Robert Wulni­kowski, zu Ihrer Zeit bei den Offen­ba­cher Kickers haben Sie am 1. April Ihren Transfer zum FC Bayern bekannt gegeben. Zu wel­chem Verein sind Sie dieses Jahr gewech­selt?
(Lacht.) Zu gar keinem. Damals ließ ich mich nach einem gewon­nenen Spiel vom OFC-Fan­radio dazu hin­reißen. Das war dumm, weil viel zu spät auf­ge­löst wurde, dass es ein April­scherz war. Ich habe ver­sucht, das Video aus dem Internet löschen zu lassen, es kur­siert aber immer noch.

Ihr Bun­des­liga-Traum bleibt also uner­füllt? Mit den Würz­burger Kickers spielen Sie momentan in der 3. Liga.
Ich habe von der Zweiten bis zur Sechsten in jeder Liga gespielt. Nur nicht in der Bun­des­liga. Bei Schalke saß ich ein paar Mal auf der Bank.

Warum haben Sie den Durch­bruch dort nicht geschafft?
Das hatte meh­rere Gründe. Ich wollte nie Profi werden. Nach der Schul­zeit habe ich mir Gedanken gemacht, wie es wei­ter­geht. Ich bewarb mich bei der Polizei, habe den Test aber nicht bestanden, weil ich beim Diktat zu viele Fehler gemacht habe. (Lacht.) Dann habe ich mich vor die Wahl gestellt: Gehe ich zum Bund oder mache ich eine Aus­bil­dung zum Indus­trie­me­cha­niker?

Sie ent­schieden sich für die Lehre.
Ja. Im zweiten Aus­bil­dungs­jahr fing die Arbeit unter Tage an. Ich musste um 5 Uhr mor­gens auf­stehen. Um 6 Uhr sind wir mit dem Gru­ben­aufzug 1000 Meter in die Tiefe gefahren und um 13 Uhr wieder hoch. Ich war total K.o., habe meis­tens erstmal einen Mit­tags­schlaf gebraucht. Um 16 Uhr musste ich wieder los. Manchmal ist es mir auch pas­siert, dass ich ver­schlafen habe und zu spät zum Trai­ning kam. Das war aber kein Pro­blem, durch die Arbeit war ich ent­schul­digt. Um mit den Profis trai­nieren zu können, musste ich meinen Urlaub und meine Frei­schichten in Anspruch nehmen. Es war schwierig, sich voll auf den Fuß­ball zu kon­zen­trieren.

Die Arbeit war also auch ein Grund, warum Sie es nicht geschafft haben?
Sicher. Die Dop­pel­be­las­tung war sehr hart. Meine Mit­spieler haben mor­gens schon trai­niert. Ich hatte immer nur eine Ein­heit am Tag – und bei dieser war ich schon vorher platt. Ich habe den Fuß­ball nur als Aus­gleichs­sport betrachtet. Als Jugend­li­cher wollte ich etwas erleben. Mit 17 bin ich auch mal mit meinen Kum­pels in die Disco gegangen. Ab und zu auch am Abend vor den Spielen. Dann konnte ich tags darauf natür­lich nicht meine Leis­tung bringen. Das wäre heute undenkbar. Herr Assauer ist das natür­lich sofort auf­ge­fallen, er hat mich in sein Büro zitiert und aus­ge­quetscht. Ich habe ver­sucht, mich her­aus­zu­reden und ihm erklärt, dass ich im Trai­ning mehr arbeiten muss. (Lacht.)

Als der Durch­bruch auf Schalke aus­blieb, wech­selten Sie zu Union Berlin und fünf Jahre später zu Rot-Weiß Essen.
Im Nach­hinein ein Fehler. In Essen hat nichts funk­tio­niert. Als Ex-Schalker wurde ich schon gehasst, bevor ich einen Ball berührt hatte. Ich wurde bei den Freund­schafts­spielen vor der Saison bepö­belt. Welche Belei­di­gungen da gefallen sind, will ich nicht wie­der­holen. Beim ersten Spiel gegen Erz­ge­birge Aue habe ich früh einen Fehler gemacht und wurde schon nach 20 Minuten vom ganzen Sta­dion aus­ge­pfiffen. Min­des­tens 10.000 Leute haben Wulni­kowski raus“ gerufen und den zweiten Tor­wart gefor­dert. Mir schlug der blanke Hass ent­gegen. Das konnte ich nicht aus­blenden, es hat meine Leis­tung stark beein­flusst. Die Leute kamen nicht damit klar, dass wir gegen Aue – wer ist Aue? – fünf Gegen­tore gefressen haben. Aber ich musste damit klar­kommen.

Haben Sie den Hass auch im Alltag zu spüren bekommen?
Natür­lich. Das ganze Jahr war ein Spieß­ru­ten­lauf für mich. Ich habe in Gel­sen­kir­chen gewohnt und hatte das ent­spre­chende Kenn­zei­chen GE”. Da hatte ich auch schon mal Beulen am Auto. Dass Fans die Ableh­nung mir gegen­über so offen zeigen, war eine neue Erfah­rung für mich.

Auch sport­lich lief es nicht rund.
Ich habe nur zwei Spiele in der 2. Liga gemacht und ein Pokal­spiel. Nach dem Spiel gegen Aue habe ich in der Presse zu meinem Fehler gestanden. Trotzdem gab es auch in den nächsten Wochen immer wieder schön auf die Fresse.

Von den Medien?
Von allen Seiten. Und der Verein hat nichts unter­nommen, um mich zu schützen. Im zweiten Spiel haben wir gegen Trier 1:1 gespielt, beim Gegentor konnte ich nichts machen. Beim dritten Spiel ging es im Pokal gegen Ale­mannia Aachen. Schon die Vor­be­rei­tung auf das Spiel war kata­stro­phal. Das Sta­dion war nur etwa zehn Minuten von unserem Hotel ent­fernt. Wir sind mit Pri­vat­autos hin­ge­fahren. Weil aber so viele Zuschauer ins Sta­dion geströmt sind, standen wir im Stau. Wir haben unsere Taschen genommen und sind zum Sta­dion gerannt – im Anzug an allen Zuschauern vorbei. Es waren locker noch ein­ein­halb Kilo­meter. Wir haben 0:2 ver­loren. Ein paar Tage später wurde ich aus dem Tor genommen. Das habe ich in der Bespre­chung vor dem nächsten Spiel erfahren. Vor ver­sam­melter Mann­schaft. Der Trainer hat das schwächste Glied ent­fernt – mich. Ich habe kein Spiel mehr gemacht für den Verein. Trotzdem wurde mir der Abstieg von den Fans ange­kreidet. Ich war der Sün­den­bock.