Herr Holm, wo haben sie den Auf­stieg von Union Berlin ver­folgt?
Im Sta­dion, wes­halb meine Stimme noch etwas ange­schlagen ist. Im Seminar heute wurde viel gelesen (lacht). Ich bin seit über zehn Jahren eigent­lich bei jedem Heim­spiel dabei und fahre auch ab und zu aus­wärts.

Mit dem Auf­stieg in der Bun­des­liga schwingt in der Dis­kus­sion um Union neben der Euphorie auch eine Angst vor Ver­än­de­rungen auf den Rängen und inner­halb des Fan­kli­en­tels mit. Folgt jetzt die Gen­tri­fi­zie­rung des Sta­dions?
Die Sorge um Ver­än­de­rung prägt die Dis­kus­sion ja schon seit ein paar Jahren. Das hat mit der Ent­wick­lung des Ver­eins mehr zu tun, als mit dem Wechsel der Spiel­klasse. Das Sta­dion an der Alten Förs­terei ist immer voller, quasi eine Meta­pher zu Berlin: Es platzt aus allen Nähten. Natür­lich stellen sich Fragen, wie viele Neue noch rein­passen und wie es für die wird, die schon immer da sind. Der Verein geht mit den Chancen zur Kom­mer­zia­li­sie­rung aller­dings bisher sehr sorg­fältig um. Das Primat des Sta­di­on­be­suchs ist vom Prä­si­denten bis zum Haus­meister das Grund­prinzip. Das unter­scheidet uns auch von vielen anderen Klubs.

Wenn immer mehr Leute kommen, besteht aber doch die Gefahr, dass manche alt­ein­ge­ses­sene Fans um ihren Platz fürchten müssen?
Die aller­meisten sind ja nicht im Sta­dion geboren. Jeder war irgend­wann zum ersten Mal da und ist mit der Zeit zu einem Teil von Union geworden. Dass da neue Leute kommen, ist also erst einmal keine Gefahr. Die wich­tige Frage ist: Wie viele sind im Sta­dion, die Union über Jahre begleitet haben? Das regelt die Ticket­po­litik bis­lang sehr gut. Die Mit­glieder haben ein Pri­vileg beim Kauf, Dau­er­kar­ten­in­haber können diese ver­län­gern.

Die Alte Förs­terei wird also nicht der neue Prenz­lauer Berg?
Wenn man die Par­al­lele zur städ­ti­schen Gen­tri­fi­zie­rung zieht, ist Union eher das Rote Wien. Im Prenz­lauer Berg kommen 80 Pro­zent Neue und es bestimmt sich dar­über, wer den höchsten Preis zahlt. In Wien werden eta­blierte Bewohner gesetz­lich geschützt, damit sie in ihren Vier­teln bleiben können. Bei Union wurde bei­spiels­weise die Fami­li­en­mit­glied­schaft ein­ge­führt. Das spricht dafür, dass der Klub die­je­nigen im Sta­dion haben möchte, die das Erlebnis vor Ort seit Jahren mit­ge­prägt haben.

In der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ratur wird von einem Aus­tausch der sta­tus­nied­ri­geren gegen sta­tus­hö­here Bewohner gespro­chen. Lässt sich die Ent­wick­lung bei Union ver­glei­chen?
In städ­ti­schen Kon­texten ist die Ver­drän­gung der Kern der Gen­tri­fi­zie­rung. Diese Gefahr sehe ich bei Union aktuell nicht. Aber die Fan­kultur bestand auch in der Ver­gan­gen­heit nicht nur aus Arbei­tern und dem Sub­pro­le­ta­riat, es gab immer eine Mischung. Natür­lich ist es zum Bei­spiel auch für meine Stu­die­renden inter­es­sant, zu Union zu gehen. 

Welche Rolle spielt der Mythos Union“ für den Reiz des Klubs in anderen Milieus?
Sobald du ein kul­tu­relles Allein­stel­lungs­merkmal hast, wirst du für ein dis­tink­ti­ons­be­wusstes Publikum attraktiv. Viel­leicht nicht für die, die mit Cham­pa­gner­glä­sern in der ver­glasten VIP-Loge sitzen. Oder zumin­dest nicht für viele. Aber das Moment, bei einem angeb­li­chen Arbei­ter­verein aus dem Osten auf der Steh­tri­büne rum­zu­turnen, macht den Verein attraktiv für Men­schen aus anderen sozialen Schichten, die sich das ansehen wollen.

