um einen Blick auf meine Idole zu erha­schen. Schließ­lich kam das unga­ri­sche Team an, und als Gro­sics aus­stieg, stand er da wie James Dean – mit Ziga­rette im Mund­winkel.
 
Das fanden Sie cool?
Ich bin nicht wegen der Ziga­rette Profi geworden, zumal ich gar nicht geraucht habe. Das Tor­wart­spiel übte was Fas­zi­nie­rendes auf mich aus: Die Reflexe, die Paraden, die feste Posi­tion und auch die Ein­sam­keit, die damit ein­her­geht. Du kannst in der letzten Minute der Held werden, wenn du einen Elf­meter hältst, du kannst der Idiot sein, wenn du einen Ball durch die Beine lässt.
 
So wie Sie im Mai 1968?
Wir spielten mit dem HSV im Euro­pacup-Finale gegen den AC Mai­land, damals die beste Mann­schaft Europas. In Rot­terdam standen diese ita­lie­ni­schen Super­spieler auf dem Platz, in edelsten Anzügen, und schauten ein wenig pikiert auf die HSV-Jungs in den Trai­nings­an­zügen. Wir hielten ganz gut mit, doch dann tauchte Kurt Hamrin vor mir auf. Ich spe­ku­lierte auf einen gefühl­vollen Schlenzer, doch er schoss den Ball mit der Fuß­spitze durch meine Beine. Wer konnte denn damit rechnen, dass dieser Edel­tech­niker die Pike benutzt? Das schlimmste Gegentor meiner Kar­riere – ich habe bit­ter­lich geweint.
 
In der Türkei waren Sie über meh­rere Spiel­zeiten der Keeper, der die wenigsten Gegen­tore kas­sierte. Was zeich­nete Sie als Tor­wart aus?
Ich hatte keine Angst. Zudem war ich reak­ti­ons­schnell und kör­per­lich stark. Und ich war ein guter Fänger. Das kam, weil ich oft mit den Bas­ket­bal­lern trai­nierte. Als Hand­schuhe längst zur Stan­dard­aus­stat­tung eines Tor­hü­ters gehörten, habe ich noch mit blanken Hände gehalten. Erst Anfang der sieb­ziger Jahre zog ich mir auch Hand­schuhe über.
 
Wer hat Ihr Talent erkannt?
Mein Bruder. Er war eben­falls auf dem Weg zum Fuß­ball­profi. Doch eines Tages hat er sich beim Trai­ning mit einem selt­samen Virus infi­ziert. Danach zog er sich eine Lun­gen­ent­zün­dung zu und konnte nie wieder Fuß­ball spielen. Mein Vater hatte große Sorge um mich, er wollte nicht, dass ich Profi werde, ich sollte stu­dieren. Doch ich liebte den Fuß­ball zu sehr. Ich liebte es, hart zu trai­nieren.
 
Mit wem haben Sie denn trai­niert?
Ich wuchs in Hay­ra­bolu auf, einer kleinen Stadt im Nord­westen der Türkei, direkt an der Grenze zu Bul­ga­rien und Grie­chen­land, sehr indus­triell, viele Fabriken. Da es keine Schul­busse gab, fuhr ich jeden Tag mit dem Bus der Fabrik­ar­beiter zur Schule und zurück. Manchmal stieg ich aller­dings früher aus, denn auf halber Strecke befand sich ein Fuß­ball­platz, wo die Arbeiter gespielt haben. Dort hat mich mal ein Tor­wart beob­achtet und gefragt, ob es mir gefalle, wie er durch die Luft flog. Ich bejahte, und er sagte: Komm nächstes Mal ein biss­chen früher und wir trai­nieren gemeinsam.“ Wir haben dann in einer Sand­kiste Sprung­übungen gemacht. Er warf mir die Bälle zu, und ich flog und flog und flog.
 
