Mein Freund Wolf­gang kann heute noch sehr lebendig von seinem größten Tri­umph als Sta­di­on­pöbler erzählen. Es war irgend­wann in den acht­ziger Jahren, Arminia Bie­le­feld spielte daheim auf der Alm gegen Borussia Dort­mund. Kurz nach der Halb­zeit lief Frank Mill am Block vorbei, um einen Ball zum Ein­wurf zu holen, und Wolf­gang begann spontan zu kra­keelen: Mill, du Blinder, du Niete, du kannst nix, lass dich aus­wech­seln …“ Und so weiter. Das war nun weder beson­ders ori­gi­nell noch folgte es einer wie auch immer gear­teten Logik. Was aber in dem Moment völlig egal war, als Frank Mill für den Bruch­teil einer Sekunde prü­fend hinauf in den Block schaute, wel­cher ver­wirrte Vogel ihn denn da so wüst beschimpfte und kaum wahr­nehmbar mit der linken Hand abwinkte.

Für Wolf­gang war dies ein Rit­ter­schlag, nach all den Jahren frucht­losen Geme­ckers und Geze­ters von den bil­ligen Plätzen hatte end­lich einmal ein Spieler reagiert. Alles machte plötz­lich wieder Sinn. Danach musste er aller­dings aber­mals fünf Jahre warten, bis wieder mal ein Spieler Wir­kung zeigte. Ein Spieler der Spvg Marl, den Wolf­gang über 20 Minuten hart­nä­ckig der Fett­lei­big­keit geziehen hatte, drehte sich beim Ein­wurf um und machte eine Schei­ben­wi­scher­be­we­gung. Wolf­gang fei­erte den ganzen Abend.

Rentner ent­deckt neues Schimpf­wort

Wolf­gang war ein Sta­di­on­pöbler alter Schule, wie es sie heute leider immer sel­tener gibt. Es sind dies Fans, die ihr Ver­gnügen beim Sta­di­on­be­such nicht daraus ziehen, ihre Mann­schaft siegen zu sehen oder hoch­klas­sigem Sport bei­zu­wohnen, son­dern allein daraus, wäh­rend des Spiels mög­lichst vielen Anwe­senden ihre grund­le­gende Abnei­gung mit­zu­teilen. Das mag ange­sichts der statt­li­chen Ein­tritts­preise skurril wirken. Da gute Sta­di­on­pöbler jedoch ihrem Tag­werk mit viel Krea­ti­vität und Pas­sion nach­gehen, haben letzt­lich alle etwas davon. Womit ande­rer­seits auch klar gestellt ist, dass Ein­falts­pinsel, die geg­ne­ri­schen Tor­hü­tern aus­wendig gelernte Belei­di­gungen hin­ter­her­brüllen, ebenso wenig dazu gehören wie jene Honks, die beim Pöbeln auf den ewig glei­chen Basis­wort­schatz zurück­greifen müssen, mit dem man auch ein Hand­ge­menge in Hel­lers­dorf über­steht.

Wobei man wie­derum ein­schrän­kend erwähnen muss, dass die Kon­zen­tra­tion auf nur einen ein­zigen Aus­druck auf lange Sicht dann auch schon wieder ihren ästhe­ti­schen Reiz hat. In Bochum gab es früher einen Rentner, der irgend­wann das schil­lernde Schimpf­wort Anal­ba­nane“ für sich ent­deckte und es fortan beharr­lich jedem geg­ne­ri­schen Spieler an den Kopf schmiss. Was genau das nun sein sollte, blieb unklar. Klar hin­gegen, wel­chen Spitz­namen der Rentner in den fol­genden Jahren von den Umste­henden ver­passt bekam. 