Wie wirkt sich die soziale Her­kunft aus?
Union ist eher geeignet, um auch von Men­schen aus den urbanen Dienst­leis­tungs­mi­lieus in den eigenen Lebens­stil ein­ge­baut zu werden. Das ist paradox, denn das Sta­di­on­er­lebnis bei Hertha ist ja viel anschluss­fä­higer. Aber die Attrak­ti­vität von Union basiert auf dem Dis­tink­ti­ons­po­ten­tial: Auf einer WG-Party, oder bei Leuten, die eher ins Theater gehen, kannst du Union besser ver­mit­teln, als regel­mä­ßige Besuche im Olym­pia­sta­dion. 

Die glei­chen Leute ziehen wahr­schein­lich auch eher nach Neu­kölln oder Kreuz­berg als Char­lot­ten­burg oder Ste­glitz.
Der klas­si­sche Gen­tri­fier, der sich vom coolen Berlin ange­lockt fühlt, sich eine Woh­nung in Kreuz­berg neben dem ehe­mals besetzten Haus kauft, wird eher zu Union als zu Hertha gehen. Aus der Stadt­for­schung kennen wir die Ima­gi­na­tion von angeb­li­cher Authen­ti­zität für bestimmte Lebens­stil­gruppen. Leute, die unbe­dingt in einem hun­dert Jahre alten Viertel wohnen wollen, weil sie den Altbau“ so toll finden, gehen auch lieber in ein Sta­dion das eine Fuß­ball­kultur wie früher“ ver­spricht.

Das kann man doch den Stadt­teilen ebenso wenig vor­werfen wie dem Verein?
Natür­lich nicht. Und beide werden das Image nicht ver­ste­cken, auch wenn es von anderen kapi­ta­li­siert werden kann. Wir werden keine Red-Bull-Getränke ver­kaufen, nur um Leute abzu­schre­cken, die ein authen­ti­sches Sta­di­on­er­lebnis suchen.

Den­noch: Wie in einem Stadt­viertel bringen die New­comer doch not­wen­di­ger­weise Ver­än­de­rungen mit sich.
In der Stadt läuft es so: Die sub­kul­tu­relle Attrak­ti­vität, das Image eines Vier­tels ist für Bes­ser­ver­die­nende attraktiv, sie ziehen dorthin und ver­drängen die ange­stammten Bewohner. In den Fuß­ball über­setzt heißt das, Leute kommen mit Erwar­tungen in das Sta­dion, die sie aus Medien und Erzäh­lungen zusam­men­setzen. Da werden völlig skur­rile Bilder ver­mit­telt: die süßen Ossis, die am Tag der Werk­tä­tigen feiern und sowas. In der städ­ti­schen Gen­tri­fi­zie­rung bilden sich aber kom­plett orts­ferne Enklaven. Dann domi­nieren statt pro­le­ta­ri­scher Eck­kneipen auf einmal die berüch­tigten Latte-Mac­chiato-Bars. Im Fall von Union und dem Fuß­bal­l­er­lebnis im Sta­dion An der Alten Förs­terei erscheint mir so eine Ent­wick­lung aus­ge­schlossen. Wie sollte das auch gehen? Bringen dann die Neuen beim ersten Bun­des­liga-Heim­spiel ihre Klapp­stühle auf die Steh­tri­büne?

Aber der Preis beein­flusst doch nicht nur in der Stadt son­dern auch im Sta­dion die Zusam­men­set­zung des Publi­kums. Bei­spiel: Pre­mier League.
Tat­säch­lich merken wir dahin­ge­hend eine Auf­wer­tung. Die hohe Nach­frage, das fast immer aus­ver­kaufte Sta­dion führen zu einer schritt­weisen Preis­er­hö­hung. Der Verein hat darauf reagiert und pri­vi­le­giert Ver­eins­mit­glieder. Aber die Mit­glied­schaft können viele auch nicht ein­fach aus der Hosen­ta­sche bezahlen, das Fuß­bal­l­er­lebnis über eine ganze Saison ist in den letzten Jahren teurer geworden.

Die Sorgen vor Ver­drän­gung sind also doch berech­tigt?
Ja, bezie­hungs­weise vor einer spe­zi­fi­schen Form von Aus­schluss. Wenn man immer zum Spiel kommen will, muss man für Dau­er­karte und Ver­eins­mit­glied­schaft schon einiges auf­bringen. Das erhöht die Hürde für die­je­nigen, die weniger Geld haben. Da wird es zu einem öko­no­mi­schen Faktor, nicht nur bei Union, son­dern bei allen ver­mark­teten Sport­er­eig­nissen. Der maß­geb­liche Unter­schied ist: In der Stadt haben die Neuen die ent­spre­chenden Res­sourcen, um sich ganze Viertel anzu­eignen – höheres Kapital und die Bereit­schaft, damit Eigentum anzu­kaufen. Solange es bei Union keinen Auk­ti­ons­markt für Dau­er­karten gibt, ist diesem Pro­zess im Sta­dion eine Grenze gesetzt.

