Tschüss, bis zum nächsten Mal“, sagt Hen­rikh Mkhi­ta­ryan. Er tut dies mit einem leisen, so char­manten Lächeln, dass man für einen Augen­blick ver­sucht ist, ihn zum Abschied zu umarmen. Schließ­lich hat man in dem jungen Mann gerade einen neuen Freund fürs Leben gefunden. Dann geht der teu­erste Fuß­baller in der Geschichte von Borussia Dort­mund den Gang ent­lang, vorbei an der futu­ris­ti­schen Mischung aus Ball­ma­schine und Bolz­käfig namens Foot­bo­naut, und macht sich auf den Weg zum Trai­nings­platz. Als die Tür hinter ihm zuschlägt, erin­nert man sich wieder daran, dass dies nur ein beruf­li­cher Termin für den Profi aus Arme­nien gewesen ist. So wie viele Dut­zend in der Ver­gan­gen­heit und ver­mut­lich hun­derte in der Zukunft.

In sol­chen Momenten wird deut­lich, warum bei der Borussia alle so großen Respekt vor Mkhi­ta­ryan haben. Nicht wegen seiner fuß­bal­le­ri­schen Fähig­keiten – obwohl viele Alt­ein­ge­ses­sene Stein und Bein schwören, dass seit Paolo Sousa kein bes­serer Kicker das schwarz-gelbe Trikot getragen hat. Son­dern weil sich nie­mand an einen Neu­zu­gang erin­nern kann, der ein ähn­lich ein­neh­mendes Wesen gehabt hätte wie der Mann, für den die Borussia vor Sai­son­be­ginn 27,5 Mil­lionen Euro bezahlte. Mkhi­ta­ryan kommt stets so umgäng­lich, freund­lich, bescheiden und höf­lich daher, dass ihn jeder rasch ins Herz schließt. Selbst Jour­na­listen.

Wenn man irgendwo hin­geht, egal wohin, muss man freund­lich zu allen Men­schen sein“, sagt er, als er darauf ange­spro­chen wird, wie offen­kundig beliebt er in seinem Umfeld ist. Es hilft einem bei der Inte­gra­tion, aber es ist auch gut für die Zukunft, wenn man Freunde hat. Wer weiß, viel­leicht braucht man später einmal, in zehn Jahren oder so, die Hilfe von jemandem. Und dann ist es gut, wenn er sich positiv an dich erin­nert. Freund­lich­keit ist nicht nur eine Sache des Moments, sie wird dir später einmal helfen. Ich bin ein­fach gerne freund­lich.“

Was den Spiel­ma­cher des BVB abseits des Platzes zu einer aus­ge­spro­chen ange­nehmen Erschei­nung macht, kann ihm bei der Berufs­aus­übung aller­dings schon mal als Mangel an Lei­den­schaft aus­ge­legt werden. Er ist nun mal kein Mann der großen Gesten und gefletschten Zähne. Er nimmt grobe Fouls seiner Gegen­spieler gleich­mütig und mit der­selben undurch­dring­li­chen Miene hin wie Fehl­pässe seiner Mit­spieler. Ich kann kein Egoist sein, wenn ich in eine Mann­schaft komme, und nur an mich denken“, sagt er. Ich kann doch nicht neu irgend­wohin kommen und dann die anderen Spieler anschreien oder mich auf­spielen.“

Wer ihn fragt, ob ihm schon mal ein Trainer gesagt habe, dass er zu nett sei, erlebt zwei Über­ra­schungen. Die erste ist, dass der Mann, der im Fern­sehen immer so ernst­haft wirkt, laut auf­lacht. Die zweite ist, dass er sagt: Das haben alle Trainer gesagt. Alle haben mir gesagt, dass ich zu viel für die Mann­schaft spiele und dass es manchmal gut sein kann, ego­is­ti­scher zu sein. Also ver­suche ich, ein Egoist zu sein.“ Bevor der Zuhörer auf dumme Gedanken kommt, schränkt er ein: Aber nur auf dem Platz!“

Man muss kein Experte für Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung sein, um zu ver­stehen, warum Hen­rikh Mkhi­ta­ryan so ist, wie er ist. Der Arme­nier hat früher und ver­mut­lich auch schneller als die meisten anderen Men­schen lernen müssen, wie man sich ver­halten sollte, wenn man neu irgend­wohin kommt“ – zum Bei­spiel in ein anderes Uni­versum. Und dass es Lebens­um­stände gibt, unter denen Ego­ismus nicht bloß eine unan­ge­nehme Eigen­schaft ist, son­dern eine gefähr­liche.

