Nehmen wir ein Schüt­zen­fest. Dort, wo viele Men­schen schon gegen 22 Uhr den Kampf gegen den Alkohol ver­loren haben. Die Bier­zelte glei­chen Taran­tinos Titty Twister“ und die Besu­cher den Vam­piren, deren Köpfe beim ersten Son­nen­strahl explo­dieren. Und am Auto­scooter trifft man mit dem neuen Dar­ling auf den oder die Ver­flos­sene – von vor zwei Jahren, zwei Tagen oder zwei Stunden. Die ent­schei­dende Frage dann: wie ver­halten? Scheu grüßen, ein­ander vor­stellen oder ent­hemmt los­flennen?

Ver­stei­nerter Blick, alle Glück­wün­sche abwehren

Nehmen wir die Bun­des­liga. Jene Sin­gle­börse, bei der Spieler schon überall mal zum Pro­be­liegen waren. Eric Maxim Choupo-Moting hat beim Ham­burger SV gespielt, war an den 1. FC Nürn­berg aus­ge­liehen, wollte nach Köln, dann ver­sagte das Fax­gerät – und nun spielt er beim FSV Mainz 05. Der Mann ist erst 22 Jahre alt. Er muss aber schon bei drei Geg­nern in der Liga auf­passen, wie er jubelt. Denn mitt­ler­weile gilt es als schwerer Ver­stoß gegen die guten Sitten, bei einem Tor gegen den Ex-Verein die Arme hoch­zu­reißen. Ver­stei­nerter Blick, alle Glück­wün­sche abwehren, tief erschüt­tert zur Mit­tel­linie traben – der inzwi­schen nicht mehr ganz so neue Code of Con­duct.

Der ja bei Licht besehen eine nicht ganz ehr­liche Nummer ist. Denn man tut den Kickern sicher nicht Unrecht, wenn man unter­stellt, dass ihnen nach solch einem Tor gar nicht so elend zumute ist, wie es die bedröp­pelte Miene ver­muten lässt. Und dass sich statt­dessen die Gemüts­ver­fas­sung durchaus mit den Versen beschreiben lässt, die die Ärzte“ einst einem vom Weibe ver­las­senen jungen Mann auf den Leib schnei­derten: Eines Tages werd’ ich mich rächen / Ich werd’ die Herzen aller Mäd­chen bre­chen / Dann bin ich ein Star, der in der Zei­tung steht / Und dann tut es dir leid, doch dann ist es zu spät.“ Nun ver­langt nie­mand, vor der geg­ne­ri­schen Kurve hämisch den blei­chen Aller­wer­testen zu lüften. Aber erst eis­kalt zu voll­stre­cken, um danach noch schuld­be­wusster drein­zu­bli­cken als Margot Käß­mann nachts am Steuer – dafür muss man schon ziem­lich abge­zockt sein.

Dabei war ja zu ver­muten, bei der Jubel­ver­wei­ge­rung han­dele es sich ledig­lich um eine flüch­tige Mode­er­schei­nung. Aber schon am zweiten Spieltag der Saison 2010/11 traf der Her­thaner Tunay Torun gegen den Ham­burger SV zum 1:1, gegen den Klub also, bei dem Torun ein paar Jahre gegen den Ball getreten hatte. Ich habe nicht geju­belt – aus Respekt vor dem Verein“, ver­kün­dete er tief bewegt. Nur um später seiner alten Mann­schaft feh­lenden Team­geist vor­zu­werfen. Ähn­lich strin­gent ver­hielt sich Jan Moravek. Der vom FC Schalke aus­ge­lie­hene Tscheche erzielte für den 1. FC Kai­sers­lau­tern ein Tor gegen die Gel­sen­kir­chener und ver­zich­tete zunächst demons­trativ auf den Jubel – um nur kurze Zeit später im Über­schwang der Gefühle das Lau­terer Wappen zu küssen. Ja, es ist Liebe! Hüb­sche Pointe: Heute spielt Moravek wieder auf Schalke. Auf dem Schüt­zen­fest hätte Moravek erst seine neue Flamme vor seiner Ex ver­steckt, um gleich danach ein mieses Pet­ting vor ihren Augen zu starten.

Wie über­haupt der Fall Moravek all die Fall­stricke offen­bart, in die ein Absti­nenzler laufen kann. Noto­ri­sche Wan­der­vögel wie Mo Idrissou, Jan Simak oder Theo­fanis Gekas zum Bei­spiel dürften über­haupt nicht mehr jubeln, schließ­lich waren sie so ziem­lich bei jedem deut­schen Klub schon mal unter Ver­trag oder zumin­dest kurz­zeitig im Gespräch. Und wo wir einmal dabei sind: Reicht es über­haupt, nur Ex-Ver­einen Res­pekt zu bezeugen? Muss nicht jeder Bun­des­li­ga­profi eilends seinen Stamm­baum zum Stich­wort Land meiner Vor­fahren“ (Mesut Özil) durch­forsten? Wer kann denn noch reinen Gewis­sens über Tore gegen Kai­sers­lau­tern jubeln, wenn der Urgroß­vater gebür­tiger Pfälzer war? Und nur wer ein kaltes Herz aus Stein hat, wird sich über einen Treffer gegen Dresden, Ros­tock, Cottbus, Aue freuen, wenn die Omma 1955 aus der Zone rüber­ge­macht hat.

Es ist wahr, ich habe ange­fangen zu weinen!“

Aber: Jeder Mensch macht Fehler. Und muss dann hin­terher eben tätige Reue zeigen. So wie Stürmer Fabrizio Mic­coli: Als der Kapitän des US Palermo gegen seinen Hei­mat­verein Lecce mit einem herr­li­chen Frei­stoß traf, brach er unter Tränen zusammen und bat seinen Trainer um Aus­wechs­lung. Es ist wahr, ich habe ange­fangen zu weinen und konnte nicht mehr auf­hören“, wim­merte er. Ich weinte nach dem Tor auf dem Platz, ich weinte in der Kabine. Lecce ist meine Mann­schaft, und ich habe sie ver­letzt.“

Wie roman­tisch! Wir würden Fabrizio Mic­coli gerne ob seiner rit­ter­li­chen Geste zuju­beln, ver­zichten aber. Aus Respekt.

Hin­weis: Dieser Text erschien erst­mals im Oktober 2011.