Wie sind Sie in Istanbul gelandet?
In meinem Dorf gab es einen Spieler namens Refik Gün­dogan, der bereits in Istanbul spielte. Er hat mich eines Tages zu Vefaspor geholt. Dort spielte ich 1956 als 17-Jäh­riger in der ersten Mann­schaft und machte mein Län­der­spiel­debüt für die U18-Natio­nal­mann­schaft. Wir haben tolle Spiele gehabt, etwa gegen die DDR mit Peter Ducke oder Ita­lien mit Sandro Maz­zola. Irgend­wann wurde Fener­bahce auf mich auf­merksam.
 
Ein sol­ches Angebot lehnt man nicht ab.
Zumal ich ein ordent­li­ches Hand­geld bekam. 36.000 tür­ki­sche Lira, das waren unge­fähr 6000 Mark. Der Wechsel fiel in das Jahr 1958, in dem auch die erste tür­ki­sche Pro­fi­liga gegründet wurde (Tür­kiye Pro­fe­syonel 1. Liga, später Süper Lig, d. Red.).
 
Nach vier Jahren, zwei Meis­ter­schaften und über 150 Spielen für Fener­bahce wech­selten Sie zum klei­neren Istan­buler Verein Bes­iktas. Warum?
Fener­bahce wollte meinen Ver­trag bis 1964 ver­län­gern, und ich wil­ligte zunächst ein. Aller­dings gab es einige aus­ste­henden Zah­lungen. Dum­mer­weise hatte ein Funk­tionär das Geld längst ander­weitig aus­ge­geben. Ich war ziem­lich wütend, doch ver­schwieg in der Öffent­lich­keit die Details der Geschichte, auch um diese Person – eine Fener­bahce-Legende – nicht bloß­zu­stellen. Das war Ende Juni 1962. Ich ging also ent­täuscht für zwei Jahre zu Bes­iktas, bis ich mir schließ­lich ein Zug­ti­cket nach Öster­reich besorgte – ohne Rück­fahr­karte.
 
Wieso wussten Sie, dass Sie nie mehr zurück­kehren würden?
Ich war in den Jahren zuvor häufig mit der tür­ki­schen Natio­nal­mann­schaft in West­eu­ropa gewesen und hatte immer wieder gesehen, auf wel­chem Niveau dort Fuß­ball gespielt wurde. Alleine die Platz­ver­hält­nisse! Der Wahn­sinn. Mit Bes­iktas haben wir damals auf Asche trai­niert, und wir mussten wir uns ein Sta­dion mit drei anderen Istan­buler Teams teilen. Dem­entspre­chend sah der Rasen vier Wochen nach Sai­son­be­ginn aus wie ein Acker. Also stieg ich eines Tages in den Zug, fuhr nach West­eu­ropa, machte über 100 Spiele für Aus­tria Wien und absol­vierte Pro­be­trai­nings bei 1860 Mün­chen, Ein­tracht Frank­furt und Bayern Mün­chen.

Bes­iktas wollte Sie ursprüng­lich gar nicht ziehen lassen. Es soll richtig Ärger gegeben haben. Was war der Grund?
Sie drohten, mich bei der Uefa anzu­schwärzen, wenn ich nach Wien wech­seln würde. Ich ant­wor­tete: Mir egal, dann pau­siere ich ein Jahr und arbeite irgendwo.“ Schließ­lich gaben sie klein bei, aller­dings nicht ohne einen Ver­trag auf­zu­setzen, in dem sie sich zusi­chern ließen, dass ich, falls ich in die Türkei zurück­kehre, nur bei Bes­iktas spielen dürfte.

Und Sie stimmten zu?
Im Wissen, dass ich eh nie wie­der­kommen würde.

Es hätte in West­eu­ropa auch schief­gehen können.
Dar­über dachte ich nicht nach, denn ich war sehr ehr­geizig.

Sie bekamen keinen Kul­tur­schock?
Öster­reich erschien sehr weit weg. Aus dem Zug sah ich auf die ber­gigen Land­schaften. Dann die Blicke der Men­schen, von denen viele noch nie einen Türken gesehen hatten. Viele spra­chen mit mir wie mit einem Klein­kind. Den­noch: Heimweh hatte ich nie. Tat­säch­lich habe ich meine Urlaube nur in den ersten vier Jahren in der Türkei ver­bracht. Seitdem war ich sehr selten dort.