Der echte Sta­di­on­pöbler ist jedoch weitaus varia­bler als dieser doch sehr fokus­sierte Senior, schon was die Ziel­ob­jekte angeht. Es gibt Zuschauer, die vor­wie­gend den Gegner atta­ckieren, andere bevor­zugen die Refe­rees, wie­derum andere kon­zen­trieren sich auf die Heim­mann­schaft und nehmen beim ersten Fehl­pass nach Anpfiff ihre Arbeit auf. Aber auch hier Vor­sicht vor Klein­geis­tern! Denn es gibt sie ja doch in großer Zahl, jene in feinen Zwirn geklei­dete Herren, die beim Spiel­stand von 2:1 miss­günstig auf­rechnen, dass sie pro Tor 25 Euro gelöhnt haben. Und jene bau­chigen Ver­tre­ter­typen, die tat­säch­lich davon über­zeugt sind, dass die Mann­schaft künftig erfolg­rei­cher kicken wird, wenn sie kurz vor Schluss mit krebs­rotem Gesicht Lager­haft bei Wasser und Brot für alle Lizenz­spieler for­dern.

Die Könige der Zunft sind jedoch ohnehin All­rounder, die es mit der UN-Men­schen­rechts­charta sehr ernst nehmen. Alle Men­schen auf dem Spiel­feld sind gleich, wenn es darum geht, eine statt­liche Breit­seite zu kas­sieren. Diese Gene­ra­listen erkennt man bereits in den Minuten vor dem Spiel daran, dass sie zum Warm­ma­chen ent­rüstet ein­zelne Namen aus der Sta­di­on­zei­tung vor sich hin­schnaufen. Alles Ver­sager, Zecken­züchter und Trief­augen, die er nie und nimmer auf­ge­stellt hätte. Nach dem Anpfiff kon­zen­triert er sich dann erst einmal auf den Referee und nimmt bereits eine umstrit­tene Ein­wurf­ent­schei­dung auf Höhe der Mit­tel­linie zum Anlass, das gesamte Gespann samt viertem Offi­zi­ellem und Schieds­rich­ter­be­ob­achter auf der Tri­büne laut­stark der Käuf­lich­keit, wahl­weise der Nie­der­tracht zu bezich­tigen, um sich dann noch in den ersten fünf Minuten des Spiels den Gegner vor­zu­knöpfen. Meist greift er sich einen Spieler mit irgend­einem Han­dicap heraus. Läuft er ein wenig unrund, hat einen leichten Sil­ber­blick oder kommt vom Ham­burger SV – das per­fekte Kano­nen­futter für unseren Pöbler.

Der Beob­achter erkennt dabei schnell den Unter­schied zwi­schen Roo­kies und Rou­ti­niers. Anfänger sind unge­duldig und unsou­verän, trinken zuviel Alkohol und haben bereits Mitte der ersten Halb­zeit ihr Pulver ver­schossen. Bei einem Bun­des­li­ga­spiel zwi­schen Schalke und Duis­burg stand ich mal neben einem MSV-Anhänger, der zunächst ein wahres Feu­er­werk an ehr­ab­schnei­denden Bemer­kungen abfeu­erte, ab der 40. Minute jedoch arg abbaute und die kom­plette zweite Hälfte nur noch zu Tode erschöpft einen ein­zigen Satz repe­tierte: Schweine seid ihr!“ Ob er damit die Schalker, die Duis­burger oder seinen Sach­be­ar­beiter bei der Agentur für Arbeit meinte, wusste keiner. Die Umste­henden bekamen jedoch eine Ahnung von den schreck­li­chen Qualen der chi­ne­si­schen Was­ser­folter.