Hen­rikh Mkhi­ta­ryan wurde Anfang 1989 in der arme­ni­schen Haupt­stadt Jerewan geboren, als das kleine Land an der Ost­grenze der Türkei noch eine Teil­re­pu­blik der Sowjet­union war. Sein Vater war ein recht bekannter Fuß­ball­profi, der Mitte der Acht­ziger mal zweit­bester Tor­schütze der sowje­ti­schen Liga wurde, obwohl sein Verein in jener Saison lange im Abstiegs­kampf steckte. Er trug den unge­wöhn­li­chen Vor­namen Hamlet, für den sein Sohn heute keine Erklä­rung hat. Jeden­falls war es nicht so, als wären Hen­rikhs Groß­el­tern solch große Shake­speare­freunde gewesen, dass sie ihr ein­ziges Kind nach einer Thea­ter­figur benannten. Fragen konnte Hen­rikh sie nicht, denn nur sieben Monate nach seiner Geburt sie­delte Hamlet Mkhi­ta­ryan mit seiner Familie nach Frank­reich um und schloss sich dem unter­klas­sigen Verein ASOA Valence an, den er einige Jahre später zum Auf­stieg in die zweite Liga schießen würde.

Warum der damals 26 Jahre alte Stürmer im besten Sport­ler­alter aus­ge­rechnet nach Valence ging, erklärt das zweite A“ im Ver­eins­namen. Es steht für Armé­ni­enne“ und ver­weist darauf, dass dieser Klub von arme­ni­schen Ein­wan­de­rern gegründet worden ist, die ihre Heimat einst aus Angst um Leib und Leben ver­lassen haben. Die christ­li­chen Arme­nier waren in ihrer Geschichte oft Opfer von reli­giöser Ver­fol­gung. Das ist einer der Gründe, aus denen sie heute über die ganze Welt ver­streut sind. In Arme­nien leben etwas mehr als drei Mil­lionen Men­schen“, rechnet Hen­rikh Mkhi­ta­ryan vor. Aber auf dem Rest der Erde leben über acht Mil­lionen Arme­nier! Familie von mir lebt in den USA, in Russ­land, in Frank­reich … eigent­lich überall.“

Hen­rikh und seine drei Jahre ältere Schwester Monika wuchsen als Fran­zosen auf, oder zumin­dest hatten sie eine in weiten Teilen west­eu­ro­pä­isch geprägte Kind­heit. Auf Fotos aus jener Zeit lässt sich kein Unter­schied erkennen zwi­schen den beiden Geschwis­tern und den Nach­bars­kin­dern, mit denen sie bei einem Grill­fest spielen, an einem heißen süd­fran­zö­si­schen Som­mertag am Cam­ping­tisch sitzen oder sich für die Kamera in Positur werfen. Auf­fal­lend ist höchs­tens, dass der kleine Hen­rikh auf vielen Fotos in der Nähe seines Vaters zu sehen ist. Und das fällt wohl nur des­halb auf, weil der Betrachter heute weiß, dass die glück­li­chen Tage damals schon gezählt waren, ohne dass die Familie es ahnte. Noch hatte sie nicht erfahren, dass in Ham­lets Kopf ein Gehirn­tumor wucherte.

Ich bin in Frank­reich groß geworden und kam zurück nach Arme­nien, als ich sieben Jahre alt war“, sagt Hen­rikh Mkhitar­yan über den großen Ein­schnitt in seinem Leben. Wir gingen zurück, weil mein Vater schwer krank war.“ Auch meh­rere Ope­ra­tionen konnten Hamlet Mkhi­ta­ryan nicht retten. Er kehrte zum Sterben in die Heimat zurück und erlag der Krebs­er­kran­kung im Alter von nur 33 Jahren.