Das alles ist über 50 Jahre her, und Sie erin­nern sich an die Daten, als sei es ges­tern gewesen. Woran liegt das?
Ich habe alles abge­heftet in Ord­nern. Ich archi­viere gerne Dinge (zeigt auf zwei Leitz-Ordner, auf denen HSV und Aus­tria Wien stehen).

Hängt das mit Ihrer Liebe zum geschrie­benen Wort zusammen?
Viel­leicht. Als ich zum HSV wech­selte, arbei­tete ich als Teil­zeit-Jour­na­list. Aus Ham­burg schrieb ich einmal die Woche für die Mil­liyet“. Die Türken fanden das sehr inter­es­sant, schließ­lich war der Fuß­ball in Deutsch­land eine andere Welt für sie.

Warum haben Sie über­haupt geschrieben? Reichte das Geld, das Sie mit Fuß­ball ver­dienten, nicht zum Leben?
Das Schreiben war ein Hobby. Meine Mit­spieler rieten mir aber, etwas Boden­stän­diges auf­zu­bauen, also eröff­nete ich 1970 eine Gast­stätte.

Nach dem Vor­bild von Günter Netzers Lover’s Lane“?
Nein, unsere Gast­stätte Bei Özcan“ – ver­si­chert übri­gens von meinem Mit­spieler Willi Schulz – war keine Party-Loka­lität. Es war eine Mischung aus Kneipe und Restau­rant. Es gab Früh­schoppen, und mon­tags, wenn wir trai­nings­frei hatten, kamen die Spieler vorbei. Und natür­lich gab es auch Speisen.

Was denn?
Alles mög­liche, don­ners­tags ser­vierten wir zum Bei­spiel Döner. Die Leute waren begeis­tert, denn sie hatten so etwas noch nie gegessen. Doch die Zeit mit der Gast­stätte war nicht ein­fach, ich war ständig beim Trai­ning oder bei Spielen, wäh­rend meine Frau bis spät in die Nacht hinter dem Tresen stand. Als unsere Ehe immer mehr dar­unter litt, haben wir sie geschlossen. Meine Frau hat dann eine Schnei­derei gehabt.

Sie war eigent­lich Schau­spie­lerin. Warum hat sie in Deutsch­land keine Filme mehr gedreht?
In der Türkei hat sie viel als Theater- und Film-Schau­spie­lerin sowie Syn­chron­spre­cherin gear­beitet. Sie war zum Bei­spiel die tür­ki­sche Stimme von Hil­de­gard Knef. In Ham­burg hat sie einmal eine Haupt­rolle in einem Fern­seh­film gespielt und später auch in Tom Toelles Serie Der Fall von nebenan“. Irgend­wann wollte sie aber nicht mehr, weil sie häufig nur die Kli­schee-Türkin spielen sollte.

Wie war das bei Ihnen: Waren Sie der Fremde in der Mann­schaft?
Ich war der Aus­länder. Das lag aber nicht mal daran, dass ich aus der Türkei kam, son­dern an der Tat­sache, dass 90 Pro­zent meiner Mit­spieler aus Ham­burg kamen. Die scherzten schon über Kol­legen, die in Bux­te­hude geboren waren. Frem­den­feind­lich­keit wie einige Spieler in den acht­ziger oder neun­ziger Jahren habe ich aller­dings nie erfahren.

Coskun Tas erzählte einmal, dass 1959 in der Stadt Köln 18 Türken ange­meldet waren – einer davon war er. Wie war es bei Ihnen, als Sie 1967 nach Ham­burg kamen?
Da war es schon ein wenig anders, schließ­lich war sechs Jahre zuvor der Gast­ar­bei­ter­ab­kommen zwi­schen der Türkei und Deutsch­land geschlossen worden. Aller­dings waren die tür­ki­schen Gemein­schaften anfangs gar nicht so sichtbar, ich habe mich auch nicht wirk­lich darum bemüht, mit ihnen Kon­takt auf­zu­nehmen. Nur manchmal sah ich Lands­leute, wenn ich am Stein­damm auf einem kleinen tür­ki­schen Markt ein­kaufen ging. Meis­tens ging ich aber in einen nor­malen deut­schen Super­markt.