Das Objekt seines Hasses war Victor Agali

Echte Rou­ti­niers hin­gegen haben einen Match­plan. Mit Bedacht haben sie sich zuvor Standort und poten­ti­elle Angriffs­ob­jekte aus­ge­wählt und sind doch fle­xibel genug, auf aktu­elle Ereig­nisse wie Fehl­ent­schei­dungen und Stock­fehler zu reagieren. Dann warten sie auf den rich­tigen Moment, ihre Kern­bot­schaften zu plat­zieren. Sie wissen, dass noch die aus­ge­feil­teste Gemein­heit unter­geht, wenn zeit­gleich nebenan der Capo der Gast­mann­schaft ins Mega­phon blökt. Wenn sich hin­gegen gerade Stille über das Rund gesenkt hat, ent­faltet eine mit Wumms hin­aus­ge­brüllte Ver­bal­in­jurie eine erstaun­liche Wir­kung. Wobei der Pöbler nicht um die Aner­ken­nung anderer Zuschauer bet­telt. Nichts ist ihm pein­li­cher als jene Zeit­ge­nossen, die irgendein aus­tausch­bares Schimpf­wort in Rich­tung Rasen brüllen, um sich dann bei­fall­hei­schend umzu­drehen: Na, wie war ich?“ Nein, er ist ist ein ein­samer Wolf, der nichts weniger braucht als den Applaus all jener, die nicht wie er auf der dunklen Seite des Spiels stehen. Aus purer Über­zeu­gung, das rich­tige zu tun, gibt er stets alles. Von einem Anhänger der Münchner Löwen wird berichtet, dass er einmal im Derby gegen den FC Bayern das ganze Spiel durch­schrie und pünkt­lich zur 90. Minute keinen Ton mehr her­aus­bekam. Die Stimme war und blieb auch am nächsten Tag weg, dum­mer­weise war dies auch der Tag seiner eigenen Hoch­zeit. Das Ja-Wort wurde mut­maß­lich per Klopf­zei­chen über­mit­telt.

Die größte Angst ist jedoch stets die vor dummen Flüch­tig­keits­feh­lern. Nie darf die Kon­zen­tra­tion nach­lassen, der Teufel steckt oft­mals im Detail. Typisch Ossi!“, schrie ein Besu­cher der Bie­le­felder Haupt­tri­büne wäh­rend des Spiels gegen Hansa Ros­tock immer wieder wut­ent­brannt, nachdem ein Ros­to­cker eine dreiste Schwalbe im Straf­raum pro­du­ziert hatte. Typisch Ossi!“ Bei den Bank­nach­barn sorgte das für große Hei­ter­keit. Das Objekt seines Hasses war Victor Agali.

Um die Pöbler zu dis­kre­di­tieren, wird gerne ein Zusam­men­hang zwi­schen den Ver­bal­in­ju­rien auf den Rängen und anschlie­ßenden Haue­reien auf den Vor­plätzen kon­stru­iert. Das ist aber dummes Gerede. Sta­di­on­pöbler fahren ihr ganz eigenes Rennen. Ihre erra­ti­schen Rund­um­schläge eignen sich nahezu nie zur gezielten Auf­wie­gelei. Außerdem wird bei dieser kruden Beweis­füh­rung gerne über­sehen, dass Sta­di­on­pöbler ja mit­nichten ver­bit­terte Haus­meis­ter­typen sind, die auch im rich­tigen Leben Glas­scherben nach spie­lenden Kin­dern werfen. Statt­dessen ver­wan­deln sie sich mit dem Pas­sieren der Sta­di­on­tore nach dem Spiel schnur­stracks wieder in umgäng­liche Zeit­ge­nossen, die ange­regt über Thea­ter­pre­mieren oder Syl­tur­laube par­lieren und gerne auch mal den mit­ge­führten Nach­wuchs ver­gnügt in die Seite puffen: Na, wie hat‘s dir gefallen! Ich fand‘s ein­fach toll!“

Aus­nahmen bestä­tigen auch hier natür­lich die Regel. In Kai­sers­lau­tern beschimpften Pen­sio­näre die aus­wär­tigen Spieler früher nicht nur, wenn die zur Aus­füh­rung von Eck­bällen antraten, son­dern sto­cherten auch mit ihren Spa­zier­stö­cken durch den Zaun hin­durch nach den Akteuren. Alten Kämpen wie Her­mann Ger­land werden beim Gedanken an solch herz­liche Anteil­nahme noch heute die Augen feucht. Per­sön­lich erlebte ich einmal den Kon­troll­ver­lust eines Anhän­gers im Sta­dion des VfR Sölde. Optisch ein Wie­der­gänger des Schlag­zeu­gers der Flip­pers, hatte sich der Fan den Lini­en­richter, einen dürren Mitt­zwan­ziger mit Bürs­ten­schnitt, als Objekt seiner Tiraden aus­ge­sucht. Geschla­gene 70 Minuten lang beschimpfte er ihn aus­dau­ernd als Nut­ten­preller“. Nun sah der Lini­en­richter weder danach aus, als habe er schon mal der käuf­li­chen Liebe gefrönt, noch als sei er anschlie­ßend den ver­ein­barten Lohn schuldig geblieben. Nur kon­se­quent, fühlte er sich also nicht ange­spro­chen und reagierte nicht auf die Prel­ler­schleife. was den Shouter schließ­lich derart in Rage brachte, dass er über die hüft­hohe Balus­trade sprang, sich von hinten an den Unpar­tei­ischen her­an­sch­lich, ihm die Fahne mopste und unter Gejohle der Umste­henden wieder zurück in den Block rannte.