Es macht seinem Sohn heute, fast zwei Jahr­zehnte später, augen­schein­lich nichts aus, über diese Zeit zu reden. Zwar lächelt der bis­lang so auf­ge­räumte Hen­rikh Mkhi­ta­ryan jetzt nicht mehr, aber seine Stimme ist so fest wie sein Blick, als er sagt, er habe wohl einen Teil seiner Kind­heit ver­loren. Später erzählt er, dass er sich noch heute Videos von seinem Vater ansieht, und zwar nicht nur Spiel- und Trai­nings­szenen des Fuß­bal­lers, son­dern auch pri­vate Auf­nahmen von Hamlet Mkhi­ta­ryan, dem Ober­haupt einer kleinen Familie. Es musste ja wei­ter­gehen“, sagt er. Wir hatten unser Leben noch und mussten es wei­ter­leben. Ich denke, das war auch der Grund, aus dem wir über­haupt nach Arme­nien zurück­kamen: um nach dem Tod meines Vaters wei­ter­ma­chen zu können. Wenn er gesund geblieben wäre, hätten wir weiter in Frank­reich gelebt.“

So musste der gerade mal schul­reife Hen­rikh gleich auf meh­reren Ebenen neu erlernen, wer er war und welche Rolle er spielen sollte. Denn er hatte ja nicht nur seinen Vater ver­loren, son­dern war auch noch gleich­zeitig in ein Par­al­lel­uni­versum kata­pul­tiert worden. Ich wusste im Grunde nichts über Arme­nien, als wir Frank­reich ver­ließen“, sagt er. Erst als wir wieder in Arme­nien lebten, begann ich mich auch wieder als Arme­nier zu fühlen. Vieles war mir fremd. Aber meine Mutter sprach mit mir, um mir alles zu erklären. Sie hat mir in dieser Zeit viel über mein Hei­mat­land und seine Kultur erzählt.“

Heute ist der Dort­munder Profi so arme­nisch, dass er im Gegen­satz zu fast allen seinen Kol­legen kein Freund von Spiel­kon­solen und anderem tech­ni­schen Schnick­schnack ist, son­dern den ruhigen, bedäch­tigen und etwas alt­mo­di­schen Natio­nal­sport Arme­niens viel fas­zi­nie­render findet: Schach. Ich spiele nicht gerne Play­sta­tion, weil mich das nervös macht“, sagt er lachend und setzt dann etwas ernst­hafter hinzu: Heute sind alle nur noch an tech­ni­schen Geräten inter­es­siert. Selbst wenn gespielt wird, pas­siert das am Com­puter oder am Telefon.“

Damals hin­gegen wird die Umstel­lung auf eine arme­ni­sche Lebens­weise – zumal unter der größten emo­tio­nalen Belas­tung, die man sich denken kann – enorm schwierig gewesen sein. Doch es musste, wie Mkhi­ta­ryan sagt, ja wei­ter­gehen. Und wie es wei­ter­ging, das ist viel­leicht das Erstaun­lichste an dieser ganzen wen­dungs­rei­chen Fami­li­en­ge­schichte. Denn in einem Land, in dem die Geschlech­ter­rollen noch immer tra­di­tio­nell inter­pre­tiert werden, stellten sich die weib­li­chen Mit­glieder der Familie Mkhi­ta­ryan zunächst einmal als ziem­lich patent heraus. Und dann drehte es das Schicksal so, dass alle Mkhi­ta­ryans auch noch im Beruf des so früh ver­stor­benen Vaters und Ehe­manns lan­deten – im Fuß­ball.

Den Anfang machte Hen­rikhs Mutter, Marina Tash­chyan. (In Arme­nien behalten die Ehe­partner oft den Fami­li­en­namen, den sie bei der Heirat trugen.) Als mein Vater starb, musste sie Arbeit finden, um ein Ein­kommen zu haben und die Familie zu ernähren“, sagt Mkhi­ta­ryan. Und so nahm sie damals einen Job beim Ver­band an und arbeitet dort noch immer.“ Heute leitet Marina Tash­chyan gleich zwei Abtei­lungen im arme­ni­schen Fuß­ball­ver­band. Sie ist sowohl für die Arbeit an der Basis als auch die Koor­di­na­tion der ver­schie­denen Aus­wahl­mann­schaften ver­ant­wort­lich. Sie kann ohne Arbeit nicht leben“, sagt ihr Sohn seuf­zend.

er Nächste war natür­lich Hen­rikh. Er trat in Jerewan in den FC Pjunik ein und ver­schrieb sich völlig dem Fuß­ball. Als er im ver­gan­genen Sommer, kurz nach seinem Wechsel nach Dort­mund, in einem Inter­view erwähnte, dass er den BVB schon ver­folgt habe, als Jan Koller und Tomas Rosicky noch Schwarz-Gelb trugen, war das weder Anbie­derei noch Über­trei­bung. Das lag ein­fach daran, dass ich immer schon nichts anderes gemacht habe, als Fuß­ball zu schauen“, führt er aus. Das war vor zehn Jahren nicht anders als heute. Ich habe mich mein ganzes Leben lang für Fuß­ball inter­es­siert. Ganz egal, ob es die fran­zö­si­sche Liga war, die eng­li­sche, spa­ni­sche, ita­lie­ni­sche oder deut­sche. Ich habe alle Spiele gesehen, die ich sehen konnte.“