Wie wird sich der Sta­di­on­ausbau auf die Situa­tion aus­wirken?
Er wird sie ent­spannen, weil mehr Platz geschaffen wird. Diese Option hatten die ange­sagten Ber­liner Stadt­teile leider nie: dass man sie ver­grö­ßert und damit mehr Leuten Platz gibt. Des­halb kommt es zur Kon­kur­renz, die zur Ver­drän­gung führt. Aktuell hat Union mehr Mit­glieder als Heim­plätze. Der Sta­di­on­ausbau wird diesen Druck mil­dern.

Im städ­ti­schen Kon­text gründen sich Anwoh­ner­initia­tiven und es for­miert sich Pro­test gegen solche Ver­än­de­rungen. Gibt es unter Fans ein fuß­bal­le­ri­sches Äqui­va­lent?
Auch im Fuß­ball gibt es Blei­be­stra­te­gien. In kleinen Kreisen, die seit Jahren ins Sta­dion gehen, gibt es Soli­dar­ge­mein­schaften. Die einigen sich dann, wer auf wessen Dau­er­karte wie oft wohin geht. Oder die Karten werden wei­ter­geben, um mög­lichst vielen den Sta­di­on­be­such zu ermög­li­chen. Das Gegen­stück zum sozialen Woh­nungsbau gibt es von Ver­eins­seite noch nicht. Aber die Regeln zur Ticket­ver­gabe haben das Sta­dion An der Alten Förs­terei weit­ge­hend in ein Milieu­schutz­ge­biet ver­wan­delt. Wer schon dabei ist kann auf jeden Fall bleiben. Das unter­scheidet das Sta­dion An der Alten Förs­terei von den Auf­wer­tungs­ge­bieten in der Stadt.

Trotzdem gibt es unter­schied­liche Erwar­tungen zwi­schen Alt­ein­ge­ses­senen und New­co­mern.
Natür­lich ist es schöner, wenn das ganze Sta­dion brüllt. Doch wer zum ersten Mal da ist, wird nicht alles mit­singen können. Die Befürch­tung ist ja nicht, dass nur noch sekt­trin­kende Schlips­träger ins Sta­dion kommen. Son­dern dass die Iden­ti­fi­ka­tion mit Verein und Mann­schaft ver­loren geht. Bestimmte Stan­dards zum Umgang mit­ein­ander und zum Ver­halten im Sta­dion müssen ver­mit­telt werden, wenn neue Men­schen mit anderen Vor­stel­lungen dazu­kommen. 

Wie sollte man als Fan auf diese Ver­än­de­rungen reagieren?
Viel­fach werden die New­comer unmit­telbar ins Geschehen inte­griert. Wo ich stehe, wird jeder ange­spro­chen, der nach Spiel­be­ginn noch mit seiner Han­dy­ka­mera rum­fum­melt. Da findet eine Erzie­hung unter­ein­ander statt, die alle mit­ein­schließt. Es liegt in der Ver­ant­wor­tung aller, die Neu­an­kömm­linge mit­zu­reißen und das Union, das man haben will, mög­lichst per­fekt vor­zu­leben.

Sie spre­chen in Ihrer For­schung von Ver­än­de­rungen im Nach­bar­schafts­mi­lieu und in Bezie­hungen als Folge von Gen­tri­fi­zie­rung. Es ist also an den Fans, genau das im Sta­dion zu ver­hin­dern?
Das wich­tige ist: Im Unter­schied zu städ­ti­schen Auf­wer­tungs­pro­zessen haben sie die Chance dazu! Wenn man sich den Prenz­lauer Berg anschaut, hat dort ein kul­tu­reller Wandel statt­ge­funden, der mit dem mas­sen­haften Aus­tausch der Bewohner zusam­men­hing. Natür­lich fühlt sich der Koll­witz­platz heute anders an als vor 25 Jahren, weil ganz andere Men­schen dort leben. Bei Union ist das anders. Wir werden ewig leben, heißt es in der Hymne. Die Men­schen lassen sich nicht ein­fach ver­drängen. Die Leute hören nicht auf zu kommen, außer aus gesund­heit­li­chen Gründen oder weil sie umziehen müssen. Da ist eher die Gen­tri­fi­zie­rung der Stadt eine Gefahr für den Klub, wenn die Leute sich das Wohnen in Berlin nicht mehr leisten können.