Aber noch einmal: Abso­lute Aus­nahmen waren das. Es gab in den ver­gan­genen Dekaden übri­gens stets Spieler, welche die Atta­cken von den Rängen richtig ein­zu­ordnen wussten, als höchste Form der Aner­ken­nung näm­lich. Wenn keiner ›Kirsten, du Arsch­loch!‹ ruft, dann weiß ich, dass ich schlecht bin“, schloss Ulf Kirsten mes­ser­scharf. Ein Oliver Kahn badete gera­dezu in der Abnei­gung, die ihm aus den Kurven ent­gegen schlug. Und der alte Grät­scher Michael Schulz war stets kurz davor, seinen Ruf­namen Schulz-Dusau“ auch im Per­so­nal­aus­weis ein­tragen zu lassen.

Im Alter von etwa 55 Jahren beginnt die Meta­mor­phose des Sta­di­on­pöb­lers

Man wünscht den Ver­einen die Weit­sicht, den Pöb­lern im Sta­dion ein Über­leben als eigen­stän­dige Spe­zies zu ermög­li­chen. Ihr natür­li­cher Lebens­raum wird der­zeit leider immer weiter ein­ge­schränkt. Früher war es etwa mög­lich, sich auf den Tri­bünen frei zu bewegen. Hatten sich die Kra­keeler in der ersten Halb­zeit darauf kon­zen­triert, den geg­ne­ri­schen Tor­wart mit Schimpf­ka­no­naden zu zer­mürben, konnten sie ihr Werk in der zweiten Hälfte pro­blemlos hinter dem anderen Tor fort­setzen. Heute undenkbar, statt­dessen kommen grim­mige Ordner schon mit der Reit­peit­sche ange­laufen, wenn auch nur ein Vier­telfuß in den Trep­pen­auf­gang hin­ein­ragt. Pro­ble­ma­ti­scher noch ist die weit fort­ge­schrit­tene Äch­tung def­tiger Aus­drücke. Ein Klas­siker wie Tod und Hass dem BVB“, vor­ge­tragen mit geballter Faust und kalter Kippe im Mund­winkel, führt heute schon dazu, dass nebenan im Fami­li­en­block Väter ihrem Nach­wuchs schnell die Ohren zuhalten. Wenn sich dieser Trend ver­ste­tigt, wird womög­lich bald auch der Sta­di­on­pöbler nur noch in seiner häss­lichsten Form über­leben, als krank­haft ehr­gei­ziger Vater am Spiel­feld­rand von F‑Jugendspielen.

Im Pro­fi­fuß­ball gibt es übri­gens eine klare Alters­grenze. Im Alter von etwa 55 Jahren beginnt die Meta­mor­phose des Sta­di­on­pöb­lers zum Mecker­r­entner. In die Lei­den­schaft, mit der die Ver­wün­schungen und Ehr­ab­schnei­dungen vor­ge­tragen werden, mischt sich dann ein deut­li­cher Zug von Ver­bit­te­rung. Wäh­rend der Sta­di­on­pöbler immer von der vagen Hoff­nung ange­trieben wird, dass doch noch einmal ein Spieler oder Schieds­richter auf seine Tiraden reagiert, weiß der Mecker­r­entner, dass das nie­mals pas­sieren wird. Schimpfen tut aber auch er. Er kann nicht anders. Schließ­lich weiß er aus Erfah­rung: Alles Schweine und Nut­ten­preller! Typisch Ossis.