Schließ­lich lan­dete auch Monika im Fuß­ball. Und zwar ganz oben. Sie arbeitet heute für keinen Gerin­geren als Michel Pla­tini im UEFA-Haupt­quar­tier in der Schweiz. Ja, das ist irgendwie komisch“, sagt ihr Bruder. Und lacht mal wieder, wie eigent­lich ständig wäh­rend des Gesprächs. Aber jeder von uns hat sich seinen Job selbst gewählt. Es ist ein­fach so pas­siert. Als Michel Pla­tini UEFA-Prä­si­dent werden wollte, reiste er im Rahmen seines Wahl­kampfes durch ganz Europa und besuchte auch Arme­nien. Und dort hat meine Schwester für ihn gedol­metscht, weil sie natür­lich per­fekt Fran­zö­sisch spricht.“ Als Monika dann einige Jahre später nach einem Stu­dium in Frank­reich eine Prak­ti­kums­stelle suchte, schickte sie viele Bewer­bungen los. Die erste posi­tive Ant­wort kam von der UEFA. Man hat sich wahr­schein­lich an sie erin­nert“, sagt Mkhi­ta­ryan. Es war Zufall.“

Die schwie­rigen Jahre nach dem Tod des Vaters lehrten Mkhi­ta­ryan nicht nur, wie man sich an ver­än­derte Umstände und eine fremde Kultur anpasst, sie schweißten auch die drei hin­ter­blie­benen Mit­glieder der Familie eng zusammen. Zu dritt konnten sie nur über die Runden kommen, wenn jeder Ein­zelne sich zurück­nahm. Ego­ismus war fehl am Platz, die Familie musste als Ein­heit funk­tio­nieren. Das ist der Grund, aus dem die drei heute noch alles mit­ein­ander bespre­chen, was für einen von ihnen wichtig werden könnte. Und warum Mircea Luces­cu, Mkhi­ta­ryans Trainer bei Schachtar Donezk, mal stöhnte: Jedes Mal, wenn ich ihn was frage, ant­wortet er: ›Da muss ich erst mit meiner Mutter reden.‹“ Viel­leicht war es dieses Zitat, das zu dem Gerücht führte, Mkhi­ta­ryans Mutter hätte auch lange als seine Bera­terin fun­giert. Aber das ist natür­lich völ­liger Unsinn. Nein“, sagt Mkhi­ta­ryan, das war meine Schwester.“ Und lacht.

Erst als er den Sprung von Schachtar Donezk zu einem großen euro­päi­schen Verein wagen wollte, konnte Mkhi­ta­ryan die Ver­hand­lungen nicht mehr seiner Schwester anver­trauen, so clever sie auch sein mochte. (Schon allein weil der anste­hende Transfer äußerst kom­pli­ziert zu werden ver­sprach, da die Rechte nicht nur bei Schachtar lagen, son­dern auch bei Mkhi­ta­ryans vor­he­rigen Ver­einen, Pjunik Jerewan und Metalurh Donezk.) Zusammen, als Familie, ent­schieden sich Hen­rikh, Monika und Marina für den Star-Agenten Car­mine Mino“ Raiola. Es war eine selt­same Wahl, denn der Ita­liener Raiola gilt als exzen­trisch, hemds­är­melig, halb­seiden und auf­brau­send (siehe dazu auch Seite 88 dieser Aus­gabe). Anders gesagt: Er ist alles, was Mkhi­ta­ryan nicht ist. Viel­leicht bekam Raiola gerade des­wegen den Deal in tro­ckene Tücher, den der Arme­nier haben wollte. Ich bin ihm dankbar, denn er hat bei meinem Wechsel zu Borussia Dort­mund einen guten Job gemacht“, sagt Mkhi­ta­ryan, dem auch Ange­bote aus der Pre­mier League vor­lagen. Ich hatte mir Dort­mund aus­ge­sucht, weil ich die Art mochte, wie sie dort spielen. Die Spieler gefielen mir auch – und dann war da natür­lich noch der groß­ar­tige Trainer, Jürgen Klopp. Nachdem ich mit ihm gespro­chen hatte, war die Ent­schei­dung für mich gefallen. Da wollte ich nur noch nach Dort­mund.“

