Seite 3: „Angesprochen, wer mit seiner Handykamera rumfummelt“

Die Sorgen vor Ver­drän­gung sind also doch berech­tigt?
Ja, bezie­hungs­weise vor einer spe­zi­fi­schen Form von Aus­schluss. Wenn man immer zum Spiel kommen will, muss man für Dau­er­karte und Ver­eins­mit­glied­schaft schon einiges auf­bringen. Das erhöht die Hürde für die­je­nigen, die weniger Geld haben. Da wird es zu einem öko­no­mi­schen Faktor, nicht nur bei Union, son­dern bei allen ver­mark­teten Sport­er­eig­nissen. Der maß­geb­liche Unter­schied ist: In der Stadt haben die Neuen die ent­spre­chenden Res­sourcen, um sich ganze Viertel anzu­eignen – höheres Kapital und die Bereit­schaft, damit Eigentum anzu­kaufen. Solange es bei Union keinen Auk­ti­ons­markt für Dau­er­karten gibt, ist diesem Pro­zess im Sta­dion eine Grenze gesetzt.

Wie wird sich der Sta­di­on­ausbau auf die Situa­tion aus­wirken?
Er wird sie ent­spannen, weil mehr Platz geschaffen wird. Diese Option hatten die ange­sagten Ber­liner Stadt­teile leider nie: dass man sie ver­grö­ßert und damit mehr Leuten Platz gibt. Des­halb kommt es zur Kon­kur­renz, die zur Ver­drän­gung führt. Aktuell hat Union mehr Mit­glieder als Heim­plätze. Der Sta­di­on­ausbau wird diesen Druck mil­dern.

Im städ­ti­schen Kon­text gründen sich Anwoh­ner­initia­tiven und es for­miert sich Pro­test gegen solche Ver­än­de­rungen. Gibt es unter Fans ein fuß­bal­le­ri­sches Äqui­va­lent?
Auch im Fuß­ball gibt es Blei­be­stra­te­gien. In kleinen Kreisen, die seit Jahren ins Sta­dion gehen, gibt es Soli­dar­ge­mein­schaften. Die einigen sich dann, wer auf wessen Dau­er­karte wie oft wohin geht. Oder die Karten werden wei­ter­geben, um mög­lichst vielen den Sta­di­on­be­such zu ermög­li­chen. Das Gegen­stück zum sozialen Woh­nungsbau gibt es von Ver­eins­seite noch nicht. Aber die Regeln zur Ticket­ver­gabe haben das Sta­dion An der Alten Förs­terei weit­ge­hend in ein Milieu­schutz­ge­biet ver­wan­delt. Wer schon dabei ist kann auf jeden Fall bleiben. Das unter­scheidet das Sta­dion An der Alten Förs­terei von den Auf­wer­tungs­ge­bieten in der Stadt.

Trotzdem gibt es unter­schied­liche Erwar­tungen zwi­schen Alt­ein­ge­ses­senen und New­co­mern.
Natür­lich ist es schöner, wenn das ganze Sta­dion brüllt. Doch wer zum ersten Mal da ist, wird nicht alles mit­singen können. Die Befürch­tung ist ja nicht, dass nur noch sekt­trin­kende Schlips­träger ins Sta­dion kommen. Son­dern dass die Iden­ti­fi­ka­tion mit Verein und Mann­schaft ver­loren geht. Bestimmte Stan­dards zum Umgang mit­ein­ander und zum Ver­halten im Sta­dion müssen ver­mit­telt werden, wenn neue Men­schen mit anderen Vor­stel­lungen dazu­kommen. 

Wie sollte man als Fan auf diese Ver­än­de­rungen reagieren?
Viel­fach werden die New­comer unmit­telbar ins Geschehen inte­griert. Wo ich stehe, wird jeder ange­spro­chen, der nach Spiel­be­ginn noch mit seiner Han­dy­ka­mera rum­fum­melt. Da findet eine Erzie­hung unter­ein­ander statt, die alle mit­ein­schließt. Es liegt in der Ver­ant­wor­tung aller, die Neu­an­kömm­linge mit­zu­reißen und das Union, das man haben will, mög­lichst per­fekt vor­zu­leben.

Sie spre­chen in Ihrer For­schung von Ver­än­de­rungen im Nach­bar­schafts­mi­lieu und in Bezie­hungen als Folge von Gen­tri­fi­zie­rung. Es ist also an den Fans, genau das im Sta­dion zu ver­hin­dern?
Das wich­tige ist: Im Unter­schied zu städ­ti­schen Auf­wer­tungs­pro­zessen haben sie die Chance dazu! Wenn man sich den Prenz­lauer Berg anschaut, hat dort ein kul­tu­reller Wandel statt­ge­funden, der mit dem mas­sen­haften Aus­tausch der Bewohner zusam­men­hing. Natür­lich fühlt sich der Koll­witz­platz heute anders an als vor 25 Jahren, weil ganz andere Men­schen dort leben. Bei Union ist das anders. Wir werden ewig leben, heißt es in der Hymne. Die Men­schen lassen sich nicht ein­fach ver­drängen. Die Leute hören nicht auf zu kommen, außer aus gesund­heit­li­chen Gründen oder weil sie umziehen müssen. Da ist eher die Gen­tri­fi­zie­rung der Stadt eine Gefahr für den Klub, wenn die Leute sich das Wohnen in Berlin nicht mehr leisten können.