Die Deut­schen begeg­neten Ihnen nicht mit Vor­ur­teilen?
Was kaum jemand weiß: Türken galten im Deutsch­land der sech­ziger Jahren als dis­zi­pli­niert und fleißig. Im Gegen­satz zu Gast­ar­bei­tern aus Ita­lien oder Grie­chen­land. Es gab auch noch keine Tür­ken­witze oder Islam­hass, das kam alles viel später. Ende der sieb­ziger, Anfang der acht­ziger Jahre.

Hatten Sie das Gefühl, eine Art Bot­schafter zu sein?
Nein. Was hätte ich auch tun sollen? Tür­ki­sche Gast­ar­beiter zu Uwe Seeler bringen und sagen: Jetzt inte­griert euch! Wissen Sie, ich finde, man muss diesen Natio­na­li­täts­ge­danken über­winden. Ich habe mir jeden­falls nie viel aus der Her­kunft meiner Mit­men­schen gemacht. Ich war und bin mit Men­schen befreundet, die ich gerne mag – egal ob sie Türken oder Deut­sche sind. So war es damals schon: Wenn ich mit Deut­schen zusam­mensaß, fand ich es schön, für sie Kebap oder Köfte zu machen. Wenn ich mich mit Türken traf, habe ich ihnen erklärt, was Hummel, Hummel – Mors, Mors“ heißt ist. Ich tat das aber nicht, weil ich dachte: Ich muss die Kul­turen mit­ein­ander ver­binden. Ich tat es, weil ich glaubte, es könnte die Leute inter­es­sieren.

Wie fühlen Sie sich heute: Als Deut­scher oder als Türke?
Als Deut­scher mit tür­ki­schen Wur­zeln. Ich habe ja auch seit 1980 einen deut­schen Pass.

Sie waren der erste Türke in der Bun­des­liga. Macht es Sie stolz, ein Pio­nier zu sein?
Ein Fehler, der sich viele Jahre gehalten hat. Der Türke Aykut Ümnya­zici spielte bereits von 1961 bis 1965 bei Ein­tracht Braun­schweig, zwar auf Ama­teur­basis, aber ab 1963 als Teil der Bun­des­li­ga­mann­schaft. Zudem war Coskun Tas 1959 von Bes­iktas zum 1. FC Köln gewech­selt – aller­dings hat er nie Bun­des­liga gespielt. Wenn Sie mich also als Pio­nier wollen: Ich war der erste Voll­profi in der Bun­des­liga sowie der erste und bis heute ein­zige tür­ki­sche Bun­des­li­ga­trainer. Das macht mich ein wenig stolz.

Bei wem fanden Sie denn Anschluss?
Wir waren die besagten Elf Freunde. Dabei waren die Cha­rak­tere recht unter­schied­lich. Hier die Stu­denten, dort die Typen, die frei nach Schnauze redeten und ständig rum­scherzten. Kennen Sie die Geschichte von Charly Dörfel, wie er sich an einer Palme ver­letzte?

Nein.
Es pas­sierte bei einer Reise durch Indo­ne­sien. Er wollte unbe­dingt eine Kokos­nuss von einer Palme holen und klet­terte mit nacktem Ober­körper den Baum­stamm hoch. Danach rutschte er lässig hin­unter. Doch als er wieder unten ankam, schrie er vor Schmerzen. Er hatte sich am Holz seinen Bauch auf­ge­rissen und alles war voll mit Blut. So habe ich ihn ken­nen­ge­lernt.

Wie kamen Sie mit Uwe Seeler aus?
Super. Im Winter 1967, ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, lud er meine Frau und mich zum Weih­nachts­essen ein. Es gab Forelle Blau, köst­lich. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gegessen.

Konnten Sie da schon Deutsch?
Ich habe schon in der Türkei den Kicker“ gelesen und mit einer Kas­sette ein wenig Deutsch gelernt. Außerdem paukte ich wie ver­rückt Ita­lie­nisch, denn ich träumte davon, eines Tages zu Inter Mai­land zu wech­seln.