er wissen will, warum der BVB wie­derum unbe­dingt wollte, dass Mkhi­ta­ryan nach Dort­mund kommt, muss den Arme­nier nur spielen sehen. Er ist tech­nisch bril­lant, mit und ohne Ball flink, lauf­freudig, hand­lungs­schnell und spiel­in­tel­li­gent. Könnte Klopp sich einen Profi per gene­ti­schem Bau­kasten zusam­men­klonen, dann sähe er ver­mut­lich exakt so aus. (Leid­ge­prüfte Fans nör­geln, dass Mkhi­ta­ryan ein der­maßen klas­si­scher Klopp-Kicker ist, dass zu seinen Talenten auch das Ver­geben von Groß­chancen zählt.)

Doch trotz seiner her­aus­ra­genden Anlagen gelang dem Arme­nier in der ersten Sai­son­hälfte der Durch­bruch nicht so richtig. Das heißt kei­nes­wegs, dass er schlecht spielte oder gar ent­täuschte. Im Gegen­teil, fast immer lie­ferte Mkhi­ta­ryan eine min­des­tens ordent­liche Leis­tung ab. Aber fast immer hatte man auch den Ein­druck, dass er nur einen Bruch­teil seines Poten­tials auf den Rasen über­tragen konnte, als hin­dere ihn eine Sperre daran, sich zu ent­falten.

Dafür gibt es natür­lich eine Reihe von Gründen. Da wäre die Umstel­lung auf eine neue Rolle und Posi­tion: Wenn eine Flanke von der Seite kam, musste ich im Zen­trum sein“, sagt Mkhi­ta­ryan über die Auf­gabe, die er fünf Jahre lang bei den beiden Klubs in Donezk zu erfüllen hatte. Hier ist es auf eine andere Art anspruchs­voll, denn wir spielen auf Konter und brau­chen jemanden, der den Ball schnell vom einen Straf­raum zum anderen bringt.“ Dazu kamen noch die ganzen Ver­let­zungen – Mkhitar­yans eigene (eine Blessur im Sprung­ge­lenk, die ihn einen Monat der Sai­son­vor­be­rei­tung kos­tete) sowie die von diversen Mit­spie­lern, was den BVB ständig zu Umstel­lungen zwang.

Doch das grö­ßere Pro­blem scheint ein psy­cho­lo­gi­sches gewesen zu sein. So paradox es klingen mag, Mkhi­ta­ryan wirkte vor der Win­ter­pause oft wie jemand, der sich zu sehr auf Fuß­ball kon­zen­triert, um wirk­lich seinem Können ange­messen Fuß­ball zu spielen. Als ich nach Dort­mund kam, hat Jürgen Klopp mir gesagt, dass ich auch los­lassen muss und dass es nicht gut ist, immer nur an Fuß­ball zu denken“, sagt er. Ich habe ange­fangen zu ver­stehen, was er damit meint, und so langsam hat sich dieser Teil von mir hier ver­än­dert.“

Es wird sicher­lich nicht ein­fach gewesen sein, Hen­rikh Mkhi­ta­ryan davon zu über­zeugen, dass es auch noch etwas anderes als Fuß­ball gibt. Immerhin ist dies der Mann, der wäh­rend seiner Zeit bei Schachtar nicht in der Innen­stadt wohnte, son­dern auf dem Trai­nings­ge­lände, um – wie er sagt – die ganze Zeit Fuß­ball zu leben und mich Tag für Tag zu ver­bes­sern“. Ver­denken kann man ihm eine solch totale Fixie­rung auf das Spiel nicht. Ohne in Küchen­psy­cho­logie abgleiten zu wollen, darf es doch als sicher gelten, dass der Fuß­ball ihm in einer ent­schei­denden Lebens­phase half, den Ver­lust seines Vaters zu ver­ar­beiten, und ihm gleich­zeitig die Inte­gra­tion in eine fremde Gesell­schaft erleich­terte.

Aber in Dort­mund spürten sie, dass der neue Spieler sich zu sehr selbst unter Druck setzte, weil er nie­manden ent­täu­schen wollte. Nun ist es kei­nes­wegs so, als könnte Mkhi­ta­ryan mit Druck nicht umgehen. Seine bisher beste Leis­tung lie­ferte er im wich­tigsten Spiel von allen ab: Er war der über­ra­gende Mann auf dem Feld, als der BVB im vor­letzten Grup­pen­spiel in der Cham­pions League einen Sieg mit zwei Toren Unter­schied gegen Neapel brauchte, um das vor­zei­tige Aus zu ver­hin­dern. Jürgen Klopp nannte ihn nach dem Abpfiff übri­gens einen Unter­schied-Macher“.

