Seite 2: „Da fühle ich mich wie ein Gladiator“

Auf dem Platz wirkt es manchmal, als würde Ihr Selbst­ver­trauen ins Unfaire kippen. Sind Sie ein unfairer Spieler?
Null­kom­ma­null. Ich hab erst einmal glatt Rot gesehen, gegen Leip­zigs Stefan Ils­anker kam ich im Zwei­kampf zu spät. Da habe ich mich so oft ent­schul­digt, dass ich abends fast den Flieger ins Sport­studio ver­passt hätte. Ich mag es nicht zu foulen. Oder gar zu ver­letzen.

2016/17 waren Sie auch gar nicht der unfairste Spieler der Liga, mit 72 Fouls lagen Sie auf Platz zwei.
Ich führe aber auch mit die meisten Zwei­kämpfe und werde selbst sehr oft gefoult. Nach man­chen Spielen liege ich zwei Tage auf dem Sofa und kann mich kaum noch bewegen. Aber das ist ein­fach mein Spiel. Mich kriegt nie­mand klein. Nicht der Gegner, nicht die Fans, es kann 0:4 stehen, ich werfe mich trotzdem noch in die Zwei­kämpfe. In Sachen Men­ta­lität können mir bestimmt nicht viele Bun­des­li­ga­spieler das Wasser rei­chen. Und zur Sta­tistik: Es wird schon wegen meiner Größe wahn­sinnig viel abge­pfiffen. Was denken Sie, wie oft ich vom Schiri höre: Guck doch mal, wie groß du bist.“ Ein typi­scher Schi­ris­pruch, bei dem ich immer schmun­zeln muss. In Eng­land hätte ich viel­leicht zwanzig Fouls in der Sta­tistik.

Mario Basler hat mal gesagt, es gebe kaum etwas Gei­leres, als in Dort­mund von 70 000 Leuten aus­ge­pfiffen zu werden.
Für mich auch nicht. Wenn ich merke, dass die Stim­mung richtig auf­ge­heizt ist, ver­setzt mir das einen unglaub­li­chen Adre­na­lin­stoß. Tau­sende Men­schen in einem rie­sigen Sta­dion, zwei Mann­schaften gegen­ein­ander: Da fühle ich mich wie ein Gla­diator. Und je bri­santer das Spiel, desto besser bin ich.

Wo war es am bri­san­testen?
Die Cham­pions-League-Qua­li­fi­ka­tion mit Werder Bremen 2010 in Genua. Die Stim­mung war unfassbar. Selbst so ein alter Hase wie Claudio Pizarro sagte, so etwas habe er noch nicht erlebt. Und ich war erst 21. Solche Spiele gibt es immer wieder mal, letzte Saison in Frank­furt etwa. Da herrschte eine Atmo­sphäre, in der sich andere Spieler schon mal in die Hose scheißen können. Aber mir hat es großen Spaß gemacht.

Der Ell­bo­gen­schlag von David Abraham gegen Sie sah damals nicht nach Spaß aus. Tri­kots haben Sie beide an diesem Abend nicht getauscht, oder?
(Lacht.) Viel­leicht das nächste Mal. So etwas pas­siert. Ich habe ihm direkt nach der Szene gesagt: Hey, ich bin auch ein harter Spieler. Aber das war unfair.“ Da hat er sich ent­schul­digt. Hätte er anders reagiert, wäre ich sauer geworden. So war das gegessen. Aber auch wenn mir danach zwei Tage schwin­delig war: Das sind die geilen Spiele, ich liebe das. An dem Abend hätte schon mehr pas­sieren müssen, damit ich frei­willig den Platz ver­lasse.

Auf dem Platz sind Sie sehr emo­tional, in Fiel­din­ter­views dann oft fast lamm­fromm. Haben Sie irgendwo einen Schalter ein­ge­baut?
Eigent­lich bin ich ein ruhiger Typ. Privat kann ich gar nicht richtig sauer werden. Aber wenn ich das Spiel­feld betrete, werde ich ein anderer Mensch. Auf dem Platz muss ich anecken, um erfolg­reich zu sein. Auch wenn ich mir damit natür­lich nicht nur Freunde mache. Mich inter­es­siert aber nicht, ob die Leute mich mögen. Ich muss nach dem Spiel nicht von den Fans zum Auto getragen werden.

Über­drehen Sie mit Ihrer Art manchmal? Einen Treffer für Darm­stadt in Berlin beju­belten Sie vor der Ost­kurve, wo die strammen Hertha-Fans stehen.
Ach, bei dem Tor waren so viele Emo­tionen im Spiel. In Berlin hatte man mich ein Jahr zuvor vom Hof gejagt, ich musste im Trai­ning alleine Bälle aufs leere Tor schießen. Dann komme ich mit Darm­stadt wieder und schieße das Tor zum Klas­sen­er­halt. Das musste raus. Der Jubel wurde aller­dings falsch gedeutet.

Inwie­fern?
Zur Ost­kurve hatte ich immer ein gutes Ver­hältnis. Wäh­rend der Saison wurde dort noch geju­belt, wenn ich als Tor­schütze für Darm­stadt auf der Anzei­ge­tafel erschien. Es ging eher um einige wenige, die dort im Ober­rang sitzen. Die nennen sich Hertha-Fans, pfeifen aber die halbe Mann­schaft aus. Auch mich haben die immer sehr kri­tisch gesehen. Aber klar, in dem ganzen Durch­ein­ander war natür­lich nicht aus­ein­an­der­zu­halten, wen ich meine. Das war schon doof. Zumal die Fans in Berlin ja schnell über die Bande kommen können. (Lacht.)