Sie haben gesagt, Ihr HSV-Team bestand nur aus Freunden. Wie war es denn für den lang­jäh­rigen Tor­wart Horst Schnoor, als er merkte, dass Sie ihn ver­drängten?
Er konnte ja nichts daran ändern, denn er hatte eine Achil­les­sehnen-Ver­let­zung zuge­zogen. Die Ärzte wussten damals, dass er über ein halbes Jahr aus­fallen würde, denn kurz zuvor hatte auch Uwe Seeler eine solche Ver­let­zung erlitten. Als ich kam, war ich also sofort Stamm­tor­hüter – und blieb es bis 1975.

Einmal hätten Sie Ihren Posten bei­nahe ver­loren…
…weil ich 500 Gramm zu viel auf die Waage brachte. Als Manager Georg Knöpfle das mit­bekam, tobte er und beor­derte einen Tor­wart­wechsel an. Beim nächsten Spiel gegen den FC Bayern stand plötz­lich Gert Girsch­kowski im Tor – und wurde nach 35 Minuten wieder vom Feld genommen.

Ab 1973 über­nahm Dr. Peter Krohn die Geschicke beim HSV. Er führte Show­trai­nings ein, bei denen Mike Krüger den Lini­en­richter machte und ließ die Spieler auf Ele­fanten ein­reiten. Wie kamen Sie mit ihm zurecht?
Ich habe nie ein Pro­blem mit ihm gehabt.

Ach, kommen Sie…
Nein, wirk­lich. Einmal hat er mir sogar eine Reise in die Türkei spen­diert, weil mein Nach­folger, Rudi Kargus, dort sein erstes Län­der­spiel machte. Krohn sah das als mein Ver­dienst, denn ich hatte in den Jahren zuvor viel mit Kargus trai­niert und ihn an die Mann­schaft her­an­ge­führt. Kargus blieb ohne Gegentor – Deutsch­land gewann 5:0.

Aber Sie wissen, dass einige Spieler nicht mit Krohn zurecht­kamen.
Klar, er trat sehr domi­nant auf und manchmal auch über­heb­lich, doch er ver­stand was von Mar­ke­ting und PR. Kuno Klötzer (HSV-Trainer von 1973 bis 1977, d. Red.) wurde es irgend­wann zu viel, denn Krohn stand oft in der Kabine und dik­tierte die Mann­schafts­auf­stel­lung. Irgend­wann mussten wir sogar in rosa Tri­kots spielen. Er dachte, so würden mehr Frauen ins Sta­dion kommen.

Waren Sie da froh, dass Sie Ihr Tor­wart­trikot selbst wählen konnten?
(lacht) Nein, ich war damals schon Co-Trainer von Klötzer. Aber die Spieler fanden es nicht gerade toll.

Auf Klötzer folgte Rudi Guten­dorf, der weder bei den Spie­lern noch bei Krohn gut gelitten war. Und auch mit Ihnen gab es Streit.
Rudi glaubte, ich hätte mich mit den Spie­lern gegen ihn ver­schworen und wäre mit­ver­ant­wort­lich für seinen Raus­wurf. Das war totaler Quatsch. Er behaup­tete außerdem, dass ich kein Mit­glied im Deut­schen Trainer-Bund sei. Es gab einen Rechts­streit, aber das ist alles lange her. Wir haben die Sache aus der Welt geräumt, und ich habe Rudi viele Male wie­der­ge­troffen – in aller Freund­schaft.

Herr Arkoc, Sie klingen sehr milde.
Ist das so?

In einem Inter­view haben Sie mal gesagt: Wenn ich fluche, dann nur auf Tür­kisch oder Ita­lie­nisch.“
Ich habe selten geflucht. Ich habe immer daran geglaubt, dass die Spieler immer alles geben wollten. Fuß­ball ist eben viel Tages­form, viel Glück, viel Pech.