Doch in Dort­mund funk­tio­niert der Fuß­ball wei­terhin nicht über das Müssen, son­dern über den Spaß am Wollen. Es galt also, in Mkhi­ta­ryan die Art von Unbe­küm­mert­heit zu wecken, die in seinem Cha­rakter viel­leicht ein wenig tiefer ver­graben liegt als bei anderen Men­schen. Man könnte sagen, es ging um eine Groß­kreutzi­sie­rung des arme­ni­schen Neu­zu­gangs. Das Pro­jekt scheint Erfolg gehabt zu haben, denn in der Rück­runde wirkt Mkhi­ta­ryan auf und abseits des Platzes gelöster. In den ersten sechs Monaten fühlte ich mich unter Druck“, sagt er wäh­rend des Gesprächs. Aber das ist nicht mehr so. Jetzt bin ich locker und denke nicht mehr daran, son­dern nur noch ans Trai­ning, an die Spiele und daran, wie gut das ­Leben ist.“

Dass es trotzdem noch ein wenig dauern kann, bis Mkhi­ta­ryan voll­ständig in Dort­mund ange­kommen ist, spürt man, wenn er erwähnt, dass er noch keinen Schach­partner finden konnte. Oder als er erzählt, dass er seine Mutter schon einige Male gebeten habe, ihren Job auf­zu­geben und in seine Nähe zu ziehen. Manchmal, wenn ich ange­spannt bin oder ärger­lich, brauche ich jemanden, mit dem ich reden kann“, sagt er. In sol­chen Momenten könnte sie mir helfen. Aber weil sie beruf­lich sehr ein­ge­spannt ist, kann sie nur selten her­kommen und dann nicht viele Tage bleiben. Und so reden wir meis­tens am Telefon.“

Ver­mut­lich wird dem Arme­nier alles noch viel leichter fallen, sobald er erst die Sprache seiner neuen Heimat spricht. Zwar stellt die kom­plexe deut­sche Gram­matik, so hört man immer wieder, für jeden Aus­länder eine große Her­aus­for­de­rung dar, aber Mkhi­ta­ryan muss in dieser Hin­sicht eine beacht­liche Bega­bung besitzen: Neben den Spra­chen, mit denen er auf­ge­wachsen ist (Fran­zö­sisch und Arme­nisch), und jenen, die er in der Schule gelernt hat (Rus­sisch und Eng­lisch), kann er sich auch noch auf Por­tu­gie­sisch ver­stän­digen. Und zwar allein des­halb, weil er als 13-Jäh­riger im Rahmen eines Fuß­ball-Aus­tausch­pro­gramms mal vier Monate in Bra­si­lien ver­bracht hat. Neben dem Trai­ning gab es auch bra­si­lia­ni­schen Schul­un­ter­richt, so habe ich nebenbei die Sprache gelernt“, sagt er, als wäre dies das Nor­malste auf der Welt.

Das Gespräch mit dem Jour­na­listen führt Mkhi­ta­ryan auf Eng­lisch. Er weiß, dass er in dieser Sprache weit weniger elo­quent ist, als wenn er auf Fran­zö­sisch par­lieren dürfte, aber es scheint ihn nicht zu stören. Im Gegen­teil, er ver­mit­telt den Ein­druck, als würde er am liebsten noch stun­den­lang so über Gott und die Welt und den Fuß­ball quat­schen. Dabei naht bedroh­lich der Beginn der nächsten Trai­nings­ein­heit. Schließ­lich bekommt der Spieler von einem Ange­stellten des Ver­eins ein­deu­tige Zei­chen, dass er sich nun besser sputen solle.

Tschüss, bis zum nächsten Mal“, sagt Hen­rikh Mkhi­ta­ryan und geht den Gang ent­lang. Als die Tür hinter ihm zuschlägt, fällt einem wieder ein, dass dies keine unge­zwun­gene Plau­derei unter guten Bekannten gewesen ist, son­dern ein beruf­li­cher Termin. Und dann fällt einem noch etwas auf. Mkhi­ta­ryan hat sich gerade in akzent­freiem Deutsch ver­ab­schiedet.