Kurz nachdem Sie 1977 die HSV-Mann­schaft als Chef­coach über­nommen hatten, war häufig zu lesen, Sie seien zu weich gewesen, um ein Star­ensemble zu trai­nieren. Was glauben Sie: Brauchte der HSV 1977/78 eine harte Hand?
Einmal befahl Prä­si­dent Paul Ben­t­hien sogar Günter Netzer als Berater in die Kabine. Doch was hätte ich tun sollen? Mich ver­stellen? Ich bin nun mal wie ich bin. Ich hätte gerne ein biss­chen mehr Zeit gehabt, doch nach einem Jahr war Schluss, auch weil der HSV keinen Erfolg hatte.

Immerhin wurde er 1976 Vize­meister und gewann 1977 gegen den RSC Ander­lecht den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger.
Mit mir als Co-Trainer und meinem Chef Kuno Klötzer, der danach ent­lassen wurde. Der HSV war erfolg­reich, aber man wollte mehr. Man wollte den großen Rummel. Letzt­end­lich kann man den Klub für meine oder Klöt­zers Ent­las­sungen nicht kri­ti­sieren, denn er hat in den Fol­ge­jahren die Bun­des­liga domi­niert und reifte zur euro­päi­schen Spit­zen­mann­schaft.

Haben Sie damals schon geahnt, dass der HSV am Vor­abend einer großen Ära steht?
Kevin Keegan war damals schon eine Aus­nah­me­erschei­nung. Einer, der besessen war, der immer mehr wollte als seine Mit­spieler. Doch auch den anderen – Felix Magath oder Man­fred Kaltz – habe ich große Kar­rieren zuge­traut. Einmal belauschte ich ein Gespräch zwi­schen Manni und einem Mit­spieler. Manni sagte: Ich wette mit dir, dass ich ein Län­der­spiel mehr machen werde als du!“ Der Mit­spieler wet­tete dagegen. Manni behielt Recht.

Wieso haben Sie danach nie als Trainer bei einem höher­klas­sigen Verein Fuß fassen können?
Ich war in Deutsch­land noch bei Wormatia Worms und Hol­stein Kiel, schließ­lich in der Türkei bei Kocae­lispor. Wir wurden 1983/84 Achter in der Süper Lig, ein beacht­li­ches Ergebnis, doch für die Prä­si­denten zählten nur Titel. Ich hätte gerne als Trainer wei­ter­ge­ar­beitet, doch es hat nicht geklappt, weil ich Hüft­pro­bleme hatte und dachte, es gehöre zu einem Trainer, die Übungen selbst vor­zu­ma­chen. Also habe ich mich mit einem Kurier­dienst selb­ständig gemacht. Mit dem Auto habe ich Unter­lagen von A nach B gebracht. Das habe ich bis zu meinem 71. Lebens­jahr gemacht, denn es hat mir Freude bereitet.

Den Fuß­ball haben Sie nie ver­misst?
Das Fuß­ball­ge­schäft war mir und meiner Frau oft­mals viel zu schnell. Als ich etwa in Kiel Trainer war, pen­delte ich die ersten Monate. Irgend­wann sagte der Klub, dass er eine Woh­nung für uns gefunden hätte. Wir haben die Umzugs­kar­tons gepackt und sind los­ge­fahren. Ein paar Tage später war ich ent­lassen. Der Fuß­ball hat mich den­noch nie ganz los­ge­lassen, ich bin bei jedem HSV-Heim­spiel, und circa einmal die Woche bekomme ich sogar noch Fan­post.

Adres­siert an Arkoc Özcan?
Wieso fragen Sie?

In Zei­tungs­ar­ti­keln aus den sech­ziger Jahren ist immer von Arkoc Özcan die Rede. Dabei ist Özcan doch Ihr Vor­name.
(lacht) Der Fehler nahm seinen Anfang an meinem ersten Tag bei Aus­tria Wien. Damals fragte mich jemand nach meinem Namen, und ich sagte, ich heiße Özcan – in meinem Hei­mat­dorf in der Türkei war es näm­lich üblich, dass man sich mit Vor­namen vor­stellt. Bei Aus­tria nahm man aber an, dass dies mein Nach­name sei. So hieß ich außer­halb der Türkei über Jahr­zehnte Arkoc Özcan. Genervt hat es mich nie – und die Fan­post ist meis­tens eh an Ötschi“ adres­siert.